Biker im Wald kontrollieren? St.Galler Regionalförster sagt: «Aufwand und Ertrag stimmten nicht überein»

Wer mit dem Mountainbike auf illegalen Wegen durch den Wald rund um St.Gallen fährt, soll gebüsst werden. Damit droht im vergangenen Jahr Regionalförster Raphael Lüchinger. Ausser Spesen ist aber nichts gewesen. Jetzt hat er eine neue Strategie.

Sandro Büchler
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Ein einsamer Biker auf dem Waldegg-Trail: Es ist aktuell die einzig legale Bikepiste rund um die Stadt St.Gallen.

Ein einsamer Biker auf dem Waldegg-Trail: Es ist aktuell die einzig legale Bikepiste rund um die Stadt St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser (14. Oktober 2019)

Das Papier auf Raphael Lüchingers Schreibtisch dürfte zu reden geben. Was im Abschlussbericht steht, weiss vorerst nur er. Der Inhalt aber ist relevant für den ganzen Kanton St.Gallen und dürfte nicht nur bei Waldliebhabern und Förstern, sondern auch bei Touristikern, Umweltverbänden und vor allem bei Bikerinnen und Bikern auf Interesse stossen.

Im August 2019 verursachte der Regionalförster der Waldregion 1 im Kanton St.Gallen einen Aufschrei in der Bikerszene. In einem Brief, der an Veloclubs und Bikeläden in und um St.Gallen ging, wandte sich Lüchinger mit klaren Worten an die Biker. Wer auf illegalen Strecken abseits befestigter Wege quer durch den Wald fahre, werde gebüsst.

Raphael Lüchinger, Regionalförster der Waldregion 1 St.Gallen

Raphael Lüchinger, Regionalförster der Waldregion 1 St.Gallen

Bild: Michel Canonica

Waldwege, die nicht klassiert oder schmaler als zwei Meter sind, seien für Biker tabu. Und Lüchinger kündigte in den Wäldern der Gemeinden St.Gallen, Gaiserwald, Waldkirch und Gossau regelmässige Kontrollen zusammen mit der Polizei an. Fehlbare müssten mit einer Busse oder gar einer Anzeige rechnen.

Die angedrohten Kontrollen sind Teil eines Pilotprojekts, sagt Regionalförster Lüchinger.

«Wir wollten die geltende Rechtsordnung aus dem Waldgesetz mit einem verstärkten Vollzug in Erinnerung rufen.»

Dass dies Wellen werfen würde, hat der 47-Jährige erwartet. Er fasst die Reaktionen zusammen: Da sei von «gut, nimmt das jemand in die Hand» bis hin zu «das ist mit Kanonen auf Spatzen geschossen» und «haben die nichts Besseres zu tun, als Bikern nachzustellen» alles dabei gewesen. Die Ergebnisse sind nun in den Abschlussbericht eingeflossen, den Lüchinger Ende Oktober an den St.Galler Regierungsrat Beat Tinner übergeben hat.

Erst mit dem Mahnfinger

Ist das Biken hier erlaubt? Den Spuren zu urteilen nach sind verschiedene Biker der Meinung ja.

Ist das Biken hier erlaubt? Den Spuren zu urteilen nach sind verschiedene Biker der Meinung ja.

Bild: Sandro Büchler

Während etwas mehr als einem Jahr fanden denn auch immer wieder Kontrollen statt. Doch die Bilanz fällt ernüchternd aus. Im vergangenen Herbst führte das Forstamt zusammen mit der Kantonspolizei, Jägern und der Wildhut eine Kontrolle durch. «Eine sogenannte Mahnfingeraktion», sagt Lüchinger. «Wir wollten primär informieren, mit Flyern, Erklärungen, aber vorerst ohne Bussen.» Viele hätten sich einsichtig gezeigt. Bussen sollten erst diesen Frühling ausgesprochen werden. Doch dazu kam es nicht. Die geplanten Kontrollen mussten wegen Corona verschoben werden.

