Baustreit
«Die Wiese darf nicht verbaut werden»: Warum sich ein St.Galler Quartier gegen einen Neubau wehrt

Im Quartier Bruggen regt sich Widerstand. Man sei nicht gegen den Neubau der Tagesbetreuung, aber gegen den Ort. Denn: Die Stadt plant, den Neubau auf der Quartierwiese zu erstellen. Ohne, dass die Anwohnerinnen und Anwohner befragt worden seien.

Julia Nehmiz
Merken
Drucken
Teilen
Anwohner fürchten, dass mit dem geplanten Neubau die Wiese, der Quartierstreffpunkt, zerstört wird.

Anwohner fürchten, dass mit dem geplanten Neubau die Wiese, der Quartierstreffpunkt, zerstört wird.

Bild: Arthur Gamsa (20. November 2020)

Am Sonntagabend um 18 Uhr hat Donat Kuratli die Petition aufgeschaltet. Und das Quartier unterschreibt seitdem. Fast minütlich steigt die Unterschriftenzahl für die Petition «Boppi-Wiese erhalten» auf der Online-Plattform change.org. Um 18 Uhr am Montagabend, in nur 24 Stunden, sind es bereits 460. Klar könne online jeder unterschreiben, sagt Kuratli. Aber die Mehrheit der Unterstützer komme aus dem Quartier Bruggen und aus den Vereinen, die dort auf der Wiese trainieren und Turniere ausrichten.

Donat Kuratli, Stadtparlamentarier SVP und Petitionär

Donat Kuratli, Stadtparlamentarier SVP und Petitionär

Bild: PD

Das Quartier wehrt sich gegen einen Neubau. Nicht gegen das Gebäude an sich – sondern gegen den Standort. Es sei völlig klar, dass die Tagesbetreuung der Primarschule Boppartshof einen braucht, sagt Kuratli. «Wir sind für den Mittagstisch, wir sind für einen Neubau.» Aber doch nicht dort, wo es der Stadtrat vorgesehen habe: auf der einzigen Sport- und Spielwiese im Quartier, dem Treffpunkt für alle. Und bitte, warum habe der Stadtrat das Quartier nicht miteinbezogen in die Planung?

«Warum wird von Partizipation nur gesprochen, warum wird sie nicht gelebt?»

Aktuell ist die Tagesbetreuung in einem Holzpavillon untergebracht, der 2009 als Provisorium errichtet worden war – und mittlerweile aus allen Nähten platzt. An zwei weiteren Standorten nahe der Schule musste die Stadt weitere Räume dazu mieten. Donat Kuratli sagt:

«Eine Tagesbetreuung verteilt auf drei Orte, das ist ein Seich.»

Ausgelegt für ursprünglich 80 Kinder, werden heute an Spitzentagen 101 Kinder betreut, vom 1. Kindergartenjahr bis zur 6. Klasse. Der Neubau soll 204 Kindern Platz bieten.

Parallelen zum Streit um die Sömmerliwiese

Es ist nicht das erste Mal, dass in der Stadt über eine Wiese und einen Neubau für die Tagesbetreuung einer Primarschule gestritten wird. 2017 stimmte das Volk mit Ja, die Sömmerliwiese der Grünzone zuzuweisen. Das verunmöglichte den Neubau. Ein langer Kampf um die Wiese war dem vorausgegangen, auch in der Lachen warfen Anwohnerinnen und Anwohner dem Stadtrat vor, sie seien nicht miteinbezogen worden in die Planung, es gehe nicht an, dass die Quartierwiese überbaut werde.

Wiederholt sich dieses Prozedere? Donat Kuratli, der im Stadtparlament für die SVP politisiert und im Bruggen-Quartier wohnt, findet: jein. Es gebe Unterschiede zwischen Sömmerli- und Boppartshof-Wiese. Im Boppartshof stehe ja keine Zonenplanänderung an. Aber es gebe eben auch Parallelen: Hier wie dort habe die Stadt die Bevölkerung nicht ins Boot geholt. «Ich verstehe nicht, warum der Stadtrat die gleichen Fehler immer wieder begeht!»

Alle sind dafür, dass die Primarschule Boppartshof einen Neubau für die Tagesbetreuung bekommt. Nur: Wo soll dieser hin?

Alle sind dafür, dass die Primarschule Boppartshof einen Neubau für die Tagesbetreuung bekommt. Nur: Wo soll dieser hin?

Bild: Marlen Hämmerli (21.Oktober 2020)

Die Stimmung im Quartier? Kuratli beschreibt sie so: Viele würden sagen, ja spinnen sie jetzt komplett?

«Alle, mit denen ich spreche, sagen, das Projekt darf so nicht stattfinden. Dieser Platz darf nicht verbaut werden.»

Noch im Oktober 2020 hiess das Stadtparlament einen Verpflichtungskredit für die Ausarbeitung eines Vorprojekts gut: Für 600000 Franken sollen Architekturwettbewerb und Vorprojekt durchgeführt werden. Der Wettbewerb läuft, seit 2. Februar kann man sich anmelden, die Wettbewerbsbeiträge können bis 25. Juni eingereicht werden. Die neue Tagesbetreuung war schon damals detailliert beschrieben. Warum stimmte das Parlament dem zu? Das sei doch verständlich, sagt Kuratli. «Leute, die nicht dort wohnen, denen ist es vielleicht egal, was mit der Wiese passiert.» Und wenn es um einen Mittagstisch gehe, sei Mitte-links eh immer dafür.

Der Wunsch? Auftrag zurück an den Stadtrat

Donat Kuratli bedauert, dass es so weit kommen musste. Dass das Quartier nicht einbezogen worden sei. Erst vor elf Tagen gab es eine Aussprache zwischen Quartier und Stadtrat. Man hätte sich eine öffentliche Veranstaltung gewünscht, aber wegen Corona sei das natürlich nicht möglich gewesen. Und: Die Aussprache kam zu spät. Die Stadt erklärte zwar Projekt und Vorgehensweise. Aber sie wich natürlich nicht vom Projekt ab.

Jetzt wehrt sich das Quartier. Kuratli und seine Mitpetitionäre sammeln weiter Unterschriften. Im Mai oder Juni werde man die Petition einreichen. Sein Wunsch: Dass das Stadtparlament realisiert, es geht um eine fürs Quartier wichtige Wiese, die nicht durch den Bau kaputtgemacht werden soll. Dass das Parlament sagt: Auftrag zurück an den Stadtrat, Vorlage neu ausarbeiten.

«Wenn das nicht klappt, sind wir gezwungen, das Referendum zu ergreifen und eine Volksabstimmung zu fordern.»

Es wäre aber schön, müsste es erst gar nicht dazukommen, sagt Kuratli.