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Der Baby-Boom im Walter-Zoo ist kalkuliert

Wann und wie oft sich die Tiger im Walter-Zoo fortpflanzen dürfen, bestimmt das europäische Zuchtprogramm. Für die Zucht setzen die Zoos auf Partnervermittlung, Dating-Plattformen und Antibabypillen.
Noemi Heule
Kommen die Tigerjungen in die Pubertät, müssen sie den Walter-Zoo verlassen. Wohin, das wird in London entschieden. (Bild: Ralph Ribi)

Kommen die Tigerjungen in die Pubertät, müssen sie den Walter-Zoo verlassen. Wohin, das wird in London entschieden. (Bild: Ralph Ribi)

Vater Viktor ist Schotte, Mutter Julinka Tschechin. Ihre beiden Babys sind Gossauer und sie alle sind Sibirische Tiger. Vor drei Monaten brachte Mutter Julinka im Walter-Zoo zum ersten Mal Jungtiere zur Welt. Sie sind mittlerweile gewachsen, tapsen immer weiter hinaus aus der Tigerhöhle und wagen auch mal einen Schwumm im Tigerteich. Gossauer sind die beiden Jungtiger aber nur auf Zeit. Irgendwann, wenn sie in rund zwei Jahren das Teenager-Alter erreichen, wird es Zeit für grössere Schritte. Dann verlassen die beiden Weibchen ihr Zuhause im Walter-Zoo. Wohin, das wird in London entschieden. Dort, wo auch die schottisch-tschechische Liaison besiegelt wurde. Kupplerin war die Koordinatorin des Zuchtbuchs für Sibirische Tiger.

Auf dem Schreibtisch zusammengeführt

Denn die beiden Jungtiger sind kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von Kalkül und komplizierter Berechnungen. Es geht um Stammbäume, genetische Vielfalt und künstliche Selektion. Der gemeinsame Nachwuchs von Julinka und Viktor ist die bestmögliche Genkombination für die Erhaltung ihrer Art. Noch 500 Sibirische Tiger leben in freier Wildbahn, etwa halb so viele sind es in europäischen Zoos. Um Inzest zu vermeiden, müssen die Familienzweige immer wieder neu gemischt werden. Dafür wurde Anfang der 1990er-Jahre das Europäische Erhaltungszuchtprogramm gegründet, ein zooübergreifendes Projekt zur gezielten Zucht von Zootieren. Seit 1996 gehört der Walter-Zoo zur Vereinigung. Damit soll die genetische Vielfalt in europäischen Zoos ohne Wildfänge erhalten werden. «Ziel ist eine gesunde Population, die genetisch variabel ist», sagt Zoodirektorin Karin Federer. Und fügt an:

«Das Zuchtprogramm funktioniert wie eine
Online-Dating-Plattform für gefährdete Tiere.»

Die Daten jedes Tieres sind online aufgeschaltet. Ein Ranking zeigt seinen genetischen Wert für die Population. Dieser variiert ständig, sobald in einer Familie Nachwuchs hinzukommt, sinkt der Wert des Einzeltieres für die ganze Gruppe. Über das Zuchtbuch werden Paare vermittelt und bestimmt, ob und wann sie Nachwuchs zeugen dürfen. Denn die Plätze für Tiger in Zoos sind rar. Alle zwei bis drei Jahre bringt ein Tigerweibchen in freier Wildbahn zwei bis drei Jungtiere zur Welt, wie Karin Federer sagt. Davon überlebt nur ein Bruchteil. Im Zoo jedoch wo keine natürlichen Feinde lauern und dafür täglich Futter wartet, ist die Überlebenschance grösser. Damit die Population nicht zu schnell wächst, muss sie reguliert werden. Trotz geschütztem Umfeld haben die beiden Gossauer Tigerbabys ein Geschwister verloren. Es litt an einem Geburtsfehler und musste eingeschläfert werden.

Anti-Baby-Pille für Schimpansen

Wann Viktor und Julinka erneut Junge zeugen dürfen, ist unklar. Das wird von Jahr zu Jahr neu bestimmt. Zur vorübergehenden Verhütung gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder die Tiere werden voneinander getrennt. «Sie sind aber nun an Gesellschaft gewöhnt», sagt Karin Federer. Oder aber der Zoo greift zu einem hormonellen Verhütungsmittel. Bei Tigern ist dies ein Hormon-Implantat. Es kann nur unter Narkose eingesetzt werden und ist deshalb mit Risiken verbunden. Einfacher ist die Verhütung bei Menschenaffen, etwa bei Schimpansen. Ihnen wird die handelsübliche Antibabypille verabreicht, bis der Koordinator des Zuchtprogramms den Freibrief zur Fortpflanzung gibt. Hält sich ein Zoo nicht an die Vorgaben des Zuchtbuchs, drohen Sanktionen. So wird es für den Zoo schwierig, auf legalem Weg an neue Tiere zu kommen. Im Gegensatz zum Schwarzmarkt fliesst innerhalb des Netzwerks nämlich kein Geld für Tiere, das gehört zum Kodex.

