Blechen für den Bus: Die ÖV-Kosten steigen in den meisten Gemeinden dieses Jahr erneut

Gemeinden beteiligen sich an den ÖV-Kosten. Sie zahlen aber nicht nur für das Angebot auf eigenem Boden.

Perrine Woodtli
Merken
Drucken
Teilen
In Berg gibt es nur eine Haltestelle. Dort fährt die Postautolinie 200 durch.

In Berg gibt es nur eine Haltestelle. Dort fährt die Postautolinie 200 durch.

Bild: Urs Bucher (29. April 2019)

Täglich kurven Busse und brettern Züge durch die Gemeinden der Region. Das kostet. Auch die Gemeinden müssen sich am ÖV im Kanton beteiligen (siehe Kasten). Wie viel, wird jedes Jahr neu berechnet. Andwil teilte kürzlich mit, dass der Gemeindeanteil an den ÖV dieses Jahr erneut steigt. Zahlte die 1990-Seelen-Gemeinde 2019 noch 125900 Franken, sind für 2020 rund 133600 Franken budgetiert.

Kosten fair verteilen

Der Kanton und die Gemeinden tragen die Beiträge an die Infrastruktur und den Betrieb für den kantonalen öffentlichen Verkehr nach Abzug des Bundesanteils gemeinsam. 2019 beteiligten sich die St.Galler Gemeinden mit rund 62 Millionen Franken an den Kosten. Die einzelnen Gemeindeanteile richten sich nach der Erschliessung der politischen Gemeinde durch den ÖV und nach der Einwohnerzahl. Dabei wird die Einwohnerzahl zu 25 Prozent und die Haltestellenabfahrten zu 75 Prozent gewichtet. Dieser Schlüssel soll eine angemessene Verteilung der ÖV-Kosten auf die Gemeinden ermöglichen. Die Berechnung erfolgt durch das kantonale Amt für öffentlichen Verkehr. (woo)

Die Kosten für Andwil hätten sich in den letzten Jahren laufend stark erhöht, sagt Gemeindepräsident Toni Thoma. Es handle sich fast um eine Verdreifachung innert zehn Jahren. «Das ist massiv.» 2010 lag der Gemeindeanteil noch bei 46000 Franken.

Der Anstieg sei beträchtlich, allerdings nachvollziehbar, da die Leistungen auch stark gestiegen seien, sagt Thoma. So verfüge die Gemeinde etwa über einen Viertelstundentakt nach Gossau mit dem Bus. Auch Nachtbusse sind heute im Einsatz. Das Preis-Leistungs-Verhältnis in Andwil sei gut.

Dennoch: Ein weiterer Ausbau des ÖV auf Kosten der Steuerzahler ist aus Thomas Sicht nicht angezeigt.

«Wir hoffen, dass nun keine weiteren massiven Steigerungen der Kosten auf uns zukommen.»

Gaiserwald hat einen der höchsten Pro-Kopf-Beiträge

Und wie viel zahlen die umliegenden Gemeinden? Eine Übersicht zeigt: Die grösste Gemeinde, die Stadt St.Gallen, zahlt am meisten, das kleinste Dorf, Berg, am wenigsten (siehe Grafik). St.Gallen hatte 2019 einen Gemeindeanteil von 19,89 Millionen Franken zu leisten, Berg 39900 Franken. In Berg lag der Pro-Kopf-Beitrag bei etwa 47 Franken. Dieser ist laut Gemeindepräsident Sandro Parissenti berechtigt. «Ich persönlich bin der Auffassung, dass der Wert angebracht ist für das, was wir an Leistung erhalten.»

Nach der Stadt St.Gallen folgt Gaiserwald. Dort sind für dieses Jahr 1,52 Millionen Franken budgetiert. 2019 beliefen sich die Kosten auf 1,39 Millionen. 2020 rechne man mit einem höheren Betrag, sagt Ratsschreiber Andreas Kappler. Dies weil durch die Verlängerung der Linie 158 Herisau-Abtwil nach Engelburg der Kostenanteil durch die Erhöhung der Anzahl der fahrplanmässigen Abfahrten höher wird.

Aufgrund der Tatsache, dass Gaiserwald über keinen Bahnhof verfüge, seien die Kosten nicht gerade gering, sagt Andreas Kappler. «Andererseits ist die Gemeinde trotz alledem gut mit dem ÖV erschlossen.»

Die Gemeinde Häggenschwil zahlte im vergangenen Jahr 104500 Franken. Diesen Betrag betrachte man als angemessen, sagt Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring. «Obwohl der Bahnhof Häggenschwil-Winden für uns nicht optimal gelegen ist.»

Die meisten Gemeinden empfinden die Verteilung als fair und nachvollziehbar. Höhere Kosten widerspiegelten den Fortschritt und Ausbau des ÖV, so die Meinung. «ÖV kostet – dafür gibt’s aber auch Leistungen», sagt Muolens Gemeindepräsident Bernhard Keller.

Appenzeller Gemeinden sollen ebenfalls beisteuern

Einige Gemeinden zahlen nicht nur für das Angebot auf dem eigenen Boden. Muolen wies 2019 den gleich hohen Pro-Kopf-Betrag auf wie das um einiges grössere Gossau. Muolen zahle auch am überregionalen Verkehr spürbar mit, sagt Bernhard Keller. Der reine Ortsverkehr würde nicht zwingend einen Halbstundentakt mit dem Bus durch Muolen benötigen. Dieser ergebe sich aber aus dem überregionalen Verkehrsangebot.

«Dafür profitiert Muolen aber auch von einem guten ÖV-Angebot.»

Die Gemeinde Eggersriet wiederum bezahlt einen Beitrag an die Haltestellen in der Stadt St.Gallen, weil es im Interesse der Regionsgemeinden ist, dass die Postautos auch in St.Gallen an verschiedenen Haltestellen Stopps einlegen und nicht nur am Bahnhof oder Marktplatz. Die Versorgung mit ÖV-Dienstleistungen stimme, sagt Gemeindepräsident Roger Hochreutener.

Unschön sei aber, dass sich die Appenzeller Gemeinden nicht adäquat an den Kosten der Buslinie beteiligten und auch nicht an den Solidaritätsbeiträgen an die Stadt St.Gallen. «Die Appenzeller Gemeinden zahlen nur die Streckenleistungen auf dem eigenen Kantonsgebiet, was natürlich absolut marginal ist», sagt Hochreutener.

Kosten für 2020 können erst geschätzt werden

Wie in Andwil ist auch in fast allen anderen Gemeinden für 2020 ein höherer Beitrag budgetiert als 2019. Wie hoch die Kosten effektiv sind, zeigt sich Ende Jahr. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Kosten in den meisten Jahren jeweils gestiegen sind. Es handelt sich oft um Erhöhungen von einigen tausend oder zehntausend Franken.

Es gibt aber auch Ausreisser. Diese lassen sich unter anderem mit neuen Linienführungen oder Haltestellen erklären. 2014 gab es in Wittenbach einen Anstieg um 200000 Franken. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die damalige Postautolinie 203 die Strecke Wittenbach-St.Gallen neu mit der Schlaufe Gemeindehaus, Egghalden, Schwimmbad, Bächi, Zentrum in beide Richtungen fuhr.