Heruntergekommene Baracke wandelt sich zum Treff für Betagte der Stadt St.Gallen

Zwischennutzung im Lerchenfeld: Dort, wo das neue Busdepot entstehen soll, planen Susanne Lendenmann und Paolo Widmer ein Sozialprojekt für ältere Menschen. Sie wollen eine Baracke als Restaurant mit betreuter Tagesstruktur umnutzen.

Christina Weder
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Im Mai wollen sie eröffnen: Susanne Lendenmann und Paolo Widmer vor der Baracke am Rechenweg in St.Gallen.

Im Mai wollen sie eröffnen: Susanne Lendenmann und Paolo Widmer vor der Baracke am Rechenweg in St.Gallen.


Benjamin Manser

Die Wohnbaracke an der Rechenstrasse geriet vor einem Jahr in die Schlagzeilen. Die letzten Mieter hatten ihr Hab und Gut und ihren Abfall zurückgelassen. Die Stadt liess die Liegenschaft räumen. Es handelte sich um einen seltenen und besonders krassen Fall. Was mit der Baracke östlich der Badi Lerchenfeld passieren sollte, blieb damals noch offen.

Seit ein paar Wochen tut sich wieder etwas in der Liegenschaft. Susanne Lendenmann und ihr Ehemann Paolo Widmer wollen darin ein Pilotprojekt für ältere Menschen auf die Beine stellen und haben dafür den Verein Sozialtreff gegründet. Im Moment sind sie daran, die Baracke mit freiwilligen Helfern wieder auf Vordermann zu bringen. Paolo Widmer sagt:

«Wir haben alles herausgerissen.»

Nun sägen vier Männer Dielenbretter zu, verlegen den Boden neu, isolieren die Wände. Es ist kalt und laut im Innenraum. Und es bleibt noch viel zu tun.

Neben der Baracke kommt ein Pavillon zu stehen

Anfang Mai wollen Susanne Lendenmann und Paolo Widmer hier den «Schönenwegen Treff» eröffnen, wie sie ihn nennen. Teil davon sind ein öffentliches Restaurant und eine betreute Tagesstruktur für ältere Menschen und Personen mit leichter Demenz oder anderen Beeinträchtigungen. Das Restaurant mit Gartenterrasse soll in der bestehenden Baracke eingerichtet werden. Auf der angrenzenden Wiese wird ein Pavillon für die betreute Tagesstruktur zu stehen kommen, der voraussichtlich im März aufgebaut wird.

Das Ehepaar hat derzeit eine klare Arbeitsteilung. Während sich Paolo Widmer vor allem dem Umbau widmet, kümmert sich Susanne Lendenmann ums Administrative, das Marketing und Fundraising. Er ist gelernter Konstrukteur und Sozialarbeiter. Sie hat Erfahrung in der Gastronomie und über zehn Jahre die Ostschweizer Sektion der Schweizer Tafel geleitet. Ziel des gemeinsamen Projektes ist es, betreuenden Angehörigen unter die Arme zu greifen, wie Susanne Lendenmann sagt. Die Idee dazu hatte das Ehepaar aufgrund der Erfahrungen mit den eigenen Eltern, die im Alter auf Betreuung angewiesen waren.

Das Ziel: Betreuende Angehörige entlasten

«Ältere Menschen mit Betreuungsbedarf versuchen oft, einen Heimaufenthalt hinauszuzögern und so lange wie möglich alleine zurecht zu kommen», sagt Lendenmann. Dabei seien sie auf die Unterstützung durch Angehörige oder Nachbarn angewiesen. Die Betreuung sei oft intensiv – manchmal während 24 Stunden am Tag. Angehörige könnten an ihre Grenzen stossen. Da will der «Schönenwegen Treff» Entlastung bieten. Indem Betroffene tage- oder halbtageweise betreut werden, sollen Angehörige Zeit zur Erholung finden. Lendenmann und Widmer sprechen von einem «unkonventionellen Begegnungsort», der nicht an ein Heim angegliedert ist. Zehn bis zwölf Personen sollen täglich betreut und beschäftigt werden. Der Tagesansatz wird rund 150 Franken betragen.

Das dazugehörige öffentliche Restaurant dient nicht nur der Quersubventionierung der Tagesstruktur. Es soll soziale Kontakte ermöglichen, die Durchmischung fördern und Interessierten die Möglichkeit geben, unverbindlich vorbeizuschauen. Lendenmann und Widmer planen, das Angebot in Restaurant und Tagesstruktur schrittweise auszubauen.

«Wir wollen ein positives Ambiente schaffen, das nicht mehr an die heruntergekommene Baracke erinnert.»

Drei Jahre kann der Treff an diesem Standort bleiben

Beim Projekt handelt es sich vorerst um eine zeitlich befristete Zwischennutzung. Denn die Liegenschaft befindet sich auf einem Areal, das sich in den kommenden Jahren stark verändern dürfte. Die Stadt plant dort für rund 100 Millionen Franken ein Betriebszentrum für die städtischen Betriebe. Sowohl das neue Busdepot der Verkehrsbetriebe als auch die Werkhöfe der Stadtwerke sollen auf dem Areal Platz finden.

Damit das Grossprojekt umgesetzt werden kann, müssen mehrere Gebäude weichen, darunter die Baracke. Bis sie abgebrochen wird und das neue Busdepot gebaut werden kann, wird es aber noch dauern. Das Grossprojekt muss noch einige politische Hürden nehmen, darunter eine Volksabstimmung über den Baukredit. Mit einem Baubeginn ist nicht vor 2023 zu rechnen.

Der Verein Sozialtreff von Susanne Lendenmann und Paolo Widmer hat mit der Stadt einen Nutzungsvertrag für die Liegenschaft abgeschlossen. Bis Ende 2022 kann der «Schönenwegen Treff» an diesem Standort bleiben. «In dieser Zeit wollen wir erste Erfahrungen sammeln und das Projekt weiterentwickeln», sagt Susanne Lendenmann. Sie hofft, dass das Projekt auch danach eine Zukunft hat.

Hinweis: www.schoenenwegen-treff.ch