Black-Lives-Matter-Bewegung und Frauenstreik-Demo in St.Gallen tun sich zusammen – ob dies geht, ist noch unklar

Am Samstag finden in der St.Galler Innenstadt Kundgebungen gegen Rassismus und für Frauenrechte statt. Man habe das gleiche Ziel, sagen die Organisatorinnen und wollen die Demonstrationen zusammenführen. Dabei könnten mehr als die erlaubten 300 Personen zusammenkommen.

Luca Ghiselli
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Am Samstag gehen sowohl Frauenrechtsaktivistinnen als auch Antirassisten in St.Gallen auf die Strasse. Ob die Demonstrationen zusammengeführt werden können, ist noch unklar.

Am Samstag gehen sowohl Frauenrechtsaktivistinnen als auch Antirassisten in St.Gallen auf die Strasse. Ob die Demonstrationen zusammengeführt werden können, ist noch unklar.

Bild: Alexandra Wey, Keystone (Zürich, 6. Juni 2020)

Kaum ist das pandemiebedingte Versammlungsverbot aufgehoben, kommt es morgen Samstag in der St.Galler Innenstadt gleich zu mehreren Kundgebungen. Ein Jahr nach dem nationalen Frauenstreik vom 14. Juni 2019, an dem auch in St.Gallen Tausende für die Gleichberechtigung demonstrierten, veranstalten die Organisatorinnen des Streiks einen Sternmarsch.

Gleichzeitig versammeln sich am Bärenplatz die Teilnehmer der St.Galler Auflage von «Black Lives Matter». Die internationale Bewegung demonstriert in den USA seit Jahren gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Seit der Tötung des afro-amerikanischen George Floyd durch einen weissen Polizisten in der US-Stadt Minneapolis Ende Mai sind die Proteste nach Europa geschwappt. Auch in der Schweiz – zum Beispiel in Lausanne und Zürich – sind Tausende gegen Rassismus auf die Strasse gegangen.

Verwirrung um gemeinsame Bewilligung

Weil die Anliegen der beiden Kundgebungen grosse Schnittmengen aufweisen, wollten sich die Veranstalterinnen der Frauenstreik-Neuauflage und von «Black Lives Matter» kurzerhand zusammentun. Geplant ist, dass die Demonstrationszüge im Stadtpark zusammenkommen – dort gibt’s kurze Reden, eine Bar und ein Picknick. Männer sprechen im Stadtpark aber nicht. Die Anti-Rassismus-Aktivisten halten ihre Reden auf dem Bärenplatz, erst danach schliessen sie sich mit dem Frauenstreik im Stadtpark zusammen, so der Plan. Ob dieser aufgeht, wird sich aber erst noch weisen müssen.

Dionys Widmer, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen.

Dionys Widmer, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen.

Bild: PD

Stadtpolizei-Sprecher Dionys Widmer bestätigt auf Anfrage, dass der Frauenstreik-Sternmarsch bewilligt ist. Bei der Anti-Rassismus-Demo sind aber noch Fragen offen, die an einem Gespräch mit der Organisatorin am Freitag geklärt werden sollen. Ursprünglich sei nämlich angedacht gewesen, dass nur rund 15 Aktivisten von «Black Lives Matter» sich dem Frauenstreik-Sternmarsch anschliessen.

«Durch die grosse Aufmerksamkeit in den sozialen Medien gab es bei den Veranstaltern aber Bedenken, ob nicht doch mehr als die erlaubten 300 Teilnehmer kommen.»

Im schlimmsten Fall müssten die Frauenstreik-Organisatorinnen dann mit einer Anzeige rechnen. «Dieses Risiko wollten sie nicht tragen.» Deshalb suche man jetzt nach einer einvernehmlichen Lösung, damit beide Demonstrationen unter Einhaltung der geltenden BAG-Regeln durchgeführt werden können.

Irene Haag-Nessensohn vom Frauenstreik widerspricht dieser Darstellung. Die Stadtpolizei sei vielmehr auf sie zugekommen. Dies aus Bedenken, an der Kundgebung würden zu viele Personen teilnehmen.

Aktivistinnen: «Wir wollen das Gleiche»

Samantha Wanjiru hat die Demonstration gegen Rassismus über Instagram initiiert. Sie sagt, sie verfüge über eine feste mündliche Zusage für eine Bewilligung. Das Treffen am Freitag diene lediglich der formell korrekten Abwicklung des Bewilligungsprozesses. Die Psychologie-Studentin mit kenianischen Wurzeln ist in der Nähe von Freiburg im Breisgau aufgewachsen und wohnt seit vergangenem Jahr in der Stadt St.Gallen.

«Ich werde aufgrund meiner Herkunft regelmässig mit Rassismus konfrontiert.»

Sie macht Beispiele: Wildfremde Leute, die ihr ungefragt ins Haar fassen oder sie mit «unverschämter Selbstverständlichkeit» über ihre Herkunft ausfragen. Als schwarze Frau werde man so unweigerlich politisiert, sagt Wanjiru. Sie habe sich deshalb auch schon in der Vergangenheit engagiert, die Demonstration vom Samstag ist aber ihr erster öffentlicher Auftritt.

Frauenstreik und Black-Lives-Matter-Bewegung haben das gleiche Ziel

Alexandra Akeret, SP-Stadtparlamentarierin und Mitorganisatorin des St.Galler Frauenstreiks.

Alexandra Akeret, SP-Stadtparlamentarierin und Mitorganisatorin des St.Galler Frauenstreiks.

Bild: Anna Tina Eberhard

Auch Alexandra Akeret, SP-Stadtparlamentarierin und Mitorganisatorin des St.Galler Frauenstreiks, sagt:

«Wir wollen das Gleiche wie die Black-Lives-Matter-Bewegung.»

Man habe ein Jahr nach dem Frauenstreik trotz Corona unbedingt noch einmal ein Zeichen setzen wollen. «Als wir davon erfuhren, dass am gleichen Tag eine Kundgebung gegen Rassismus stattfinden soll, lag es auf der Hand, die Demonstrationen teilweise zusammenzulegen.»

Wie viele Personen an den Kundgebungen teilnehmen werden, sei schwer abzuschätzen, sagt Akeret, die selbst mit einer zwei Meter langen Schnur ausgerüstet am Marsch teilnimmt, um den Abstand demonstrativ zu wahren.