Bodensee statt Rotes Meer: Weshalb Ferientaucher in der Coronakrise Hecht und Egli neu entdecken

Die Sicht im Bodensee wird nun Tag für Tag besser. Das nutzen auch Taucherinnen und Taucher, die sich sonst nicht ins kalte Wasser wagen. Die Parkplätze am Seeufer in Goldach und Rorschach sind voll, die Flieger nach Ägypten bleiben leer.

Rudolf Hirtl
Drucken
Teilen
Ein Hecht in der Goldacher Bucht.

Ein Hecht in der Goldacher Bucht.

Tino Dietsche

Taucher, Schnorchler, Kite-Surfer – sie alle lieben das klare Wasser und die Wärme des Roten Meeres in Ägypten. Seit dem 1. September muss für die Einreise im ganzen Land allerdings ein negativer PCR-Test vorgelegt werden – zuvor waren wichtige touristische Regionen davon ausgeschlossen. Die Einreise ist für Schweizer weiterhin möglich und eine Quarantänepflicht für Einreisende aus Ägypten sieht das Schweizer Bundesamt für Gesundheit aktuell nicht vor, dennoch ist der Tourismus auch am Roten Meer eingebrochen.

Eine Trüsche mit weit aufgerissenem Maul.

Eine Trüsche mit weit aufgerissenem Maul.

Tino Dietsche

Für Touristik-Unternehmen ist das ein Desaster – für die Meereswelt aber ein Segen: Flora und Fauna können sich erholen. Während das Rote Meer also eine Atempause erhält, so weckt die Unterwasserwelt im Bodensee momentan das verstärkte Interesse von Taucherinnen und Tauchern, die aufgrund der Covid-19-Pandemie auf die Reise in den fernen Süden verzichten.

Sicht im See ist im Winter um einiges besser

Auch der aus Norddeutschland angereiste Micha Dunst (34), der sich auf dem Rietliparkplatz in Goldach aus seinem Neoprenanzug schält, taucht das erste Mal im Bodensee. Im Gegensatz zur Schweiz stehe Ägypten in Deutschland auf der Quarantäneliste. Daher habe er sich für den schon längst überfälligen Tauchgang im schwäbischen Meer entschieden.

Auch Aale gehen in der Dunkelheit auf die Jagd.

Auch Aale gehen in der Dunkelheit auf die Jagd.

Tino Dietsche

Napoleonfische, Delfine, Seepferdchen und Feuerkorallen hat er zwar nicht angetroffen, dennoch ist er überrascht von der guten Sicht in der Goldacher Bucht. «Ich war erstaunt, über die Vielfalt, die ich hier unter Wasser angetroffen habe. Welse, Hechte, Aale und haufenweise Muscheln, es war beeindruckend», sagt Dunst.

In der Nacht lebt der See

Für Unterwasser-Fotograf Tino Dietsche ist das keine wirkliche Überraschung. Mit Ende der warmen Jahreszeit habe es weniger Algen und Schwebeteilchen im Wasser, wodurch die Sicht im Bodensee nun nach und nach besser werde. Im Winter seien denn auch mal Sichtweiten von gegen 20 Meter möglich. Der 39-jährige Goldacher taucht am liebsten in der Dunkelheit. «Kaum wird es Nacht, beginnt im Bodensee die Jagd. Egal ob Aal, Hecht oder Egli, immer wieder wird nach Futter geschnappt und dieses verfolgt, auch wenn der Feind nicht immer im Magen endet», erklärt Dietsche die Faszination für Nachttauchgänge. Und weil er bei seinen 1211 Tauchgängen, der Grossteil davon im Bodensee, meistens die Kamera dabei hat, können auch Nicht-Taucher sehen, was unter der Wasseroberfläche los ist.

Corona ist unter Wasser kein Thema

Tauchen in Zeiten von Corona beurteilt Tino Dietsche als unproblematisch. «Die Atemluft ist gefiltert und beim persönlichen Equipment gibt es keine Berührung durch andere Personen.» Einziger Punkt wäre eine Notsituation, bei der ein Atemregler an den Tauchbuddy gereicht werde, damit dieser wieder eine sichere Luftversorgung habe. Aber selbst da wäre der Regler ja zuerst im Wasser. «Wenn sich jemand nicht wohlfühlt, geht er zudem nicht tauchen. Wie überall ist wichtig, sich nach dem gesunden Menschenverstand zu richten und sich innerhalb der eigenen Grenzen zu bewegen.»

Die Nasstaucher werden wieder weniger werden

Dietsche bestätigt, dass dieses Jahr mehr Ferien- und Gelegenheitstaucher im See anzutreffen sind. «Zum Problem werden dürfte dies nicht, denn es wird kälter, und Nasstaucher werden eher wieder verschwinden.» Dietsche spricht damit den Umstand an, dass erfahrene Bodenseetaucher in der Regel einen Trockentauchanzug verwenden, der kein Wasser an den Körper lässt und dessen Kälteschutz mit Unterziehern noch verbessert werden kann. Ferientaucher benützen hingegen in der Regel einen Nassanzug aus Neopren. Dabei wärmt nur die Schicht Wasser, die zwischen Haut und Anzug eingeschlossen ist. Nasstaucher kühlen daher schneller aus und müssen relativ rasch zurück ans Land.