Manche Tiere sind wählerisch bei der Partnerwahl

Nicht bei allen Tierarten ist die Zucht derart strikt reglementiert. 150 Arten umfasst das europäische Erhaltungszuchtprogramm momentan. 140 weitere Tierarten werden über eine Light-Version des Programms reglementiert und gezüchtet. Dort können sich die Zoos selber um Plätze für ihre Tiere bemühen. Als Beispiel nennt Karin Federer die Keas, eine neuseeländische Vogelart, die in freier Wildbahn zwar gefährdet, nicht aber vom Aussterben bedroht ist. Andere Tiere, etwa die afrikanische Zwergziege, werden gar nicht extern koordiniert. Jeder Zoo sieht sich selber nach Plätzen um. Gerade bei Huftieren ist es möglich, dass überzählige Tiere vor Ort verfüttert werden. «Das gehört dazu», sagt Karin Federer. Nur so können die Zoos ganze Tiere verfüttern, was für die Fleischfresser wichtig sei, damit sie keine Nährstoffmängel entwickelten. «Zudem wissen wir, woher das Tier stammt und wie es zuvor gehalten wurde», sagt sie.

Wieder andere Arten lassen sich schlicht nicht reglementieren, etwa der Hyazinth-Ara mit seinem typisch blauen Gefieder. Der Papagei ist derart wählerisch bei der Partnerwahl, dass er sich nicht so einfach verkuppeln lässt. In Wuppertal wurde deshalb eigens eine Dating-Volière eingeführt. Dort können sich die Tiere selber einen Gefährten suchen, gemeinsam werden die Pärchen dann einem Zoo zugeteilt.

Julinka und Viktor dagegen mochten sich auf Anhieb. Und zwar buchstäblich: Viktor begrüsste seine tschechische Schönheit derart stürmisch, dass sie sich mit einem Prankenhieb wehren musste. Seither harmoniert die arrangierte Ehe.

Auch bei den Schimpansen gab’s Nachwuchs: Eins von zwei Babys mit seiner Mutter. (Bild: Ralph Ribi)

Auch bei den Schimpansen gab’s Nachwuchs: Eins von zwei Babys mit seiner Mutter. (Bild: Ralph Ribi)

Sieben Schimpansen verlassen den Walter-Zoo

Brigitte ist ein Wildfang. Und doch ist die Schimpansin manchmal mehr Mensch denn Affe. Etwa, wenn sie ihrem Baby sanft auf den Rücken klopft, wie dies Mütter, nicht aber Muttertiere tun. Brigitte wurde einst in freier Wildbahn geboren, später von Menschen aufgezogen, und landete schliesslich, über Umwege, beim Walter-Zoo.
Die 35-Jährige ist der einzige Schimpanse in Gossau, der nicht im Zoo geboren wurde, sondern irgendwo in Zentralafrika. Wilderer entrissen sie als Jungtier ihrer Familie, und Privatpersonen zogen sie illegal als Kindsersatz auf, solange bis sie in die Pubertät kam, und vermutlich frech wurde, wie Zoodirektorin Karin Federer sagt. Brigitte kam nach Jerusalem in den Zoo und von dort aus nach Europa. Trotz ihres menschlichen Verhaltens habe sich Brigitte gut in die Schimpansen-Gruppe integriert, sagt sie. Dennoch gibt sie sich auch ganz gerne mit den Pflegern ab.

In Gossau ist Brigitte nur noch bis zum nächsten Jahr. «Es ist viel los derzeit bei den Schimpansen», sagt Karin Federer. Nicht nur der Wildfang verlässt den Walter Zoo, sondern gleich sechs weitere Tiere. Weil Brigitte eine zentralafrikanische Schimpansin ist, soll sie bald unter Artgenossen weilen. Und sich nur mit ihnen fortpflanzen. Im Walter Zoo verbleibt eine Gruppe westafrikanischer Schimpansen. Denn das europäische Zuchtprogramm will die einzelnen Unterarten so wenig wie möglich vermischen.

«Das ist wichtig für die Wiederauswilderung», sagt Karin Federer. Jährlich werden weltweit Zootiere aus 50 Arten in die Natur entlassen. «Teilweise erfolgreich», sagt sie. Bei manchen Tierarten sei der natürliche Lebensraum allerdings noch nicht bereit. Es sei deshalb wichtig, dass die Zoos nicht nur populäre Arten erhalten, sondern sich auch für deren Lebensraum einsetzen. Der Walter-Zoo engagiert sich etwa für Schimpansen-Projekt von Jane Goodall in Uganda.

Im Juni hat der Baby-Boom auch das Affenhaus erreicht; gleich zwei Schimpansen-Weibchen wurden geboren. Auch sie wurden erst mit Einverständnis des Zuchtprogramms gezeugt, auch ihre Zukunft wird auswärts vorbestimmt. Wie die beiden Tiger haben die Affenbabys noch keinen Namen. Und wie bei allen Jungtieren, die dieses Jahr im Walter-Zoo geboren werden, sollen diese mit Y beginnen.

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