Blocher, Raclette und Volksmusik: Der unbekannte Wittenbacher Christian Haefele ist überraschend in den Kantonsrat gewählt worden

Der SVP-Mann führt einen Bauernhof, wo er rund 70 Tiere hält, und sieht sich politisch am rechten Flügel seiner Partei. Nun will Haefele die Interessen seiner Gemeinde im Kantonsrat einbringen.

Melissa Müller
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Neo-Kantonsrat Christian Haefele auf seinem abgeschiedenen Hof in Wittenbach.

Neo-Kantonsrat Christian Haefele auf seinem abgeschiedenen Hof in Wittenbach.

Bild: Nik Roth

Grosse schwarze Kulleraugen schauen unter struppigen schwarzen Fransen hervor. Eine graue Zunge schleckt die Hand von Christian Haefele ab. Der Wittenbacher Bauer hält zehn Wasserbüffel, die er einem Kollegen der «Büffeloase» in Muolen abgekauft hat. «Sie sind neugieriger als die anderen Rinder», sagt der 32-Jährige. Die Haltung der Büffel mit den imposanten Hörnern mache Spass, sei aber ein Nischenprodukt.  

Haefele, der auf seinem IP-Betrieb rund 70 Tiere hält, ist kein 08/15-Bauer. Er setzt nebst der Fleischproduktion und dem Obstanbau auf spezielle Produkte wie Baumnussöl und Urdinkel vom eigenen Feld. «Ich experimentiere gern», sagt der gelernte Landmaschinenmechaniker.

Dass sein Hof in Schönenhofen an der alten Konstanzerstrasse abseits vom Wittenbacher Zentrum liegt, ist ihm recht. «Ein bisschen Distanz tut gut», sagt der SVP-Mann, der den Hof mit 25 von den Eltern übernommen hat. Er sei froh, da draussen nicht so viel vom Dorfklatsch mitzubekommen.  

Erst einmal geflogen – mit der Rega ins Spital

Hier spielt sich seine Arbeit, sein Leben ab. Ferien liegen selten drin, dafür ab und zu ein Ausflug in der Schweiz mit seiner Frau Brida, die er an der Siebenschläferparty in Amriswil kennen gelernt hat. Geflogen ist Christian Haefele erst einmal, als er mit 18 einen Töffunfall erlitt. Die Rega flog ihn von Häggenschwil ins Spital.

Seine Kawasaki benutzt er selten, er habe viel zu tun. Er hat den Betrieb von Milch- auf Fleischwirtschaft umgestellt. Im Dezember ist Töchterchen Fiona auf die Welt gekommen. Und am 8. März wurde er unerwartet in den Kantonsrat gewählt. Ausserhalb der bäuerlichen Kreise ist er noch wenig bekannt. «Ich bin total überrascht.»

Christian Haefele hat den Hof mit 25 Jahren von seinen Eltern übernommen.

Christian Haefele hat den Hof mit 25 Jahren von seinen Eltern übernommen.

Bild: Nik Roth

Sein Vater und seine Frau waren skeptisch. «Du hast doch schon genug Arbeit», sagten sie. «Es ist eine Frage der Organisation», meint hingegen Haefele. Er werde bei Bedarf einen Betriebshelfer einstellen. Wittenbach war seit Mitte 2018 nicht mehr im Kantonsrat vertreten; nun freut sich Haefele, die Interessen der Gemeinde im Rat einzubringen.

Politisch sieht er sich am rechten Flügel der SVP. Schon bevor er in die Volkspartei eintrat, half er, Plakate für die Minarettinitiative aufzuhängen. «Eine Moschee passt nicht zu unserer Kultur», findet der Bewunderer von SVP-Hardliner Christoph Blocher und Toni Brunner.

Als Brunner Nationalrat wurde, lauschte er am Radio stundenlang seinen Interviews. Gern erinnert sich Haefele auch an einen Racletteabend der SVP, an dem er zwischen Kantonsrat Toni Thoma und Nationalrat Roland Rino Büchel sass.

Bauernsohn wurde in der Schule gemobbt

Seine «Liebe zum Vaterland» wurde ihm aber auch schon übelgenommen, früher in der Oberstufe. Gleichaltrige foppten den Realschüler wegen des Namens Haefele und seiner bäuerlichen Herkunft. Auch missfiel ihnen, dass er keine Markenklamotten trug; «eine Jacke musste für mich praktisch sein». Ein paar Mal eckte er an, provozierte, kam unter die Räder.

«Dabei habe ich gelernt, dass es manchmal besser ist, nicht alles auszusprechen, was man denkt.»

Und er war schon damals ganz froh, ausserhalb des Dorfs zu wohnen, weg von allem. Auftanken kann er beim Musikhören. Der Fan der Klostertaler mag Volksmusik, Ländler und Blasmusik, «alles ausser Rap». Als Klostertalersänger Markus Wolfahrt bei einem Fest auf seinem Hof auftrat, ging ihm das Herz auf. 

Schulisch machte der junge Mann erst spät den Knopf auf. Nach einem guten Lehrabschluss schloss er auch seine Ausbildungen zum Landwirt und an der Betriebsleiterschule mit sehr guten Leistungen ab.  

Andreas Widmer, Präsident des St.Galler Bauernverbands

Andreas Widmer, Präsident des St.Galler Bauernverbands

Bild: Urs Jaudas

Andreas Widmer, Präsident des St.Galler Bauernverbands, freut sich, dass mit Haefele ein «innovativer junger Bauer» neu im Kantonsrat sitze. Der Verband hatte 35 Kandidaten aus dem bäuerlichen Umfeld unterstützt – davon wurden 14 gewählt. «Wir haben vier Sitze dazugewonnen», sagt Widmer.

Viele Bäuerinnen und Bauern würden fleissig an die Urne gehen. Sie seien politisch überdurchschnittlich interessiert. Zum einen, weil die meisten von ihnen Grundeigentümer sind. Zum anderen, weil ihre Betriebe von staatlichen Subventionen abhängig sind.

«Der Zusammenhalt in Häggenschwil ist grösser»

Zehn Jahre war Haefele bei der Landjugend vorne mit dabei und organisierte Olma-Auftritte. Der Hobby-Schlagzeuger musiziert aushilfsweise in der Musikgesellschaft Wittenbach mit und sitzt im Schulparlament der Oberstufenschulgemeinde Grünau. Und er gehört zu den Silvester-Schellnern von Häggenschwil. Ein alter Brauch, bei dem Männer mit der Treichel von Tür zu Tür gehen.

«In Häggenschwil ist der Dorfzusammenhalt grösser als in Wittenbach mit seiner Multikulti-Gesellschaft.»

In seiner Stube hängt eine prachtvoll geschmiedete Kuhglocke, auf der «Brida und Christian» eingraviert ist – ein Hochzeitsgeschenk der Feuerwehr. Dort engagiert sich Haefele als Unteroffizier. Auf dem Bauernhof ist er auf sich gestellt. Bei der Feuerwehr muss er hingegen mit anderen zusammenspannen. Auch in der Politik will er kein Einzelkämpfer sein. «Es ist zielführender, zusammen Lösungen zu erarbeiten.»