Nach zwei weiteren Kontrollaktionen «mit dem Mahnfinger» im August, fanden im September rund um den Tannenberg, in den Gemeinden Gossau und Waldkirch, «zwei scharfe Aktionen» statt, wie Lüchinger sagt. Doch Wildhüter und Kantonspolizisten treffen nur wenige Biker an ­– die korrekt unterwegs sind. Niemand wird gebüsst.

«Wir wissen auch nicht, ob wir am falschen Ort oder zum falschen Zeitpunkt dastanden.»

Stadtpolizei spricht nur Verwarnungen aus

Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen

Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen

Bild: PD

Auch der Tierschutz der St.Galler Stadtpolizei kontrollierte 2020 aus eigener Initiative – nicht im Rahmen des Pilotprojekts – spezifisch nach Bikern auf illegalen Trails. Insgesamt 15-mal, bestätigt Roman Kohler, Sprecher der Stadtpolizei. «In jedem Monat, bei relativ schönem Wetter fanden in den Wäldern auf dem Gebiet der Stadt St.Gallen Kontrollen statt ­– zu unterschiedlichen Tageszeiten: morgens, mittags und am Feierabend.»

Dabei seien sechs Bikerinnen und Biker angehalten worden. Gebüsst oder angezeigt wurde aber auch hier niemand. «Es wurden höchstens Verwarnungen ausgesprochen», sagt Kohler. Regionalförster Raphael Lüchinger sagt selbst:

«Aufwand und Ertrag stimmten
nicht überein.»

Doch gelohnt habe sich das Pilotprojekt allemal. «Wir sind nun an einem Punkt angelangt, an dem das komplexe Thema breit diskutiert wird.» Im Kanton St.Gallen gibt es Bestrebungen für eine «Bikerstrategie»: CVP-Kantonsrat Andreas Widmer und knapp drei Viertel der Kantonsräte haben im September eine Motion unterzeichnet für einen geordneten Umgang mit Mountainbikern. Auch der St.Galler Stadtparlamentarier Louis Stähelin, ebenfalls von der CVP, hat Ende August zum Thema Biking eine Einfache Anfrage an den Stadtrat gerichtet.

Umso mehr Signalwirkung habe deshalb sein Abschlussbericht, ist Lüchinger überzeugt.

«Der Pilotversuch zeigt klar auf, dass Handlungsbedarf besteht.»

Der Bikesport habe in den vergangen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, seit dem Beginn der Pandemie im März sei die Zahl der Biker nochmals stark gestiegen. Mühe bereitet Lüchinger die zunehmende Elektrifizierung der Zweiräder. «Ein E-Bike für den Arbeitsweg von Gossau nach St.Gallen ja, aber nicht in den Wäldern und vor allem nicht abseits klassierter Wege.»

Der E-Bike-Boom bereitet dem Förster Mühe

Er müsse dazu sagen, dass er selbst viel Velo fahre. Er sei zwar mehr der «Gümmeler», fahre aber hin und wieder auch mit dem Mountainbike durch den Wald. Lüchinger: «Dabei sehe ich, wie schwierig es ist, abzuschätzen, ob das Fahren auf einem Weg erlaubt ist oder nicht.» Es brauche deshalb griffige Regeln. Signalisation müssten überdacht werden etwa. «Da stehen teilweise seit 20 Jahren Fahrverbotstafeln. Kaum jemand dachte dannzumal an die Velofahrer.»

Revierförster Walter Bicker (links) und Regionalförster Raphael Lüchinger bei einer Erkundung im Wald.

Revierförster Walter Bicker (links) und Regionalförster Raphael Lüchinger bei einer Erkundung im Wald.

