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Wie lebt es sich mit Staub und Baulärm? Zu Besuch im Haus neben einer St.Galler Grossbaustelle

Das einzelne Haus am Anfang der Haldenstrasse steht wie ein Fels in der Brandung. Rundherum klafft eine tiefe Baugrube. Die Grossbaustelle zwischen Wassergasse und Felsenstrasse fordert die Hausbewohnerinnen und Hausbewohner heraus.
Sandro Büchler
Das Haus Haldenstrasse 1/5 ragt auf einem Sandsteinsockel aus der Baugrube zwischen Wassergasse und Haldenstrasse. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Das Haus Haldenstrasse 1/5 ragt auf einem Sandsteinsockel aus der Baugrube zwischen Wassergasse und Haldenstrasse. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Der Laminatboden in der Küche wellt sich leicht, die Farbe blättert vom Geschirrspüler ab. Am Schrank über dem Abwaschbecken steht: «Küchenutensilien bitte aufräumen, wir haben leider kein Geld für eine Putzfrau!» Die Dachwohnung an der Haldenstrasse 5 ist eine typische Studenten-Wohngemeinschaft. Drei der vier Bewohner der WG sitzen am Küchentisch.

«Ich habe einfach eine Wohnung gebraucht», sagt Vincent Moix. Nahe am Bahnhof gelegen sollte sie sein. Denn der 25-Jährige, der aus dem französischsprachigen Teil des Wallis stammt, fährt fast jedes Wochenende vier Stunden mit dem Zug in seine Heimat. Er studiert Unternehmensführung an der HSG, gerade ist sein letztes Semester an der Universität St.Gallen angebrochen.

Eine Grossbaustelle vor dem Fenster

In der Wohngemeinschaft an der Haldenstrasse: In der Dunkelheit vor dem Fenster gähnt die grosse Baugrube. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

In der Wohngemeinschaft an der Haldenstrasse: In der Dunkelheit vor dem Fenster gähnt die grosse Baugrube. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

«Die Baustelle ist wirklich gross; sie ist ein Monster», sagt Moix und deutet ins Dunkel hinter dem Küchenfenster. Es ist kurz vor 21 Uhr, draussen ist es still. Ganz anders tagsüber: Dann rumort es, quietschend reibt Gestein aufeinander, Lastwagen fahren hin und her. In den kommenden drei Jahren baut die Haldenhof AG zwischen der Wassergasse und der höher gelegenen Felsenstrasse vier siebengeschossige Wohnhäuser.

Dafür mussten einige alte Gebäude weichen. Für die Tiefgarage und Kellergeschosse der neuen Wohnblocks wurde ein rund 20 Meter tiefes Loch in den Fels gesprengt. Vier- bis fünfmal am Tag ertönte in den vergangenen Sommer- und Herbstmonaten das Warnhorn, gefolgt von einer Detonation.

Bedenken wegen der Statik

«Es ist ein komisches Gefühl, wenn das ganze Haus durch die Sprengungen zittert», sagt Moix. Kurz, aber heftig seien die Explosionen gewesen. «Es war halb so schlimm. Man gewöhnt sich daran.» Mitbewohner Adam Stewart fällt ihm ins Wort. «Du hast dir aber immer wieder Fragen zur Statik des Hauses gestellt.» Stewart ist Engländer und unterrichtet als Sprachassistent. «Irgendwann nimmt man den Lärm gar nicht mehr wahr», sagt auch er.

Der Deutsche Yannick Keuker – der wie Moix für das Studium nach St.Gallen kam – findet die zugenagelte Tür im Treppenhaus amüsant. Wo sich früher der Hinterhof öffnete, ist heute ein zehn Meter tiefer Abgrund. Keuker ist im ersten Studienjahr an der HSG. Er wolle günstig wohnen. «Der Baulärm stört mich nicht.» Tagsüber sei er sowieso an der Uni.

Yannick Keuker, Vincent Moix und Adam Stewart (von links) schauen in ihrer WG gemeinsam Fussball. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Yannick Keuker, Vincent Moix und Adam Stewart (von links) schauen in ihrer WG gemeinsam Fussball. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Während hinter dem Haus gesprengt wurde, erhielten die Bewohner eine Mietreduktion von rund 20 Prozent, sagt Vermieter Pascal Straub von der Apfelberg Immoservice AG. Die Wohnqualität habe aber auch so gelitten, sagt eine weitere Hausbewohnerin. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung sehen. Denn sie habe mehrmals reklamiert. «Als plötzlich auch an einem Samstag gesprengt wurde, beschwerte ich mich.» Seither schweigen die Baumaschinen am Wochenende. «Trotzdem habe ich den ganzen Tag Lärm in den Ohren», sagt die Frau.

