«Blinder Aktionismus»: Am gefährlichsten Gossauer Fussgängerstreifen bremst nun der Bus die Autos aus

«Ein Debakel» für die einen, für die anderen eine überfällige Massnahme: An der Haltestelle Migrosmarkt hält der Bus seit wenigen Tagen mitten auf der St.Gallerstrasse. Die Autos müssen warten. Auf Facebook gehen die Meinungen darüber auseinander.

Johannes Wey-Eberle
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Bushaltestelle Migrosmarkt in Gossau: Die Haltebucht ist zuasphaltiert, der Bus hält auf der Strasse, die Autos müssen warten.

Bushaltestelle Migrosmarkt in Gossau: Die Haltebucht ist zuasphaltiert, der Bus hält auf der Strasse, die Autos müssen warten.

Bild: Arthur Gamsa (9. Oktober 2020)

Und plötzlich geht es schnell: Zwei Unfälle auf dem Fussgängerstreifen bei der Migros gaben den Ausschlag, den Bushalt nun auf die Fahrbahn zu verlegen. Die Massnahme hatten die Planer beim Kanton schon länger im Auge, in den letzten Tagen wurde sie umgesetzt – zunächst provisorisch, im Sinn einer Sofortmassnahme, wie Manfred Huber vom Tiefbauamt nach der Ankündigung erklärte:

«Wir wollen verhindern, dass es auf diesem Fussgängerstreifen zu weiteren Unfällen kommt.»

Die Haltebucht ist aufgefüllt

Nun glänzt dort, wo sich bis vor kurzem die Haltebucht für den Regiobus befand, frischer Asphalt. Wenn der Bus vor der Migros anhält, müssen die nachfolgenden Autos auf der St.Gallerstrasse warten.

Die Haltebucht der Bushaltestelle Migrosmarkt ist aufgehoben.

Die Haltebucht der Bushaltestelle Migrosmarkt ist aufgehoben.

Bild: Johannes Wey (8. Oktober 2020)

Das neue, provisorische Regime soll im kommenden Jahr mit einer definitiven Lösung zementiert werden, das Projekt dürfte in den nächsten Monaten aufgelegt werden.

«Wird auch endlich Zeit», sagen die einen

Auf Facebook sind die Bauarbeiten nicht unbemerkt geblieben und lösen in der Gruppe «Du bisch vo Gossau wenn...» gemischte Reaktionen aus. «Wird auch endlich Zeit» und «super», kommentieren die einen.

Ein Anwohner schildert, dass er schon einige Male um ein Haar angefahren worden sei, weil Autos mit 50 Stundenkilometer den Bus überholt hätten. Ein anderer bedauert, dass jemand sterben musste, ehe Massnahmen ergriffen wurden.

Die unübersichtliche Situation hat auch Stadtparlamentarier Frank Albrecht (SVP) auf den Plan gerufen. Er hat einen Vorstoss eingereicht. Hier überquert er für einen TV-Beitrag den Fussgängerstreifen.

Die unübersichtliche Situation hat auch Stadtparlamentarier Frank Albrecht (SVP) auf den Plan gerufen. Er hat einen Vorstoss eingereicht. Hier überquert er für einen TV-Beitrag den Fussgängerstreifen.

Bild: Michel Canonica (24. September 2020)

Die Mehrheit steht dem Fahrbahnhalt aber kritisch gegenüber: «Absolut unnötig, wieder einmal blinder Aktionismus», ist da zu lesen. Und:

«Wie so oft: Zuerst muss es Tote geben und dann wird der Amtsschimmel hyperaktiv in die falsche Richtung. Was für ein Desaster!»

Zwei Unfälle brachten den Stein ins Rollen

Die Nutzerinnen und Nutzer stören sich daran, dass die Massnahme in keinem Zusammenhang mit den jüngsten Unfällen steht: Im August wurde ein 81-Jähriger auf dem Fussgängerstreifen angefahren und verstarb noch an der Unfallstelle. Zwei Wochen später streifte ein Lastwagen eine 66-Jährige mit Kinderwagen. Sie und ein zweijähriges Kind wurden verletzt.

Im August verstarb ein 81-Jähriger nach einem Unfall auf dem Fussgängerstreifen.

Im August verstarb ein 81-Jähriger nach einem Unfall auf dem Fussgängerstreifen.

Bild: Kapo

Allerdings hatten beide Unfälle nichts mit dem Bushalt zu tun. Trotzdem ist es unbestritten, dass die unübersichtliche Situation immer wieder zu gefährlichen Momenten geführt hat. Auch im Stadtparlament widmete sich ein Vorstoss dem Thema.

Viele sehen die Verschiebung des Fussgängerstreifens als Lösung

Für viele Nutzerinnen und Nutzer wäre daher die Verlegung des Fussgängerstreifens – beispielsweise nach Osten, vor die Bushaltestelle – die bessere und erst noch günstigere Lösung.

So postete eine Nutzerin ein Bild von den Bauarbeiten mit den Worten:

«Keine Chance, die Bushaltestelle bei der Migros wird nun auf die Strasse verlegt, egal, was die Einwohner von Gossau dazu meinen!»

Statt des Fussgängerstreifens wird im Zuge der definitiven Lösung die Bushaltestelle verschoben, um rund 15 Meter nach Westen.

Fussgänger sollen selber Acht geben

Ebenfalls oft erwähnt wird der Stau, den es auf der St.Gallerstrasse bei rund 19'000 Fahrzeugen täglich gibt. Die Planer sollten endlich das Verkehrsproblem lösen, stattdessen verschärfe der Fahrbahnhalt dieses.

Und nicht wenige sehen statt der Autofahrer die Fussgänger in der Pflicht, am Fussgängerstreifen vorsichtiger oder gar rücksichtsvoller zu sein: Sie sollen warten, bis der Bus weggefahren ist. Und ihr Vortrittsrecht nicht über das eigene Leben stellen.

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