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Blind in der Stadt St.Gallen

Blinde und Sehbehinderte haben im Alltag viele Herausforderungen zu bewältigen. Damit das Leben etwas einfacher wird, soll es eine weitere Vorkehrung an Ampeln geben – auch in St.Gallen.
Aliena Trefny
Gerd Bingemann ist seit über 30 Jahren auf den Blindenstock angewiesen. (Bild: Mareycke Frehner)

Gerd Bingemann ist seit über 30 Jahren auf den Blindenstock angewiesen. (Bild: Mareycke Frehner)

Routiniert tastet Gerd Bingemann am gelben Kästchen des Ampelpfostens nach dem Reliefpfeil. Er wartet darauf, bis dieser zu vibrieren beginnt: das Signal, dass die Ampel auf Grün schaltet. Der Pfeil zeigt Blinden und Sehbehinderten auch die Richtung des Zebrastreifens an. Für Menschen mit einer Sehbehinderung kann es trotz dieser Vibration und des zuweilen kurz piepsenden Tons schwierig sein, die Strasse sicher zu queren. Wenn der Verkehr auf der einen Seite des Streifens stärker zu hören ist als auf der anderen, tendiert Gerd Bingemann dazu, diesem Geräusch auszuweichen. Deshalb setzt sich der Interessenvertreter des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen SZBlind mit Sitz in St.Gallen dafür ein, dass das akustische Signal laut und lange genug erklingt, damit Blinde dem Geräusch problemlos von der einen Strassenseite zur anderen folgen können.

Zudem arbeitet der 58-Jährige mit dem Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute an der Normierung eines dritten akustischen Signals bei der Ampel, nämlich in der Gelbphase. Dieses soll dem sehbehinderten Fussgänger helfen, einzuschätzen, wie viel Zeit ihm zur Querung der Strasse bleibt. Ist man bereits auf der Strasse, verlängert es nach Verstummen des Grünsignals die akustische Führung. Nach der Vernehmlassung dieser Norm wird Bundesbern entscheiden, ob das Signal eingeführt wird.

Mit Ohren und Händen sehen

Weil die Sicht beeinträchtigt ist, muss sie durch einen anderen Sinn kompensiert werden. Beim Zwei-Sinne-Prinzip müssen mindestens zwei Sinne angesprochen werden, die Sicht und das Gehör oder die Sicht und der Tastsinn. Bingemann sagt:

«Eine Informationsübertragung, die nur einen Sinn anspricht, ist nicht mehr zeitgemäss.»

Besonders in ehemaligen Kriegsländern werde wegen der vielen Veteranen besonders viel Rücksicht auf Sehbehinderungen genommen. In der Schweiz warten Genf und Zürich mit der höchsten Dichte blindenfreundlich ausgerüsteter Ampeln auf. Doch auch St. Gallen sei recht gut ausgestattet mit weissen Relieflinien am Boden. Im ÖV seien die Ansagen zuverlässig, sowohl im Bus als auch an diversen Haltestellen. Vor allem das Zentrum sei gut eingerichtet. Wenn sich beispielsweise jemand ein gelbes Kästchen mehr an einem Ampelpfosten wünsche, handle die Stadt rasch.

Weniger Improvisation, mehr Teamplay

Gerd Bingemann muss sich dennoch vielen Herausforderungen stellen. Den leisen Elektroautos etwa. Auch Touch Screens sind nicht ideal für Blinde. «Es ist viel weniger Improvisation möglich. Man benötigt mehr Zeit, Nerven und Organisation und muss zum Teamplayer werden. Es ist nicht möglich, den einsamen Cowboy im Sonnenuntergang zu spielen». Trotz vieler Hilfsmittel könne das Leben mit Sehbehinderung zehren. Es gebe viele schmerzhafte Momente: Etwa, wenn man über ein Velo stolpert, das mit dem Stock aufgrund seiner Bauweise zu spät ertastet wurde.

Wenn sich beispielsweise jemand ein gelbes Kästchen mehr an einem Ampelpfosten wünsche, handle die Stadt rasch. (Bild: Mareycke Frehner)

Wenn sich beispielsweise jemand ein gelbes Kästchen mehr an einem Ampelpfosten wünsche, handle die Stadt rasch. (Bild: Mareycke Frehner)

Bingemann musste erst lernen, damit zurechtzukommen. Er ist mit vollem Sehvermögen zur Welt gekommen. In der dritten Klasse hat sich dann seine vererbte Netzhautkrankheit bemerkbar gemacht. Seine Sicht war damals schon massiv eingeschränkt, doch nach der Blindenschule absolvierte er mit einigen Tricks, zum Beispiel Audio-Tapes, das Wirtschaftsgymnasium und studierte Rechtswissenschaften an der HSG. Mit 25 hatte sich seine Sicht so sehr verschlechtert, dass er auf den weissen Stock angewiesen war. Nun kann er aufgrund des Sonnenlichts noch knapp Tag und Nacht auseinanderhalten. Bingemann beschreibt sein Gefühl der Blindheit so: «Es ist wie das ‹Fiserlizüüg›, das man im Fernseher sieht, ein ständiges Flimmern von Grautönen». Seine Fantasie sei noch immer bildhaft und er sehe meistens in seinen Träumen. Bingemann habe gedanklich ein Film- und Fotoarchiv, aus dem er jederzeit Bilder abrufen könne, wenn ihm jemand etwas beschreibe.

Wenn Milch nach Saft schmeckt

In der Schweiz leben gesamthaft etwa 325'000 Sehbehinderte. Die meisten gesunden Menschen können sich kaum vorstellen, mit welchen Alltagsproblemen diese Personen zu leben lernen müssen. Gerd Bingemann nennt ein Beispiel: «Als mich ein Arbeitskollege einmal in Wil auf der Strasse angesprochen hat, habe ich seine Stimme zuerst gar nicht erkannt, weil ich ihn nur im Kontext des St.Galler Büros kenne.» Mit dem Geschmack verhalte es sich ähnlich. Wenn Bingemann Milch trinken will, könne es sehr verwirren, wenn die Milch sauer und fruchtig schmecke, weil er beim Griff in den Kühlschrank Orangensaft erwischt hat. Es sei schwieriger, Geräusche oder Geschmäcker einzuordnen, wenn man deren Quelle nicht sehe. Auch der Gleichgewichtssinn sei nicht selbstverständlich. Um Schwindel vorzubeugen, müsse man trainieren. Gerd Bingemann übte jahrelang Judo aus und trainiert nun auf dem Trampolin. (alt)

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