Auswanderer aus zwei Generationen: Die Rorschacher Otmar und Roman Elsener im Gespräch über Amerika, Freiheit und Trump

40 Jahre nach seinem Vater Otmar emigrierte der Rorschacher Roman Elsener in die USA. Im St.Galler Palace sprachen sie über ihre Erfahrungen in den USA, die Veränderungen im vermeintlichen «Land der Freiheit» und über den politischen Graben zwischen Demokraten und Republikanern.

Elena Fasoli
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Roman (l.) und Otmar Elsener vor der US-Flagge.

Roman (l.) und Otmar Elsener vor der US-Flagge.

Bild: Tobias Garcia

Hat es sich in Amerika ausgeträumt? Geblendet vom American Dream zog es Otmar Elsener in den 1950er-Jahren wie viele andere in die USA. Was von der damaligen Euphorie übrig geblieben ist, diskutierte er am Dienstag gemeinsam mit Sohn Roman Elsener im Rahmen der Erfreulichen Universität im Palace. Die beiden sprachen über ihre Erfahrungen in den USA, die Veränderungen im vermeintlichen «Land der Freiheit» und über den politischen Graben zwischen Demokraten und Republikanern. Dazu zeigten sie Fotos aus dem Familienalbum, die zwei verschiedene Generationen der USA dokumentieren.

Otmar Elsener zog es 1955 in den Mittleren Westen, wo Verwandte seiner Mutter den damals 19-Jährigen beherbergten. «Bereits als Kind wollte ich in die weite Welt hinaus.» Aufs Geratewohl trat er die Reise an – ohne Geld und ohne einen Job. Der 86-Jährige sagt:

«Ich bewundere heute den Mut, den ich damals hatte.»

Im kleinen Dorf Highland fand er Arbeit bei einer Stickereifirma. Dies gelang ihm durch die Behauptung, aus derselben Industrie zu kommen, obwohl er noch nie zuvor eine Stickmaschine gesehen hatte. In der Schweiz hatte er lediglich als Kaufmann bei einer Textilfirma gearbeitet. Auf ähnlichem Wege mogelte er sich in eine Firma in New York, wo prompt sein Lohn gesenkt wurde, als dem Chef seine fehlenden Fähigkeiten auffielen.

Otmar Elsener (links) erzählt. Auf der Leinwand ein Foto aus dem Familienalbum. In der Mitte Roman Elsener, rechts Moderator Kaspar Surber.

Otmar Elsener (links) erzählt. Auf der Leinwand ein Foto aus dem Familienalbum. In der Mitte Roman Elsener, rechts Moderator Kaspar Surber.

Bild: Tobias Garcia

Von der Stickerei in die Armee

In der Grossstadt hoffte Otmar Elsener darauf, den amerikanischen Traum leben zu können. Stattdessen wurde er in die Armee eingezogen und in Italien stationiert. Obwohl er nach eigener Aussage erst als Soldat zu einem Amerikaner wurde, lernte er auch die Lebensqualität in Europa zu schätzen. «Als ich nach Amerika zurückkehrte, holte mich das Heimweh ein», sagt der Rorschacher.

Nach der Geburt seines ersten Sohnes bot ihm ein Verwandter ein Geschäft in der Schweiz an. So kehrte die Familie Elsener 1964 nach neun Jahren nach Rorschach zurück. Dort war Otmar Elsener als Stickereikaufmann, Gemeinderat und als Journalist tätig. Er ist überzeugt, dass er seinen beruflichen Aufstieg der Emigration in die USA zu verdanken habe. «Ohne diese Erfahrung wäre all dies nicht möglich gewesen.»

40 Jahre nach seinem Vater wanderte Roman Elsener ebenfalls nach New York aus. Er sei mit einem reisebegeisterten Vater aufgewachsen, der ihm und seinen Brüdern früh beigebracht habe, wie wichtig Sprachen – im Gegensatz zur Mathematik – seien.

«Ich bin definitiv von meinem Vater inspiriert worden.»

Es lockte ihn ein Job bei der deutschsprachigen New Yorker Staatszeitung. Als Musiker und Journalist erlebte Roman Elsener eine weltpolitisch spannende Zeit und berichtet bis heute als Korrespondent für die «NZZ am Sonntag» und die SDA.

Der amerikanische Traum: Otmar Elsener glaubt daran, dass Einwanderer in den USA auch heute noch mehr bewirken können als sonst wo.

Der amerikanische Traum: Otmar Elsener glaubt daran, dass Einwanderer in den USA auch heute noch mehr bewirken können als sonst wo.

Bild: Tobias Garcia

Auf zwei Kontinenten zu Hause

Roman Elsener spielt jedoch mit dem Gedanken, bald in die Schweiz zurückzukehren. Momentan lebt er sowohl in New York als auch in Rorschach. Die Situation habe sich in den letzten 25 Jahren stark verändert. «Als ich angekommen bin, glaubte ich an die UNO und den baldigen Weltfrieden», so Roman Elsener. Dass die UNO in Bedrängnis geraten und die USA einen Wiederanstieg des Nationalismus erleben würden, habe er nicht vorhergesehen.

Zudem habe er das Stadtleben langsam gesehen und sehne sich nach Wald, See und der Familie. Eine weitere Parallele im Leben der beiden Elseners: Nach der Reiselust folgte das Heimweh nach der Schweiz.

Die Nation der Immigranten

Otmar und Roman Elsener diskutierten im Palace neben der integrativen Wirkung des Sports auch über Rassismus und «Black Lives Matter». «Hier wirkt noch immer der Bürgerkrieg vor 150 Jahren nach.» Ausserdem kam der Mythos des amerikanischen Traums zur Sprache. Otmar Elsener glaubt fest daran, dass Einwanderer in den USA auch heute noch mehr bewirken können als sonst wo auf der Welt. Roman Elsener:

«Der Glaube, dass die Bevölkerung sich selber retten könne, ist unermüdlich.»

Erstaunlicherweise halte dies die USA bis heute zusammen.

Wie Kaspar Surber, der das Gespräch moderierte, feststellte, schafften es die Gesprächsteilnehmer über eine Stunde lang, den amtierenden Präsidenten der USA nicht zu erwähnen. Doch schliesslich fiel der Name Trump in den letzten Minuten doch noch. Denn die kommenden Präsidentschaftswahlen beschäftigen Vater und Sohn Elsener. «Ich stelle mich darauf ein, dass Trump wieder gewählt wird», sagt Roman Elsener. Falls es anders komme, freue er sich dann doppelt.

Die Elseners: Vater Otmar und Sohn Roman beim Bier vor dem Palace.

Die Elseners: Vater Otmar und Sohn Roman beim Bier vor dem Palace.

Bild: Tobias Garcia

So tief gespalten wie heute sei die Stimmung im Land noch nie gewesen. «Trump ist der erste Präsident, den ich erlebt habe, den man auch in New York spürt», so Roman Elsener. Die Grossstadt sei sonst stets ihr eigenes Universum geblieben. «Die USA unter Obama fühlten sich anders an.» Dennoch sind die Prophezeiungen der beiden durchaus positiv. Otmar Elsener betont die Stärke und Innovation der Nation. Roman Elsener sagt: «Die Meinungs- und Pressefreiheit in den USA sind immer noch grösser als überall sonst – vielleicht sogar grösser als in der Schweiz.»

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