Mitten im Wald soll zwischen Gossau und Oberbüren eine neue Deponie entstehen

Wo Deponien entstehen sollen, gibt es oft Widerstand. Niemand will sie in seiner Nähe haben. In Gossau sind derzeit gleich drei Standorte geplant.

Perrine Woodtli
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Ein Lastwagen wird in der Deponie Tüfentobel entladen. (Bild: Urs Jaudas, 11. Januar 2010)

Ein Lastwagen wird in der Deponie Tüfentobel entladen. (Bild: Urs Jaudas, 11. Januar 2010)

Im Kanton St.Gallen herrscht ein Deponiemangel. In vielen Regionen wird es schwieriger, im dicht besiedelten Raum geeignete Standorte zu finden. Dass es zu wenig Deponien gibt, ist schon lange bekannt. Dass es sie braucht unbestritten. Wo sie aber entstehen sollen, darüber sind sich viele uneins. Ganz nach dem Motto «Not in my backyard», also nicht in meinem Hinterhof.

Damit sich ein Standort für eine Deponie eignet, müssen zahlreiche Anforderungen gegeben sein. So darf eine Deponie unter anderem nicht in streng geschützten Naturschutzgebieten liegen und es dürfen keine Bäche überdeckt werden. Konflikte gibt es zudem fast immer mit der landwirtschaftlichen Nutzung oder der Nähe zu Siedlungen. «Da fallen sehr viele Flächen weg», sagt Tensing Gammeter, Leiter Sektion Abfall und Rohstoffe beim kantonalen Amt für Umwelt.

25 Hektar Wald müssten gerodet werden

Weil es im Kanton an Alternativen fehlt, soll in Gossau an einem ungewöhnlichen Ort eine Deponie für sauberes Aushubmaterial entstehen, nämlich mitten im Nutzenbuecherwald. Der 50 Hektar grosse Wald liegt im Nordwesten Gossaus an der Autobahn und befindet sich zu einem Teil auch auf Oberbürer Boden. «Dass man für eine Deponie einen Waldteil gerodet hat, kam schon vor», sagt Gammeter. «Eine Deponie komplett im Wald ist aber neu.» In der Ostschweiz wäre es sicher eine der ersten, wenn nicht die erste.

Das planende Unternehmen, die Koch AG aus Appenzell, will den Wald etappenweise roden, zwei Hügel schütten und diese wieder aufforsten. Der Deponie müsste eine Waldfläche von 25 Hektar weichen. «Uns ist bewusst, dass das für einen Aufschrei sorgt», sagt Gammeter. Bäume und Wälder seien ein emotionales Thema. Jedoch sei der Nutzenbuecherwald eine Fläche, die verhältnismässig wenig Konflikte berge. «Zudem handelt es sich um einen Nutzwald, der ökologisch weniger wertvoll ist.»

Geschätzte Betriebsdauer von 25 bis 30 Jahren

Beim Nutzenbuecherwald gibt es dennoch diverse Konfliktpunkte. So betrifft der Standort unter anderem zwei Naturschutzgebiete, ein Biotop und ein Amphibienlaichgebiet. Diese müssten berücksichtigt werden. Zudem müssten mehrere eingedolte Bäche offengelegt werden. Das Amt für Umwelt beurteilt den Standort aber als geeignet, da die Probleme gelöst werden könnten. Durch die Offenlegung der Gewässer könnten etwa für die Bachforellen- und Steinkrebspopulationen bessere Lebensbedingungen geschaffen werden.

Auch die Koch AG findet den Nutzenbuecherwald ideal. Er erfülle die Kriterien am besten, sagt Urs Koch, Mitglied der Geschäftsleitung. Nebst dem Autobahnanschluss und der abgelegenen Lage nennt er auch den Waldrand. Dieser diene als Sicht und Lärmschutz. Das Deponievolumen soll drei bis vier Millionen Kubikmeter betragen. Die Koch AG rechnet mit einer Betriebsdauer von 25 bis 30 Jahren.

In Oberbüren äusserte der politische Verein «Pro Oberbüren» bereits Bedenken. Die Deponie werde den Wald halbieren, eine Querung werde nicht mehr möglich sein. Ihm sei klar, dass es sich auch um ein Naherholungsgebiet handle, sagt Tensing Gammeter. Man müsse aber berücksichtigen, dass nach Abschluss der Deponie wieder Wald wachse. «Es bietet sich die Chance, diesen ökologisch wertvoller wiederherzustellen.»

Lage an der Autobahn ist optimal

Nebst der Deponie im Wald sind im nahen Umkreis weitere zwei Standorte auf dem Gossauer Gemeindegebiet geplant. Der Grund, warum sich genau jene Gegend eignet, ist unter anderem die Lage an der Autobahn. Eine möglichst einfache Erschliessung ist für eine Deponie unabdingbar. So soll auf der anderen Seite der Autobahn die Deponie Degenau entstehen. Diese befindet sich ebenfalls sowohl auf Gossauer als auch auf Oberbürer Boden.

Die Standorte Nutzenbuecherwald und Degenau waren Bestandteil der Richtplananpassung 2018. Im Sommer hat die öffentliche Vernehmlassung stattgefunden, der Erlass durch die Regierung sollte gemäss Gammeter in den nächsten Wochen erfolgen. Ausstehend ist dann noch die Genehmigung durch den Bund. Werden die Standorte genehmigt, können die Firmen mit der Planung fortschreiten.

Ausschliesslich auf Gossauer Boden befindet sich der Standort der Deponie Radmoos, die nur wenige Meter vom Nutzenbuecherwald entfernt geplant ist. Der Standort wurde trotz Protest des Gossauer Stadtrats und des Gemeinderats Oberbüren in den Richtplan aufgenommen. Im Radmoos gibt es jedoch einen Zielkonflikt: Der Stadtrat will dort eine Schutzzone für eine Quelle ausscheiden.

Diese überschneidet sich aber mit der Deponie. Die Eigentümer der Quelle haben Einsprache gegen die Schutzzone eingelegt. Die Stadt hat diese abgewiesen, nun liegt das Anliegen beim Kanton.

Nicht weit von den drei neuen Standorten existieren bereits drei Deponien. In Niederwil wurde 2018 die Deponie Ruetwis in Betrieb genommen. Diese wird in zwei bis drei Jahren aber aufgefüllt sein. In Flawil gibt es zwei Deponien. Auch dort dürfte eine schon nächstens voll sein.

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