St.Galler Kantonsschüler gewinnt Latein-Übersetzungswettbewerb: «Die antike Sprache gibt mir Zugang zu so viel kulturellem Wissen»

Der Kantonsschüler Severin Rohrer brennt für die antike Sprache. Er bedauert den Bedeutungsverlust des Lateins.

David Grob
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Von Latein auf Deutsch: Der Kantonsschüler Severin Rohrer hat einen tierischen Text am besten übersetzt.

Von Latein auf Deutsch: Der Kantonsschüler Severin Rohrer hat einen tierischen Text am besten übersetzt.

Bild: Urs Bucher

«Man versteht unsere Welt besser, wenn man die lateinische Sprache beherrscht», sagt Severin Rohrer, 17 Jahre alt und Gymnasiast im vierten Jahr mit Schwerpunkt Latein. Er sitzt im Büro seines Deutschlehrers an der Kantonsschule am Burggraben und erzählt von seiner Leidenschaft für die antike Sprache. Eine Leidenschaft, die kürzlich ausgezeichnet wurde. Rohrer gewann den Übersetzungswettbewerb «Certamen translatorium Sangallense» des Vereins IXber. Der Wettbewerb fand im Rahmen des Lateinnovembers zum elften Mal statt.

Von Meerschweinchen und tierischem Latein

(dar) Der Lateinübersetzungswettbewerb «Certamen translatorium Sangallense» ist Teil des lateinischen Kulturmonats, der zum elften Mal vom Verein IXber organisiert wird. Am diesjährigen Wettbewerb nahmen 14 Lateinklassen aus den Kantonen St. Gallen und beider Appenzell teil. Zum fünften Mal in Folge war auch eine Klasse des Gymnasiums «Spiritus Sanctus» in Brig dabei.
Dass die Lateinschüler einen Text des Tierforschers aus der Renaissance, Conrad Gessner, übersetzen mussten, ist kein Zufall: Motto des diesjährige Kulturmonat war «Tierisches Latein!» Der Zürcher Universalgelehrte beschreibt in seinen «Historiae animalium» unter anderem das Verhalten von Meerschweinchen. 

Einige Wochen zuvor, Prüfungslektion im Lateinunterricht. Es galt, eine Beschreibung aus dem Tierbuch des Zürcher Renaissancegelehrten Conrad Gessner über Meerschweinchen zu übersetzen. Der Lehrer reichte die Prüfungstexte beim Verein IXber ein. Die Klasse fuhr Ende November zur Preisverleihung in die Kantonsschule nach Trogen. Rohrer war vorgewarnt, er sei unter den Diplomierten. Dann wurde die Rangliste präsentiert, von hinten nach vorne, und Rohrer wartete darauf, dass sein Name fiel. «Ich wusste ja, dass ich unter den Diplomierten war.» Und sein Name fiel als letzter.

Eine sterbende Sprache

Jetzt im Büro des Prorektors spricht Rohrer über den drohenden Untergang des Lateins an der Schule. Vor ihm brennt eine Kerze. Wie ein Totenlicht für eine sterbende Sprache. Auf dem Bild hinter Rohrer türmen sich Gewitterwolken über der Akropolis auf. Die antiken Sprachen – Griechisch mehr noch als Latein – sind in einem bildungspolitischen Sturm. Die Schülerzahlen sinken, mehr und mehr Universitäten verzichten auf Lateinkenntnisse bei bestimmten Fächern, das Schulfach Latein gerät unter Druck. Der Kanton Obwalden etwa bietet Latein ab dem kommenden Jahr in der Kantonsschule nicht mehr an.

Für Rohrer ist Latein aber eine höchst lebendige Sprache.

«Latein gibt mir Zugang zu so viel kulturellem Wissen, das ich sonst nicht verstehen würde.»

Die antike Sprache sei überall zu finden: in der gesamte Geschichte Europas; in Ausdrücken, die immer noch verwendet werden; in Romanen, in denen sich Motive aus der Antike wiederfinden. Ein Beispiel? Rohrer, ganz der Bildungsbürger, nennt Thomas Manns «Tod in Venedig» und hört sich an wie ein Literaturkritiker: «Die Päderastie, also die Knabenliebe und das Verlangen nach Jugend ist ein antikes Thema.» Thomas Mann, Stefan Zweig, Ferdinand von Schirach. Rohrer liest die grossen Literaten, Klassiker und zeitgenössische Autoren.

Wenn er über den Untergang des Lateins spricht, so wird seine Leidenschaft noch spürbarer: «Latein ist das Fundament unserer Kultur. Es wäre ein Armutszeugnis, wenn das wegfallen würde», sagt er – und fügt lachend an:

«Ich höre mich an wie ein Lateinlehrer.»

Harfe, Queen und David Bowie

Rohrers Worte sind stets wohlgewählt, die Sätze präzise, das Tempo schnell. Hört man später die Tonaufnahme an, so könnten die Worte des 17-jährigen Gymnasiasten auch die eines zehn Jahre älteren Doktoranden sein. Pierre Gentil, Deutschlehrer von Rohrer und Prorektor an der Kantonsschule am Burggraben, könnte sich eine akademische Karriere durchaus vorstellen. «Was ihn interessiert, will er bis ins Detail ergründen.» Latein studieren möchte Rohrer aber nicht. Aber klassische Geisteswissenschaften: Geschichte, Philosophie oder Deutsch.

Was bewegt Rohrer nebst Latein und Literatur? Musik. «Ich spiele seit zehn Jahren Harfe», sagt Rohrer. Er spiele zwar klassische Musik, höre aber hauptsächlich moderne. Und zählt Interpreten auf, die ihm gefallen: Queen, David Bowie, The Kinks. Wegen der Harfe hätte Rohrer beinahe die Preisübergabe verpasst. Gleich nachdem er sein Diplom erhalten hatte, musste er an eine Konzertprobe.

Er kam, sah und holte sich seinen Preis ab.

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