Glosse
«Bluetspuure ufm WC-Rand, also da goht nöd»: Wenn das St.Galler Stadtparlament über Menstruation diskutiert und es zu Gesangsvorträgen kommt

Das St.Galler Stadtparlament befindet in der Regel über wichtige Projekte für die Stadt. Häufig sind die Parlamentarierinnen und Parlamentarier aber ungewollt komisch.

Marlen Hämmerli
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Das Stadtparlament tagt wegen der Coronapandemie neu in der Olma-Halle 2.1.

Das Stadtparlament tagt wegen der Coronapandemie neu in der Olma-Halle 2.1.

Ralph Rib (25. August 2020)

Gegen 21 Uhr beginnt Beat Rütsche, Präsident des St.Galler Stadtparlaments, zu rechnen. «Wir sind nun fünf Stunden dran und haben die Hälfte der Traktanden abgearbeitet. Wenn das so weiter geht, sind wir bis um 2 Uhr hier.» So weit kommt es dann doch nicht. Gegen 23 Uhr, nach sieben Stunden, haben die Parlamentarierinnen und Parlamentarier an diesem Dienstag ihr Soll erfüllt und Feierabend. Ja, solche Sitzungen mit «open end» haben es in sich. Das wird spätestens klar, als FDP-ler und Tubaspieler Karl Schimke beginnt, die Überdeckelung in St.Fiden zu besingen.

Karl Schimke, FDP-Stadtparlamentarier.

Karl Schimke, FDP-Stadtparlamentarier.

Urs Bucher

Vielleicht ist es aber auch der Drang, sich kurz vor den Erneuerungswahlen vom Samstag nochmals ins beste Licht, ins Rampenlicht, zu rücken. Auch der Junge Grüne Adrian Hilber greift in einem Votum, das sein Parteikollege Christian Huber verliest, zu einem rhetorischen Kniff und kündigt einen imaginären Dialog an, der sich aber als Monolog entpuppt:

«Hey Schatz, i ha voll Verständnis, wenn dini Mens hesch. Aber Bluetspuure ufm WC-Rand, also da goht nöd.»

Ja, auch über Menstruation debattiert das Stadtparlament an diesem Abend. Wobei sich ein Mann und sechs Frauen zum Geschäft äusserten, die zuständige Stadträtin Sonja Lüthi inbegriffen. Auffallend: Der einzige Mann, der ein Votum hielt, nahm sich zu fortgeschrittener Stunde die Zeit, erst einmal den Begriff zu definieren.

Gratisabgabe soll Menstruation enttabuisieren

Andrea Scheck (Juso) begründet ihr Postulat zum einen mit der Menstruationsarmut, zum anderen mit der Diskriminierung von Frauen. Tampons und Binden sind als Luxusprodukt klassiert und unterliegen entsprechend einer höheren Mehrwertsteuer. Zum dritten kritisiert Scheck, Menstruation sei immer noch ein Tabuthema. Liegen in den Toiletten von öffentlichen Gebäuden Frauenhygieneprodukte auf, enttabuisiere das die Periode.

Andrea Scheck sitzt für die Juso im Stadtparlament.

Andrea Scheck sitzt für die Juso im Stadtparlament.

PD

SP-Frau und Reallehrerin Gabriela Eberhard unterstützt das Anliegen mit einem emotionalen Votum. Schülerinnen oder Lehrerinnen würden sie oft um Tampons bitten. Nicht offen, sondern hinter vorgehaltener Hand. Eberhard endet mit einem Zitat einer Soziologin:

«Kinder werden von Geburt an geprägt, von allem, was sie sehen und erleben.»

Doch müssten dann nicht auch auf den Männer-WCs Tampons und Binden aufliegen?

Der Bundesrat will den Mehrwertsteuersatz für Damenhygieneartikel wie Tampons senken.

Der Bundesrat will den Mehrwertsteuersatz für Damenhygieneartikel wie Tampons senken.

Alexandra Wey/Keystone

Zweite Corona-Welle: Hamstern die Leute nun Tampons?

SVP-lerin Manuela Ronzani verliest das Votum ihrer Parteikollegin Ines Schroeder-Helm. Diese lehnte namens der SVP-Fraktion die Gratisabgabe von Menstruationsartikeln in öffentlichen Gebäuden ab. Wir befänden und mit der Pandemie in einer schwierigen Situation. Eine zweite Welle rolle auf uns zu.

«Da müssen wir Prioritäten bestimmen und vor uns liegt ein Postulat, an dessen Priorität ich zweifle.»
Manuela Ronzani, SVP-Stadtparlamentarierin.

Manuela Ronzani, SVP-Stadtparlamentarierin.

Benjamin Manser

Zudem befürchtet Schroeder-Helm «unerwünschte Hamsteraktionen». Der Gedanke liegt ja auch nahe. Bei der ersten Corona-Welle wurde Toilettenpapier gehamstert. Nicht nur in Läden, sondern teilweise auch in Restaurants und am Arbeitsplatz. Der Gang zum Rathaus für die «Besorgung» von WC-Papier liegt nah. Also logisch: Bei der zweiten Welle werden schon bald – ganz bestimmt ! – Tampons und Binden gehamstert. Beide Artikel sind schliesslich multifunktional.

Auf den Umweltaspekt kam Nadine Niderhauser von den Grünliberalen zu sprechen: Es sei nicht Aufgabe des Staates, Tampons und Binden gratis zur Verfügung zu stellen. Ausserdem fördere das vor allem Einwegprodukte und nicht etwa Menstruationstassen.

Nadine Niederhauser, GLP-Stadtparlamentarierin.

Nadine Niederhauser, GLP-Stadtparlamentarierin.

Ralph Ribi

Das Anliegen von Andrea Scheck scheiterte schliesslich. 32 stimmten gegen die Überweisung des Postulats, 25 dafür. Man kann aber anmerken: Gut wurde darüber diskutiert und am Ende hatten auch alle eine klare Meinung. Enthaltungen gab es keine.