«Das sind meine vier Wände»

Seit fünf Jahren wohne sie hier, oft arbeite sie von zu Hause aus. «Die ganze ‹Hütte› hat bei den Detonationen gewackelt.» Ihren Balkon könne sie nicht nutzen, die Fenster am Tag wegen Lärm und Staub nicht öffnen. Wegziehen wollte sie aber nicht. «Ich fühle mich hier zu Hause, das sind meine vier Wände», sagt die Mieterin.

«Das Haus ist alt, aber schön – in ihm stecken gute Energien.»

Zwar sei das Haus auf Sand gebaut, die Bausubstanz aber intakt, sagt Ivan Lechthaler, Gesamtbauleiter der Grossbaustelle. So hätten die Eigentümer, welche gleichzeitig die Bauherren des Neubauprojekts sind, entschieden, das Haus stehen zu lassen. Dies scheint aber nur die halbe Wahrheit zu sein.

Das Haus Haldenstrasse 1/5 ist von drei Seiten von der grossen Baustelle umgeben. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Das Haus Haldenstrasse 1/5 ist von drei Seiten von der grossen Baustelle umgeben. (Bild: Michel Canonica - 21. Februar 2019)

Der westliche Gebäudeteil, die Hausnummer 5, gehört einer Privatperson. Dem Vernehmen nach habe sie ihren Anteil nicht verkaufen wollen. Die Baustelle wurde fortan rundherum geplant. Gebaut wurde das Haus, das wie ein Monolith aus der Baugrube ragt, im Jahr 1902, der Blütezeit der Stickerei. Unter Denkmalschutz steht es nicht. «Es gehört aber zur Geschichte St.Gallens», sagt die kritische Hausbewohnerin. «Irgendwann wird auch die Baustelle vorbei sein.»

Eine lebendige Leere

Das Museum of Emptiness. (Bild: Reto Voneschen - 21. Januar 2019)

Das Museum of Emptiness. (Bild: Reto Voneschen - 21. Januar 2019)

Gilgi Guggenheim ist mit ihrem Museum of Emptiness - einem leeren Raum mit grossen Fenstern - im Erdgeschoss eingemietet. Sie mag die Geräusche und Gerüche der Baustelle: «Sie zeugen davon, dass die momentane Leere lebendig ist.» Der Krach sei kein Störfaktor für das Museum, viel eher werde der Raum dadurch zum Klangkörper. «Eine Sängerin kam sogar vorbei, um den Baulärm bewusst in ihren Gesang einzubinden.»

Leere müsse nicht zwingend Stille sein. Guggenheim sieht gar eine gewisse Ästhetik in den Bauarbeiten: «Was grob wirkt, ist eine handwerkliche Feinarbeit.» Dennoch sei der Eingriff brutal. Die Sprengungen erlebte sie, als würde eine Bombe einschlagen. «Menschen aus Kriegsgebieten kann dies verstören.»

Keine Umsatzeinbussen fürs Restaurant

Karim Harbali, Geschäftsführer des Restaurants El Miguel, winkt ab. «Es hat schon geschüttelt.» Aber die Baustelle störe ihn nicht. Auch bei seinem Vater, der vor 30 Jahren aus dem Libanon in die Schweiz kam, hätten die Explosionen keine Ängste geweckt. «Im Gegenteil, die Bauarbeiter sind gute Leute. Zuvorkommend, rücksichtsvoll und unkompliziert.» Sie kämen ab und zu zum Znüni und würden gleich die Terrasse sauberwischen. «Es ist ein Geben und Nehmen.»

Das Haus Haldenstrasse 1/5 von der Wassergasse her. Links im Erdgeschoss das Restaurant El Miguel, rechts das Museum of Emptiness. (Bild: Reto Voneschen - 26. April 2018)

Das Haus Haldenstrasse 1/5 von der Wassergasse her. Links im Erdgeschoss das Restaurant El Miguel, rechts das Museum of Emptiness. (Bild: Reto Voneschen - 26. April 2018)

Auch die Info-Anlässe für die Hausbewohner finden im «El Miguel» statt. Dennoch, das Lokal hatte Harbali wegen der Bauarbeiten bislang am Mittag geschlossen. Umsatzeinbussen verneint er aber. Er schaut voraus. «Ab März, wenn der Hochbau beginnt, öffnen wir am Mittag wieder», sagt er. Und fügt an: «Es wird ja etwas Schönes daraus.»

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