Bild: Michel Canonica

Der Forstingenieur denkt aber auch daran, gewisse Pfade und Wege mit weniger als zwei Metern Breite mit entsprechenden Bewilligungsverfahren für Biker zu legalisieren, also für die Durchfahrt freizugeben. Die Initiative müsse aber auch von den Bikern selber kommen. Dadurch würden die Fahrten der Biker kanalisiert, «wilde» Routen quer durch den Wald reduziert. Und damit die Wildtiere vor unnötigen Fluchtaktionen bewahrt.

Auf der Suche nach den illegalen Baumeistern

Der Regionalförster nennt als Beispiel den Trail, der zuoberst im Rotmonten-Quartier bei der Antenne beginnt. Dort bauten bislang Unbekannte stets von Neuem an einem Biketrail, nagelten Holz zu Sprungschanzen zusammen und schichteten Erde zu Kurvenpartien auf. Wenn nach Waldarbeiten umgestürzte Bäume den Weg versperrten, hätten sich die Biker immer wieder neue Wege gesucht, sagt der Regionalförster. «In der Coronazeit entstanden so neue Äste, die Fahrten nahmen plötzlich exponentiell zu und gefährdeten so zum Beispiel einen bedeutsamen Orchideenstandort.»

Mehrere von Hand gebaute Sprungpartien im Wald beim Peter & Paul.

Mehrere von Hand gebaute Sprungpartien im Wald beim Peter & Paul.

Bild: Sandro Büchler

Lüchinger entscheidet sich für eine ungewohnte Methode. Er stellt ein Schild auf und fragt darauf:

«Wer baut hier?»

Tatsächlich melden sich Quartierbewohner. «Das sind zum Teil Väter, die für sich und ihre Kinder ein Freizeitangebot schaffen.» Und die Baumeister haben sich organisiert, haben die Facebook-Gruppe «Trail-Freunde Peter & Paul» mit 230 Mitgliedern ins Leben gerufen. «Dass sie hinstehen und sich zu erkennen geben, ist super und hat mich überrascht», sagt Lüchinger. Er begrüsst die Offenheit, so lasse sich eine Dialog starten. «Die Eigeninitiative ist cool, aber eben nicht legalisiert.» Noch nicht.

Dem Waldegg-Trail droht Ungemach

Bisher gibt es erst einen legalen Biketrail in der Nähe, nämlich den Waldegg-Trail im Stueleggwald oberhalb von St.Georgen. Dort droht aber Ungemach: Denn für eine definitive Betriebsbewilligung müsste bis Mitte 2021 auch der unterste Abschnitt bis ins Tal der Demut fertig ausgebaut sein. Eine Aufgabe, die der Verein Funpark, der die Bikestrecke baut, trotz Unterstützung der Ortsbürgergemeinde, kaum bewältigen kann.

Ein Team von Freiwilligen baut den Waldegg-Trail.

Ein Team von Freiwilligen baut den Waldegg-Trail.

Bild: Benjamin Manser (9. August 2020)

Die bestehenden Streckenabschnitte sind – aufgrund der hohen Zahl an Bikern – zunehmend ausgefahren und müssen saniert werden. Für die Forcierung des Ausbaus sind zu wenig Hände da. Vor kurzem hat der Verein eine Baubewilligung für zehn weitere Jahre gestellt. Doch dagegen sei eine Einsprache eingegangen, teilt Ivan Furlan vom Amt für Baubewilligungen auf Anfrage mit.

Regionalförster Raphael Lüchinger sieht das nicht gern.

«Der Waldegg-Trail sollte unbedingt fertig gebaut werden.»

Denn die legalen Trails tragen zur notwendigen Kanalisierung bei. Zudem hätten Kontrollen mit Ausnahme der Signalwirkung nicht viel gebracht, statt einem Kollisionskurs brauche es eine übergeordnete Diskussion. All dies steht in seinem Abschlussbericht an den Regierungsrat. «Es braucht ein konzeptionelles Vorgehen, in dem alle Interessengruppen involviert werden», sagt Lüchinger.

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