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Gräber der zweiten Bestattungslage lagen teilweise sehr dicht nebeneinander. (Bild: Raphael Rohner)

Gräber der zweiten Bestattungslage lagen teilweise sehr dicht nebeneinander. (Bild: Raphael Rohner)

63 Skelette unter dem Vorplatz eines St.Galler Schulhauses gefunden: Archäologen legen alten Friedhof frei

Das Gewerbeschulhaus an der Kirchgasse in St.Gallen steht in einem alten Friedhofsareal. Unter dem Vorplatz wurden jetzt auf engstem Raum 63 alte Gräber entdeckt.
Reto Voneschen

Einige St.Gallerinnen und St.Galler könnte es in nächster Zeit etwas gruseln, wenn sie durch die Kirchgasse ins Mangenpärklein spazieren. Im Untergrund befinden sich hier nämlich die Überreste eines alten Stadtfriedhofs. Er wurde von 1567 bis 1876 benutzt. Als er an der Schwelle zum 20. Jahrhundert abgeräumt, teils in ein Pärklein verwandelt wurde und teils unter dem Gewerbeschulhaus oder der Gasse verschwand, blieben die dort bestatteten Toten im Boden.

Entsorgung St.Gallen will im Sommer vor dem Gewerbeschulhaus an der Kirchgasse einen neuen Unterflurbehälter bauen. Aus diesem Grund haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kantonsarchäologie von Anfang April bis Ende Juni den Bauplatz untersucht. Sie stiessen dabei, wie erwartet, auf die Reste des alten Stadtfriedhofs St.Mangen. Eine Überraschung war die Dichte, in der der alte Friedhof belegt war.

Auf einer Fläche von 19 Quadratmetern fanden die Archäologen bis in eine Tiefe von 1,70 Meter verteilt auf vier Bestattungslagen insgesamt 63 alter Gräber. Dazu kamen viele menschliche Einzelknochen, die von früheren Grabräumungen stammen. Sie zeugen davon, dass der Friedhof St.Mangen über Jahrhunderte benutzt worden war.

Ein weiteres Kapitel St.Galler Friedhofsgeschichte

2009 war es für viele St.Galler eine kleine Sensation: Damals begleitete die Kantonsarchäologie die Bauarbeiten für die Neugestaltung der südlichen Altstadt. In den Gräben für die Werkleitungen stiessen sie vor dem Amtshaus der Ortsbürger und auf der Kreuzung von Markt- und Zeughausgasse auf mehrere Hundert Jahre alte Gräber mit gut erhaltenen Skeletten. Sie hatten die Überreste des bis 1567 betriebenen Stadtfriedhofs St.Laurenzen entdeckt.

In der St.Galler Innenstadt, liegen nur... (Bild: KASG)In der St.Galler Innenstadt, liegen nur... (Bild: KASG)
... wenige Zentimeter unter Strasse... (Bild: Raphael Rohner)... wenige Zentimeter unter Strasse... (Bild: Raphael Rohner)
... menschliche Überreste begraben. Bei einer Baustelle... (Bild: Raphael Rohner)... menschliche Überreste begraben. Bei einer Baustelle... (Bild: Raphael Rohner)
... kamen über 60 Gräber zum Vorschein. Der Platz mit einer Fläche... (Bild: KASG)... kamen über 60 Gräber zum Vorschein. Der Platz mit einer Fläche... (Bild: KASG)
... von rund 19 Quadratmetern wird für einen Unterflurbehälter ausgegraben. (Bild: Raphael Rohner)... von rund 19 Quadratmetern wird für einen Unterflurbehälter ausgegraben. (Bild: Raphael Rohner)
Für die Archäologie ist der Fund etwas Besonderes. Über die Skelette... (Bild: Raphael Rohner)Für die Archäologie ist der Fund etwas Besonderes. Über die Skelette... (Bild: Raphael Rohner)
... können Schlüsse über das Leben der Bevölkerung herausgefunden werden. (Bild: Raphael Rohner)... können Schlüsse über das Leben der Bevölkerung herausgefunden werden. (Bild: Raphael Rohner)
Die einzelnen Körperpartien jedes Skeletts... (Bild: Raphael Rohner)Die einzelnen Körperpartien jedes Skeletts... (Bild: Raphael Rohner)
... werden sorgfältig einzeln... (Bild: Raphael Rohner)... werden sorgfältig einzeln... (Bild: Raphael Rohner)
aus dem Boden gepult. Dann wird jede Körperpartie... (Bild: Raphael Rohner)aus dem Boden gepult. Dann wird jede Körperpartie... (Bild: Raphael Rohner)
... in je eine Tüte verpackt und beschriftet. (Bild: Raphael Rohner)... in je eine Tüte verpackt und beschriftet. (Bild: Raphael Rohner)
Im Labor werden die Knochen später analysiert und.. (Bild: Raphael Rohner)Im Labor werden die Knochen später analysiert und.. (Bild: Raphael Rohner)
... von einer Anthropologin untersucht. Die Skelette stammen... (Bild: Raphael Rohner)... von einer Anthropologin untersucht. Die Skelette stammen... (Bild: Raphael Rohner)
... vom ehemaligen Friedhof der St.Mangen-Kirche. Dieser wurde vor rund... (Bild: Raphael Rohner)... vom ehemaligen Friedhof der St.Mangen-Kirche. Dieser wurde vor rund... (Bild: Raphael Rohner)
... hundert Jahren geschlossen. Die Knochen blieben im Boden. (Archivbild)... hundert Jahren geschlossen. Die Knochen blieben im Boden. (Archivbild)
15 Bilder

