Besuch aus Japan im St.Galler KinoK: Der Exil-Ostschweizer Roger Walch hat seinen neuen Film «Der Deutsche» im Gepäck

Wegen eines Films hat sich Roger Walch in Japan verliebt, heute lebt er dort. Morgen ist er im Kinok.

Diana Hagmann-Bula
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Präsentiert seinen neusten Film: Roger Walch im Kinok. (Bild: Lisa Jenny)

Präsentiert seinen neusten Film: Roger Walch im Kinok. (Bild: Lisa Jenny)

Seine Kinder gucken zum Fenster raus und zählen Regentropfen. «Eigentlich haben wir mit Badewetter gerechnet. Nun tragen wir halt Wachsjacken», sagt Roger Walch. Jeden Sommer kehrt der 54-Jährige für ein paar Wochen in die Schweiz zurück. Um vor dem Wetter in Nara, seinem Wohnort in Japan, zu fliehen. «38 Grad, bei einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent», sagt er. Aber auch, um seinen Kindern die andere Kultur zu zeigen. «Sie sollen beide Identitäten leben können, die japanische und die schweizerische.»

Vielleicht fühlen sie sich eines Tages wie ihr Vater: als Vermittler zwischen zwei Welten. In Japan hilft Walch Schweizer Regisseuren, Aufnahmen zu realisieren. Er koordiniert, filmt, übersetzt. Zum Beispiel für Erich Schmid, der an einem Film über Japan-Kenner Adolf Muschg arbeitet. Walch unterrichtet auch Deutsch an einer Universität, tritt als Jazzpianist mit einem Bambusflötisten auf. Und er macht eigene Filme. «Ein Verlustgeschäft. In Japan gibt es praktisch keine Filmförderung, in der Schweiz gelte ich nicht als einheimischer Filmer.»

Arbeiten auf Mafia-Terrain

Dennoch bringt er immer wieder eine Produktion mit auf Heimaturlaub. Diesmal ist es «Der Deutsche», der morgen im Kinok zu sehen ist. Walch hat dafür im Kamagasaki-Distrikt in Osaka gedreht, einem von der Yazuka, der japanischen Mafia, kontrollierten Obdachlosenviertel. «Dort gab es regelmässig Aufstände und nicht einmal mehr die Polizei wagte sich rein.» Als er für seinen Film recherchiert habe, habe sich gerade ein Mord ereignet.

«Vermutlich wegen Spielschulden. Alle sagten mir voraus, die Yazuka werde mich verprügeln.»

So weit kam es nicht. Walch drehte alleine, mit minimaler Ausrüstung. Für eine Tanzszene in einem Park organisierte er kistenweise Sake. Die Obdachlosen hätten interessiert zugeschaut und dazu Reiswein getrunken. «Ich habe die Kamera nie direkt auf sie gerichtet. So ist die Angst verflogen, dass ich ihnen ihre Anonymität nehmen will.»

«Der Deutsche» handelt von einem Professor für deutsche Philosophie, der durch einen Unfall seine Familie verliert. Und mit dem Trauma seine Sprache. Er drückt sich nur noch in Zitaten deutscher Dichter aus. Eines Tages stösst ein Yazuka-Boss eine junge gefesselte Frau mitten im Viertel aus seinem Wagen. Sie fällt dem Professor sozusagen vor die Füsse. Er kümmert sich um sie. Die beiden finden eine zarte Liebe. Und eine gemeinsame Sprache. Die Opernsängerin antwortet ihm mit Liedern von Schubert und Schumann. «Ein Musical. Und ein Zeitzeugnis», sagt Walch. Auf die Expo 2025 in Osaka hin hübsche sich die Stadt auf; das Obdachlosenviertel müsse verschwinden. Anstelle entstehe ein modernes Hotel nach dem anderen. «Mein Herz blutet.»

Seit 23 Jahren lebt Walch, einst Kinok-Programmchef und Saiten-Chefredaktor, in Japan. Er schätzt die 2000 Jahre alte Kultur des Landes, die Ästhetik, Architektur und Kunst, die Geschichte. Andererseits weise das Land sozialistische Züge auf. «Das Kollektiv steht stets über dem Individuum», sagt der Filmemacher. Und erzählt von den Nachbargemeinschaften, in denen jeder eine Aufgabe hat: Abfall entsorgen, Strasse putzen, den buddhistischen Altar unterhalten. «Auch wenn man oft unterwegs ist wie ich, ist man nicht entschuldigt. Man muss einen Ersatz stellen.» Ansichten, die dem freiheitsliebenden Filmer widersprechen. «Da prallen Welten aufeinander.»

Zuerst der Ort, dann die Geschichte

Eine eigentliche Hassliebe verbindet Walch mit dem Land, in das er sich wegen eines Filmes von Shuji Terayama verguckt hatte. «Ein Wanderzirkus und ein heiliger Berg mit Schamaninnen, Kimonos, der Ausdruckstanz Butoh, die japanische Musik. Diese Kraft warf mich als Kantonsschüler um.» Walch studierte nicht zuletzt deshalb Japanologie.

«Damals war das eine exotische Richtung. Zu Beginn waren wir 40 Studenten, nur fünf schlossen ab.»

Im Film, mit dem alles begann, spielte Kan Mikami als Jungtalent eine Nebenrolle. In Walchs «Der Deutsche» ist er Protagonist. «Der Kreis schliesst sich», sagt Walch und spricht von einer «magischen Begegnung». Kennengelernt haben sich die beiden vor 15 Jahren an einem Undergroundfestival in Tokyo. Walch zeigte einen Film, Mikami, auch Sänger, gab ein Konzert. Plötzlich stand der Japaner neben dem Schweizer. Keine Begrüssung. Nur: «Du bist Fan von Shuji Terayama, nicht wahr?» Seither sind sie Freunde.

«Ausgangspunkt für meine Filme ist meistens ein Ort. Die Geschichte gestalte ich darum herum», sagt Roger Walch. Nach dem Obdachlosenviertel in Osaka ist ein verlassenes Hochhaus im historischen Hongkonger Viertel Yau Ma Tei an der Reihe. Der Film ist fast fertig. Walch bringt ihn nächstes Jahr mit auf Heimaturlaub.

Hinweis
«Der Deutsche»: morgen Sa, 17 Uhr, Kinok; einzige Vorführung in Anwesenheit von Roger Walch