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Brunnen in der Stadt St. Gallen: Der Lämmler, Erinnerung an das textile Erbe

Mit der Sanierung des Bahnhofplatzes wurde der Standort des Tuchbrunnens für kurze Zeit angezweifelt. Doch der «Lämmler» gehört zu St.Gallens künstlerischem Erbe.

Basil Schnellmann
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Der Lämmlerbrunnen darf weiterhin auf dem Kornhausplatz stehen.

Der Lämmlerbrunnen darf weiterhin auf dem Kornhausplatz stehen.

Bild: Basil Schnellmann (3.September 2020)

Wer den Blick über den Kornhausplatz schweifen lässt, bleibt sicher für einen Moment an einer hochragenden Brunnenskulptur hängen. Was der Auswärtige, der dem sanften Rinnen des Wassers zuschaut, sicher nicht weiss: Diese Plastik stand vor wenigen Jahren im Zentrum einer Diskussion über die Ausschmückung bei der Neugestaltung des Kornhausplatzes.

An der Stelle, an der bis 1977 das alte Rathaus gestanden hatte, schuf der St.Galler Künstler und Gewerbelehrer Jakob «Köbi» Lämmler in den 1970er-Jahren eine Skulptur, die an die textile Vergangenheit St.Gallens erinnern soll. Das Kunstwerk - ein bronzenes, faltenwerfendes Tuch, aus dem konstant ein seichter Wasserstrahl rieselt - wurde 1980 eingeweiht. Im Konzept des Künstlers war vorgesehen, dass das Kunstwerk an einer Leine «hängen» soll, doch dieses Teilstück des Gesamtkunstwerks wurde nie umgesetzt.

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Bei der Neugestaltung und Sanierung des Bahnhofplatzes vor sechs Jahren kam es zur Diskussion, ob Lämmlers Erbe seinen Platz behalten darf oder ob ihm eine andere Bleibe zugeteilt wird. Ursprünglich war bei der Neugestaltung auf dem Kornhausplatz ein Wasserspiel geplant. Doch dieses wurde von verschiedenen Seiten als «niveaufrei» und «belanglos» abgetan. Daniel Studer, Direktor des Historischen- und Völkerkundemuseums St. Gallen, verteidigte den den Brunnen. Jakob Lämmlers Werk aus den 1970er-Jahren zähle zur Schweizer Avantgarde der Informel-Richtung, einer Form der abstrakten Kunst, liess er verlauten.

Die Suche nach einem würdigen Ersatzort gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. Da man die Skulptur weder einlagern noch an eine andere Gemeinde abgeben wollte, wurden die Pläne für das Wasserspiel trotz bereits erfolgter Volksabstimmung kurzerhand gestrichen. Anschliessend wurde der Lämmlerbrunnen saniert und danach wieder auf dem gleichen Platz aufgebaut.

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St.Gallens Brunnen bieten einen Blick in die Geschichte der Stadt. Gründerväter und Heilige werden genauso abgebildet wie Delfine oder Drachentöter. In einer losen Serie geht die Stadtredaktion den Brunnen auf der Grund. (red)

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