«Bei einigen kommen Kriegserinnerungen hoch»: In St.Gallen leiden Altersheimbewohner stark unter der Isolation

Alters- und Pflegeheime sind seit zwei Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Bewohner gehen damit ganz unterschiedlich um.

Marlen Hämmerli, Dinah Hauser und Katharina Brenner
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Besuch muss draussen bleiben: Im Alters- und Pflegeheim Lindenhof gab es Verdachtsfälle von Corona-Erkrankten.

Besuch muss draussen bleiben: Im Alters- und Pflegeheim Lindenhof gab es Verdachtsfälle von Corona-Erkrankten.

Bild: Benjamin Manser

Zwei Wochen gilt es schon, vier weitere Wochen dauert es an. Vorläufig bis zum 30. April dürfen Angehörige ihre Verwandten in Pflege- und Altersheimen bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr besuchen. So hat das die Regierung des Kantons beschlossen.

Einzelne Angehörige haben dafür kein Verständnis. Sie beleidigen das Personal, klettern über Abschrankungen oder gar zum Fenster hinauf. In gewissen Heimen im Kanton musste die Polizei eingreifen. Robert Etter, Präsident des Heimverbandes Curaviva St.Gallen, ruft deshalb dazu auf, solidarisch mit anderen Heimbewohnern, Angehörigen oder dem Gesundheitspersonal zu sein.

«Wir sperren 90 Prozent der Bevölkerung ein, um zehn Prozent zu schützen. Die Regeln zu missachten, ist nicht fair.»

Keine Jassnachmittage mehr, dafür Würfelspiele

Aber wie ist es, eingesperrt zu sein? «Wir sind zum Nichtstun verurteilt», sagt ein Bewohner des GHG Rosenberg, der Vereinigung von Josefshaus und Marthaheim. Auch Gesellschaftsspiele könne er nicht mehr machen – die Jassnachmittage sind abgesagt. Seit dem Besuchsverbot herrsche tote Hose. Er sei nicht der Typ, der lange telefoniere.

Für den Bewohner, der anonym bleiben will, kann die Coronakrise gar nicht schnell genug vorbeigehen. Margrith Koch, ebenfalls Bewohnerin des GHG Rosenberg, denkt positiv: «Man soll nicht dem nachtrauern, was man nicht mehr tun kann, sondern sich an dem erfreuen, was man noch machen kann», ist die Devise der bald 67-Jährigen. Sie bedauert zwar, nicht mehr mit Freunden einen Kaffee trinken zu können. Die Toggenburgerin sieht aber die Notwendigkeit der Massnahmen. Da sie gut mit dem Smartphone umgehen kann, ist sie viel auf Whatsapp.

«Ich verschicke schöne Bilder und schreibe ermutigende Nachrichten dazu.»

Im Altersheim ist der Kontakt unter den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht per se verboten. Margrith Koch hat so einige neue Bekanntschaften gemacht. Bei den Treffen müssen die Bewohner jedoch auf die Hygienemassnahmen und die Abstandsregel achten. Koch wird es nicht langweilig: Sie hört Musik, lismet und häkelt. Zudem spielt sie gerne Yahtzee. «Wenn alle eigene Würfel benutzen, geht das.» Und einen Lichtblick sieht sie:

«Das Besuchsverbot dauert ja nicht ewig.»

Der Park wird überwacht

Ins Freie dürfen alle Altersheimbewohner noch. Der Park des Bürgerspitals, dem Robert Etter neben dem Altersheim Singenberg vorsteht, ist gut besucht und überwacht. Denn Passanten und Bewohner dürfen sich nicht zu Nahe kommen.

Die Altersheime haben auf jeder Abteilung ein Tablet angeschafft. Das Pflegepersonal vereinbart mit den Angehörigen Telefontermine und unterstützt die Bewohnerinnen und Bewohner beim Einrichten des Videoanrufs. Mittlerweile gehören diese Gespräche laut Bilinski zum Alltag. «Die Leute haben Freude, das Gesicht des Gegenübers zu sehen. Es ist etwas ganz anderes, als zu telefonieren», sagt Kerstin Bilinski, Leiterin des Bürgerspitals.

