«Bei uns geht alles übers Telefon»: Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde St.Gallen pflegen während der Coronakrise Beziehungen kontaktlos

Die jüdische Gemeinde St.Gallen verzichtet auf Onlineangebote am Sabbat – nicht jedoch auf das Pflegen der Kontakte per Telefon unter der Woche.

Dinah Hauser
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Tovia Ben-Chorin, St.Galler Rabbiner.

Tovia Ben-Chorin, St.Galler Rabbiner.

Bild: Benjamin Manser

Das Corona-Veranstaltungsverbot trifft nicht nur die Christen, die nun auf anderen Wegen den Kontakt suchen. Auch bei der jüdischen Gemeinde St.Gallen fallen jegliche Veranstaltungen weg. Hier geht nun alles über das Telefon: «Mitglieder rufen sich regelmässig gegenseitig an und erkundigen sich», sagt Rabbiner Tovia Ben-Chorin.

Schaffen ist am Sabbat nur Gott vorbehalten

Auf Onlineangebote verzichtet die Gemeinde jedoch. Denn gemäss dem jüdischen Grundsatz darf am Sabbat, der am Freitagabend beginnt und bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag dauert, keine Arbeit verrichtet werden. Dabei spiele es keine Rolle, wie viel Energie verbraucht werde. Ben-Chorin erklärt: «Mit dem Knopfdruck wird eine neue Situation geschaffen. Und Schaffen, oder eben Schöpfen, ist am Sabbat nur Gott vorbehalten.»

Dass ein kleines Virus das von Menschen geschaffene Weltsystem umschmeisst, fasziniert und schockiert den Rabbiner zugleich.

«Heute geht die Demut zur Schöpfung und dem Universum oftmals verloren.»

In der Wirtschaft gehe es meist nur noch um Profit und wie man sich selbst bereichern kann. «Der Mensch stört so das Gleichgewicht der Natur.» Als Strafe Gottes will Ben-Chorin das Virus nicht bezeichnen. «Es ist wie beim Klimawandel: Die Menschen haben das Problem selbst geschaffen.» Deswegen fühlt er sich auch verantwortlich, Sorge zur Umwelt und seinen Mitmenschen zu tragen.

Hoffnung und Humor schöpft der Rabbiner nicht nur aus seinem Glauben. «Es ist fantastisch, wie sich nun Nachbarn, mit denen man bisher wenig zu tun hatte, melden und helfen wollen.» In dieser tiefen Krise kämen humane Gefühle heraus, die ansonsten im Alltag untergehen oder nicht gezeigt werden.