Über 60 Gräber bei Baustelle gefunden

Genau zehn Jahre später wird diese Geschichte in der nördlichen Altstadt fortgeschrieben: Die von Anfang April bis Ende Juni unter dem Vorplatz des Gewerbeschulhauses Kirchgasse gefundenen Überreste stammen nämlich von jenem Friedhof, der St.Laurenzen vor 452 Jahren ablöste. Der Friedhof St.Mangen wurde dann von 1567 bis mindestens 1876 genutzt.

Wenn gegraben wird, sind die Archäologen dabei

Anders als beim älteren Friedhof St.Laurenzen ist vielen Städterinnen und Städtern bewusst, dass es bei St.Mangen einst ebenfalls einen solchen gab. Im städtischen Richtplan ist die ganze Altstadt aber sowieso als Gebiet ausgewiesen, in dem im Boden mit Funden aus rund 1200 Jahren Stadtgeschichte zu rechnen ist. Sämtliche Bodeneingriffe müssen hier von der Kantonsarchäologie begleitet werden.

Im Fall des neuen Unterflurbehälters an der Kirchgasse 15 hat das ausgezeichnet geklappt. Da die Kantonsarchäologie frühzeitig über das Projekt informiert worden sei, hätten die Ausgrabungen vor den eigentlichen Bauarbeiten durchgeführt werden können, lobt Grabungsleiter Thomas Stehrenberger.

So konnten die Archäologen in Ruhe arbeiten, und die Bauarbeiter müssen jetzt keine Rücksicht mehr auf allfällige Funde im Erdreich nehmen. Dort, wo sie den Unterflurbehälter einbauen, haben die Archäologen alle Artefakte ausgegraben, dokumentiert und abtransportiert.

Keine Hinweise auf eine frühe Besiedlung gefunden

Dass sie auf Reste des alten Friedhofs stossen würden, war Archäologe Thomas Stehrenberger und dem angehenden Grabungstechniker Marco Fahrni klar. Erfolglos gesucht haben sie nach Bodenstrukturen der ersten Siedlung auf dem Hügel von St.Mangen. Anders als es das herkömmliche Geschichtsbild wissen will, ist St.Gallen nach heutiger Meinung der Fachleute nicht aus nur einer Siedlung neben dem Kloster gewachsen.

Es gab höchstwahrscheinlich eine zweite solche Siedlung bei St.Mangen. Archäologische Belege dafür gibt es bis heute allerdings keine. Ein Grund dürfte sein, dass der Untergrund hier über die Jahrhunderte – unter anderem durch die Friedhofnutzung – immer wieder umgegraben wurde und ältere Strukturen dabei zerstört wurden.

Für die Fachleute wäre vermutlich ein Beleg für diese erste Siedlung das Highlight der aktuellen Grabung gewesen. Für den Laien ist das, was die Archäologen vom alten Friedhof gefunden haben, schon eindrucksvoll genug. Auf einer Fläche von 19 Quadratmetern wurden 63 Skelette freigelegt. Es handelte sich gemäss Thomas Stehrenberger um Körpergräber in gestreckter Rückenlage. Mit wenigen Ausnahmen waren die Verstorbenen mit Blickrichtung nach Osten beigesetzt. Unter den Verstorbenen sind alle Altersgruppen vertreten.

Zwischen 150 und über 500 Jahre alt

Die jüngsten Gräber dürften aus der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen. Einige Gräber der untersten Bestattungslage könnten aus dem Mittelalter datieren. Damit dürften die gefundenen Bestattungen zwischen 150 und über 500 Jahre alt sein. Mit Holz- und Knochenproben soll für ausgewählte Gräber eine genauere Altersbestimmung versucht werden.

Neben ganz und teilweise erhaltenen Skeletten und den sogenannten «Streuknochen» wurden Reste von Kleidungsstücken und Särgen geborgen. Jetzt werden die Skelette und anderen Grabungsfunde gewaschen, beschriftet und inventarisiert. Später folgt eine anthropologische Untersuchung, die neben Daten zu Alter und Geschlecht auch Resultate zu Krankheiten und Verletzungen liefern soll.

Auch untersucht werden die Merkmale der verschiedenen Bestattungen: Dazu zählt etwa die Armhaltung bei den Beerdigungen. Oder wieso einzelne Skelette so aussehen, wie wenn sie in zu kleinen Särgen bestattet worden wären.

Neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte

Die Ergebnisse, so hoffen die Fachleute, werden neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte liefern. Zu erwarten sind insbesondere Hinweise zu Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungstruktur der alten Stadt St.Gallen. Nach Abschluss der Analysen werden die an der Kirchgasse geborgenen Gebeine in ein als Friedhof anerkanntes Lager überführt.

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