Telefonieren ist nicht dasselbe, wie jemanden zu treffen

Etwas differenzierter sieht dies der Leiter des Sömmerli, Alban Georgy: «Telefonieren ist das eine, aber sich physisch zu treffen, ist nochmals anders. Es ist etwas vom Schlimmsten, wenn man am Ende des Lebens seine Verwandten nicht mehr sehen darf.» Einige Bewohner kämen inzwischen an ihre Grenzen. Vor allem für jene, die die Situation nicht versehen, sei die Situation besonders belastend. Für Personen mit Demenz etwa.

In wenigen Fällen sind Besuche möglich. Etwa fünf Bewohner dürfen aus psychischen und sozialen Gründen Angehörige treffen, müssen aber Rücksprache mit der Heimleitung nehmen. Auch die Hygiene- und Abstandsregeln müssen Besucher wie Bewohner laut Georgy strikt einhalten.

«Es ist ja auch das ureigenste Interesse der Besucher, nicht die Mutter oder den Vater anzustecken.»

Wenige nutzen die Videotelefonie. Dafür laufen die Telefondrähte im Sömmerli heiss. Ausserdem dürfen auch hier die Bewohner ins Freie, nur verlassen sollten sie das Areal nicht. Eine Hilfe sind deshalb die Mitglieder eines Sportvereins: Sie gehen für die Bewohner das kaufen, was der interne Kiosk nicht anbietet.

Erinnerungen an den Krieg kommen hoch

Das Pflegeheim St.Otmar hat bereits fünf Tage vor dem Regierungsrat gehandelt und am 11. März ein Besuchsverbot erlassen. Ein Besuch ist nur noch in begründeten Ausnahmefällen erlaubt. «Wir haben derzeit zwei Personen, die palliativ betreut werden. Diese Bewohner dürfen natürlich Besuch von ihren Angehörigen erhalten, allerdings maximal von einer Person», sagt Verwaltungsratspräsident Peter Schmid.

Die Massnahmen seien zum Schutz der 92 Bewohnerinnen und Bewohner erlassen worden. Doch für sie sind es grosse Einschnitte.

«Bei einigen der älteren kommen Kriegserinnerungen hoch, manche haben einen Quarantänekoller, Angst und Panik.»
Peter Schmid, Verwaltungsratspräsident Pflegeheim St.Otmar.

Peter Schmid, Verwaltungsratspräsident Pflegeheim St.Otmar.

Bild: PD

Das Personal versuche, ihnen so gut wie möglich zu helfen. Auch das Pflegeheim St.Otmar hat Tablets gekauft, damit die Bewohnerinnen und Bewohner via Video mit Angehörigen kommunizieren können. Das mache einen Riesenunterschied. «Die Angehörigen zu sehen, trifft die Seele. Das ist viel persönlicher, als nur zu telefonieren.»

Weniger betroffen von den Massnahmen sind die Demenzkranken. Sie nehmen die Veränderungen laut Schmid weniger stark wahr. Die meisten Angehörigen hätten sehr gut und verständnisvoll reagiert.

In den Alters- und Pflegeheimen Notkerianum und Lindenhof ist die Stimmung laut Gesamtleiter Matthias Luterbacher ruhig – obwohl wegen Verdachtsfällen vorübergehend Zimmer isoliert werden mussten.

«Viele sagen, sie hätten schon ganz anderes durchgemacht, etwa den Weltkrieg oder die Tuberkulose überlebt.»
Matthias Luterbacher, Gesamtleiter der Alters- und Pflegeheime Notkerianum und Lindenhof.

Matthias Luterbacher, Gesamtleiter der Alters- und Pflegeheime Notkerianum und Lindenhof.

Bild: Urs Bucher (11. Juni 2019)

Die Bewohner können Videoanrufe führen. Viele telefonieren aber lieber. «Für Personen am Lebensende ist es natürlich eine emotionale Belastung. Aber niemand muss alleine sterben.» Manche Angehörigen hätten emotional reagiert, als sie die Folgen des Verbots realisierten. Doch inzwischen ist die Regel laut Luterbacher sehr gut akzeptiert. Bisher ist noch niemand durchs Fenster geklettert. Weder rein noch raus.