«Bitte kürzen und einreichen»: So werden die Leserbriefkampagnen zu den Gossauer Pflegeheim-Millionen orchestriert

Leserbriefe werden oft nicht im stillen Kämmerlein geschrieben. Ein Beispiel ist die Provisoriums-Abstimmung.

Michel Burtscher und Johannes Wey
Merken
Drucken
Teilen
Viele Leserinnen und Leser nehmen am Diskurs zur Abstimmung über die Pflegeheim-Millionen teil.

Viele Leserinnen und Leser nehmen am Diskurs zur Abstimmung über die Pflegeheim-Millionen teil.

Bild: Michel Canonica

Vor Abstimmungen sind sie ein gewohntes Bild: Leserbriefe für oder wider eine Vorlage, die zusammengenommen ganze Zeitungen füllen könnten. Und so ähnlich sich viele in ihren Kernaussagen und Formulierungen sind, wird klar: Die engagierten Leserinnen und Leser setzen sich nicht einfach im stillen Kämmerlein an den Schreibtisch.

Die bevorstehende Abstimmung um die Pflegeheimmillionen erlaubt einen Einblick, wie solche Leserbriefkampagnen geführt werden. Nicht in erster Linie, weil die Altersversorgung ein emotionales Thema ist, sondern weil beiden Komitees Unachtsamkeiten unterlaufen sind.

Die Word-Datei kommt von Marius Thürlimann

Befürworter wie Gegner der Drei-Millionen-Vorlage reichten ab Ende Januar Zuschriften auf der Redaktion ein. Zu Beginn waren jene aus dem Ja-Lager zahlreicher, diese Woche zogen die Gegner nach. Bis dato sind sie aber bezüglich Leserbriefen noch in der Unterzahl.

Bei vier dieser Briefe, die als Word-Datei eingesandt wurden, lassen die Metadaten stutzen: Als Autor ist in drei Fällen Marius Thürlimann vom Gegnerkomitee vermerkt, in einem der vom Komitee engagierte Kommunikationsfachmann Sven Bradke. Je nach Einstellung wird in Word der Name der Person gespeichert, die ein Dokument erstellt hat. Eingesandt und unterzeichnet wurden die Briefe aber von anderen Personen.

Auch die Stichworte werden mitgeliefert

Marius Thürlimann vom Komitee «Nein zum Container-Dorf Schwalbe» räumt auf Anfrage ein, dass das Komitee den Versand der Leserbriefe koordiniere. Melden sich Sympathisanten mit der Absicht, einen Leserbrief zu schreiben, gebe man ihnen eine Empfehlung ab, zu welchem Zeitpunkt der Brief eingereicht werden soll.

Marius Thürlimann und Sandro Contratto (von links) vom Nein-Komitee. Das Bild zeigt sie bei der Einreichung der Unterschriften für ihr Referendum.

Marius Thürlimann und Sandro Contratto (von links) vom Nein-Komitee. Das Bild zeigt sie bei der Einreichung der Unterschriften für ihr Referendum.

David Grob

Wenn er darum gebeten worden sei, habe er Leserbriefschreiberinnen und -schreibern auch schon stichwortartig formulierte Argumente an die Hand gegeben. Thürlimann sagt:

«Schreiben und einreichen müssen die Leute ihre Texte aber selber.»

Er vermute, dass eine Leserbriefschreiberin ein solches Word-Dokument in ihrem Umfeld weitergegeben hat, und sein Name deswegen in den Metadaten von gleich drei Leserbriefen auftaucht. Kommunikationsexperte Sven Bradke habe seinerseits den einen oder anderen Leserbrief «begleitet», sagt Thürlimann.

Bei den Textlängen und dem Empfänger wird geholfen

Auch beim Befürworterkomitee werden die Leserbriefe im Hintergrund koordiniert. Das zeigt das E-Mail eines Leserbriefschreibers an die Redaktion. Dieser hatte nicht nur den Leserbrief mitgeschickt, sondern – wohl aus Versehen – auch seinen Mailverlauf mit einem gewissen Christoph Ottiger. Dieser hatte ihm demnach zuvor von der offiziellen E-Mail-Adresse des Komitees geschrieben. Ottiger ist geschäftsführender Partner einer Kommunikationsagentur und berät das Komitee, wie dessen Präsident Hanspeter Fröhlich auf Anfrage bestätigt.

«Ich bedanke mich sehr, dass Sie bereit sind, einen Leserbrief einzureichen», schreibt Ottiger und weist den Leserbriefschreiber darauf hin, dass seine Einsendung zu lang sei für eine Veröffentlichung im «Tagblatt». «Darf ich Sie bitten, den Artikel zu kürzen und dann direkt einzureichen», schreibt er.

«Ich bedanke mich sehr für Ihr Engagement.»

Dann macht Ottiger noch weitere Angaben, etwa zur Übermittlung: «Den Leserbrieftext in ein neues E-Mail kopieren und versenden oder in ein Word kopieren, dem E-Mail anhängen und versenden.» Zudem gibt er an, wann der Leserbrief eingereicht werden soll. Tatsächlich kommt dieser dann bei der Redaktion an.

Nur Hilfe, keine inhaltlichen Änderungen

Hanspeter Fröhlich, Präsident Komitee «Pro-Visorium»

Hanspeter Fröhlich, Präsident Komitee «Pro-Visorium»

Urs Bucher

Hanspeter Fröhlich reagiert überrascht, als er auf den E-Mailverlauf angesprochen wird. «Dass wir in einem so engen Kontakt mit den Leserbriefschreibern stehen, ist mir neu», sagt er. «Das ist bei uns nicht Usanz, aber auch ein praktisches und bewährtes Vorgehen.» Zwar würden sich die Komiteemitglieder und Unterstützer untereinander absprechen, damit sie ihre Leserbriefe nicht gleichzeitig abschickten. «Wir wollen eine geordnete Abstimmungskampagne führen», sagt Fröhlich. Er betont, dass die Komiteeführung die Leserbriefe jedoch nicht lese, bevor sie eingereicht werden und den Leserbriefschreiber schon gar nicht helfe, diese zu verfassen.

Auch Ottiger selbst betont, dass er nur eine koordinierende Funktion wahrnehme und den Schreiberinnen und Schreibern gewisse Hilfestellungen biete. Viele wüssten beispielsweise nicht, wie lange die Texte sein dürften und wo sie diese hinschicken müssten, sagt er. «Ich würde aber nie inhaltlich in einen Leserbrief eingreifen.»