«Umdenken nötig»: Biologe kritisiert Rodungsaktion in Rorschach harsch

Der Naturschützer Josef Zoller wirft der Stadt vor, sie zerstöre entlang der Promenadenstrasse ökologisch wertvolles Gehölz. Die Pflege widerspreche jeglicher Förderung der Ökologie und der Biodiversität. Die Stadt bestreitet dies und betont, dass es im dicht besiedelten Rorschach Ordnung braucht.

Martin Rechsteiner
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Josef Zoller oberhalb der Wachsbleichestrasse bei einer Esche, deren Efeu gekappt worden ist (l.). So wie beim Baum rechts sieht die Ranke aus, wenn sie noch gesund ist. Efeu bietet Vögeln und Insekten Schutz und Nahrung, sagt der Biologe. (Bild: Martin Rechsteiner)

Josef Zoller oberhalb der Wachsbleichestrasse bei einer Esche, deren Efeu gekappt worden ist (l.). So wie beim Baum rechts sieht die Ranke aus, wenn sie noch gesund ist. Efeu bietet Vögeln und Insekten Schutz und Nahrung, sagt der Biologe. (Bild: Martin Rechsteiner)

«Hier, hier und hier», sagt der Rorschacher Biologe Josef Zoller. Er zeigt auf Stellen unterhalb von Bäumen entlang der Promenadenstrasse sowie auf einige blasse Brombeerranken, die beim Park, oberhalb der Wachsbleichestrasse, aus dem Laub am Boden ragen. Überall dort soll die Stadt, die den Boden besitzt, vergangenes Jahr Herbizide benutzt haben. Da ist sich der Naturschützer sicher. Zoller sagt:

«Die Folgen dieser Gifte für die Natur sind gravierend. Deshalb sind sie laut Stoffverordnung des Bundes im Gehölz nicht erlaubt.»

Mit der Anwendung an Brombeerenstauden zwischen den Haselnussbäumen bewege sich die Stadt mindestens arg an der Grenze.

«Stadt kappt Gewächs in Wurzelnähe»

Durch das Zerstören der Brombeerstauden gingen Brutgelegenheiten für Vögel verloren, ebenso das Nahrungsangebot für Tiere und Insekten. «Das Gehölz hat einen Teil seiner früheren ökologischen Qualität verloren, die Anzahl der Brutvögel ging nachweislich zurück.»

Mindestens als genau so schlimm bezeichnet Zoller, dass die Stadt im gleichen Gebiet den Efeu, der entlang der Bäume in die Höhe rankt, zerstöre. «Der Grund dafür ist mir unbekannt. Die Angestellten der Stadtgärtnerei kappen das Gewächs in Wurzelnähe, sodass es abstirbt.»

Efeu sei kein Schmarotzer, füge dem Baum also keinen Schaden zu, betont Zoller. «Die Pflanze bietet mit ihren Früchten nicht nur ein wichtiges Nahrungsangebot für Insekten und Vögel, sondern dient Tieren auch als Nistgelegenheit oder Versteck.» Ihre Blüten würden besucht von Honigbienen, Schwebefliegen, der Efeu-Seidenbiene oder von Rosenkäfern.

«Diese Nahrungsquellen gingen verloren, weil der Efeu einfach gekappt worden ist.»

Die Konsequenz laut Zoller: Die Anzahl pflanzensaftsaugender Insekten nahm ab, die gesamte Blattfläche in dem Gebiet wurde verringert und somit auch die Produktion von Sauerstoff. «So trägt die Stadt zum ‹Schweigen der Vögel› und zum Verschwinden der Insekten bei.» Der Naturschützer ist überzeugt:

«Bei der Stadt Rorschach ist in Sachen Grünpflege ein Umdenken notwendig.»

Stadt will Ordnung in Sachen Grün

Marcel Aeple, Rorschacher Stadtschreiber, wehrt sich: «Die Stadtgärtnerei ist der Meinung, dass in der Stadt Rorschach, die sehr dicht besiedelt ist, eine gewisse Ordnung in Sachen Grün im Vordergrund stehen soll.» Dies bedeute eine intensive Pflege, welche eine gewisse Ruhe und Ordnung in eine zivilisierte Gesellschaft bringe. Es könne nicht sein, dass die Brombeeren aus der Böschung über die Klostermauer auf das Trottoir wachsen, sagt der Stadtschreiber. Alle paar Jahre pflege die Stadtgärtnerei deshalb die naturnahe Böschung und forste sie durch. «Die Brombeer- wie auch die Efeuranken werden wieder nachwachsen. Es ist nicht so, dass alles ausgerottet und vergiftet wurde.»

Die Gärtner hätten die Böschung mit wertvollen einheimischen Gehölzen ergänzt, sagt Aeple. «Gleichzeitig bekämpfen sie regelmässig Neophythen, also invasive Arten wie Kirschlorbeer oder Buddleia.»

In gewissen Gebieten in Rorschach kommen Herbizide zum Einsatz, wie der Stadtschreiber bestätigt. «Dabei handelt es sich aber nicht um das umstrittene Glyphosat.» Auf Wegen und Plätzen habe sich die Stadt in den vergangenen Jahren auf die Bekämpfung von Unkraut mittels Abflammen beschränkt.

Eine Verordnung, die schützen soll

Die Verordnung über umweltgefährdende Stoffe oder «Stoffverordnung» stammt vom Bund. Sie soll Menschen, Tiere und Pflanzen, sowie den Boden vor schädlichen Einwirkungen durch umweltgefährdende Stoffe schützen. Weiter will sie die Belastung der Umwelt mit umweltgefährdenden Stoffen vorsorglich begrenzen. Seit dem Jahr 2001 verbietet die Verordnung die Anwendung von Herbiziden auf und an Strassen, Wegen und Plätzen. Das gilt für öffentliche aber auch für private. Untersagt ist zudem der Einsatz von Unkrautbekämpfungsmittel in Hecken und Feldgehölzen sowie «auf Böschungen und Grünstreifen entlang von Strassen und Gleisanlagen. Ausgenommen sind Einzelstockbehandlungen von Problempflanzen, sofern diese mit anderen Massnahmen, wie mit regelmässigem Mähen, nicht erfolgreich bekämpft werden ­können.» (mre)

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