Bertoldos sind in Fahrt: im Wahlkampf und mit der Modelleisenbahn im Garten

Politik ist bei Bertoldos Familiensache: Fünfmal steht ihr Name auf der EVP-Wahlliste für den Kantonsrat.

Sandro Büchler
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Schwiegertochter Tanja, Sohn Simeon, Gisela und Daniel Bertoldo (von links) hinter ihrer Gartenmodelleisenbahn.

Schwiegertochter Tanja, Sohn Simeon, Gisela und Daniel Bertoldo (von links) hinter ihrer Gartenmodelleisenbahn.

Bild: Nik Roth

Erst wischt Daniel Bertoldo den Schnee weg, dann setzt er vorsichtig die Lok auf die Schienen der Modelleisenbahn. Sie steht im Garten des Einfamilienhauses in der Hochwacht über St.Gallen. «Das war immer schon mein Traum für die Zeit, wenn unsere vier Kinder ausgezogen sind», sagt der 58-Jährige.

Aber eigentlich ist die Gartenbahn ein Gemeinschaftsprojekt. Die Streckenführung hat Daniel Bertoldo mit seiner Frau bestimmt. «Ich mache die erweiterten Umgebungsarbeiten, er lässt den Motor laufen», sagt Gisela Bertoldo lachend. Ihr Mann hat die Elektrik verkabelt, sie die Brücken gebaut, die ihr Sohn Simeon konzipiert hat. «An Kreativität mangelt es unserer Familie nicht», sagt der 30-Jährige.

Der Sohn war früher radikaler

Familiensache im Hause Bertoldo ist auch die Politik. Zu fünft kandidieren sie für den Kantonsrat – für die evangelische Volkspartei (EVP): Mutter und Vater Bertoldo, Simeon und Gabriel, zwei ihrer Söhne sowie Schwiegertochter Tanja, Simeons Frau.

Gisela und Daniel Bertoldo sind in St.Gallen bekannte Gesichter. Die 57-jährige gelernte Gärtnerin kennt man von ihrem Einsatz für die Familiengärten. Ehemann Daniel war lange als Elektroinstallateur tätig und arbeitete freiwillig in der Kirche mit. Irgendwann habe er gemerkt, dass er in der Kirche mehr bewirken könne als im Ingenieurbüro. Nach zwölf Jahren als Projektleiter sattelte Bertoldo um und wurde Diakon der reformierten Kirche St.Gallen-Centrum. Zudem sitzt der Parteipräsident der kantonalen EVP seit zehn Jahren im Stadtparlament.

An seinem Anzug trägt der 58-Jährige stolz einen Pin mit dem gelb-blauen EVP-Logo. Es brauche christliche Werte in der Politik: «Damit alle Menschen in Würde leben können, aber auch der Umwelt und der Schöpfung gerecht werden.» Die EVP sei eine kleine Partei.

«Um sich Gehör zu verschaffen,
braucht es jede Person.»

Vier Familienmitglieder haben den Ruf des Vaters erhört. So wie Familienausflüge und Ferien bei Bertoldos am elterlichen Küchentisch besprochen werden, wurde auch die gemeinsame Kandidatur für den Kantonsrat dort diskutiert.

Gibt der Vater das Parteibuch vor? Simeon sagt, das politische Interesse habe sicherlich auf die Kinder abgefärbt. «Gabriel konnte es zum Beispiel kaum erwarten, mit 18 wählen und abstimmen zu können.» Eine Vorgabe punkto Partei gab der Vater nicht ab. Er habe ihn aber dazu motiviert, sich auf Smartvote und Vimentis zu informieren. «Im Teeniealter kam heraus, dass meine Einstellung am ehesten mit der SVP übereinstimmt.»

Vater und Sohn waren nicht immer gleicher Meinung.

Vater und Sohn waren nicht immer gleicher Meinung. 

Bild: Nik Roth

Das Ergebnis hat Diskussionen in der Familie ausgelöst, sagt Simeon. In der Berufsschule sei seine Sicht auf die Politik jedoch objektiver geworden, andere Aspekte hätten mehr Gewicht bekommen. Er schwenkte auf die Linie der EVP ein. In seiner Jugend sei er radikaler gewesen, bei Migrationsthemen anderer Meinung als die Eltern. «Wenn es niemand gehört hat, habe ich zu meiner Frau gesagt, dass er schon vernünftig wird», sagt der Vater rückblickend.

Die Geschwister haben sich gegenseitig beeinflusst

Simeon wohnt mit seiner Frau Tanja, sie ist Ergotherapeutin, und der sechsjährigen Tochter nur drei Minuten weg vom Elternhaus. Ähnlich wie sein Vater startete auch Simeon seine berufliche Laufbahn im technischen Bereich, als Konstrukteur. «Doch nach der Geburt unserer Tochter konnte ich nicht in ein Teilzeitpensum wechseln.» So stieg auch er um. Heute ist er Mesmer der Kirche Riethüsli.

Neben den Eltern, Simeon und Tanja tritt auch der jüngste Sohn von Bertoldos zur Kantonsratswahl an. «Gabriel wohnt noch zu Hause, absolviert aber gerade die Grenadier-Rekrutenschule», sagt Mutter Gisela. Die anderen beiden Kinder würden Politik nur am Rand verfolgen.

«Rebekka und David stimmen regelmässig ab, aber engagieren sich nicht weiter.»

Doch wieso steht der Name Bertoldo fünfmal auf der Liste der EVP? Das habe sich nach und nach so ergeben, sagt Vater Daniel. Es gäbe auch keinen Zwang, für die EVP kandidieren zu müssen. Denn jeder von ihnen solle seine Eigenständigkeit leben und wahren können. «Bei uns kann man auch Nein sagen», sagt Simeon dazu. Schwiegertochter Tanja stimmt zu: «Mich haben sie auch noch nie gefragt, was ich ankreuze.» Klar hätten sie sich bei ihrem politischen Engagement gegenseitig beeinflusst, sagt Simeon. Grösseren Einfluss als der Vater hätten aber die Geschwister untereinander. Also stets Konsens? «Nicht immer. Bei der Wohnungsinitiative war ich mit meiner Frau absolut uneins», sagt der Vater.

Eine gestrickte Fledermaus auf dem Christbaum

Nicht alles bei Bertoldos ist bierernst. Sie sind kreativ, politisch und auch musikalisch – und lachen gern über sich selbst. Mutter Gisela sagt:

«Wir sind eine fröhliche Familie,
machen oft dumme Sprüche und
haben schräge Ideen.»

Wie damals, als die Familienmitglieder von einer gestrickten Fledermaus anstelle des Christbaumspitzes witzelten. Meist falle dann der Satz: «Das können wir schon machen». Und da sie eben auch eine «Umsetzungsfamilie» seien, strickte Gisela die Fledermaus kurzerhand. So schmückte diese die Weihnachtstanne und Bertoldos freuten sich über den skurrilen Witz.

Wie die Eltern

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm


Dieses bekannte Sprichwort meint, dass ein Kind Eigenschaften und Verhaltensweisen der Eltern übernimmt. In einer losen Serie porträtiert die «Tagblatt»-Redaktion Familien, in denen ein Kind dasselbe macht wie die Mutter oder der Vater – sei dies beruflich, politisch, gesellschaftlich oder künstlerisch. (red)