Ausstellung zum Jugendstil
Zum Abschied lässt er es krachen: Der St.Galler Museumsdirektor Daniel Studer inszeniert mit «Klimt und Freunde» die teuerste Ausstellung seiner Karriere

Das Historische und Völkerkundemuseum in St.Gallen feiert nächste Woche sein 100-jähriges Jubiläum: Mit der Ausstellung «Klimt und Freunde» über den Wiener Ausnahmekünstler und Frauenhelden Gustav Klimt. Seine Bilder faszinieren seit über 100 Jahren. Zugleich schlägt die neue Ausstellung eine Brücke vom Wiener zum St.Galler Jugendstil.

Melissa Müller
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Daniel Studer an der Medienorientierung zu «Klimt und Freunde» zwischen Gemälden von Schiele und Kokoschka.

Daniel Studer an der Medienorientierung zu «Klimt und Freunde» zwischen Gemälden von Schiele und Kokoschka.

Bild: Tobias Garcia

Der Maler Gustav Klimt porträtierte nur Frauen, die ihn interessierten. Und die Frauen lagen ihm zu Füssen. In seinen Zeichnungen räkeln sie sich nackt und voller Lust, in den Gemälden umgibt er sie mit reichen, symbolhaft verschlüsselten Goldornamenten. «Er war ein Frauenverführer, ein Charmeur mit vielen unehelichen Kindern», sagt Museumsdirektor Daniel Studer.

«Und er traf einen Nerv. Seine Bilder sind süffig und eingängig. Sie sind nach hundert Jahren immer noch en vogue.»

Der Direktor des Historischen- und Völkerkundemuseums St.Gallen (HVM) rückt den «Superstar des Wiener Jugendstils» ins Zentrum der neuen Sonderausstellung «Klimt und Freunde», die am 26. März pandemiebedingt ohne Vernissage eröffnet.

Ehemaligen Kunstfälscher eingeladen, um Klimts «Kuss» nachzumalen

Allerdings: Klimt (1862–1918) war kein Picasso, der Tausende Bilder malte. Er hinterliess nur etwa 200 Werke. Seine weltberühmten Gemälde wie «Der Kuss» seien für ein Museum fast unmöglich zu bekommen, bedauert Studer. «Das sind die Filetstücke jeder Sammlung, die geben sie nicht her.» Der 65-Jährige lud deshalb den ehemaligen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi nach St.Gallen ein, um den «Kuss» nachzumalen.

Doch Beltracchi erklärte, er wolle nicht mehr fälschen, sondern ein eigenes künstlerisches Werk entwickeln. Er bot an, im HVM einen braunen Haufen an der Decke zu installieren, der an Exkremente erinnert und aus dem Gold tropft. Studer lehnte ab: «Wir wollen Klimt würdig inszenieren.» Er verstehe aber auch, dass Klimt unter Kitschverdacht steht. Denn die goldverzierten Bilder hätten etwas Süssliches und würden in Wien auf Kaffeetassen und Unterhosen gedruckt und schamlos vermarktet.

Von erotischen Zeichnungen in die sommerliche Blumenwiese

In der Ausstellung sind einige zarte erotische Bleistiftzeichnungen von Klimt zu sehen, der laut NZZ als menschenscheu, rechthaberisch, stur und sehr selbstbewusst galt. Der Höhepunkt der Schau kommt ohne nackte Frauen aus. In der Mitte eines abgedunkelten Saals hängt ein einziges quadratisches Gemälde: Klimts «Italienische Gartenlandschaft». Klaviermusik klimpert im Hintergrund, sodass man in der meditativen Blumenstimmung schwelgen kann.

Effektvoll inszeniert: Klimts «Italienische Gartenlandschaft».

Effektvoll inszeniert: Klimts «Italienische Gartenlandschaft».

Bild: Tobias Garcia

Versicherung der Kunst verschlingt 100'000 Franken

Für Direktor Daniel Studer ist die Klimt-Ausstellung der Höhepunkt seiner Karriere und ein letztes Feuerwerk vor seiner Pensionierung, die im Juni ansteht. Wie teuer die aufwendigste Ausstellung war, die das HVM jemals gesehen hat, will er nicht sagen, verrät aber, dass er für die Finanzierung 400'000 Franken gesammelt hat und dass allein die Versicherung der Kunstwerke 100'000 Franken verschlingt. Die präsentierten Gemälde von Weltstars wie Egon Schiele und Oskar Kokoschka sind so hochkarätig, dass jeder Raum streng bewacht wird.

Katalog ist verstorbenem Vizedirektor gewidmet

Das HVM gibt zudem einen reich bebilderten, über 400 Seiten starken Katalog zur Ausstellung heraus, an dem das ganze Kuratorinnenteam mitgearbeitet habe. Gewidmet ist er dem 2020 unerwartet verstorbenen HVM-Vizedirektor Achim Schäfer. «Er fehlt uns sehr», sagt Daniel Studer.

Der Katalog zeigt Parallelen der Kunstmetropole Wien um 1900 zu St.Gallen auf. In Wien war es die letzte Phase des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs, eine Blütezeit für Kunst und Architektur. In St.Gallen brachte die Stickereizeit Veränderungen im Stadtbild. «Einen Klimt haben wir aber nicht hervorgebracht», sagt Studer.

Begeisterung für alles Japanische

Die Ausstellung macht erfahrbar, wie die Künstler des Jugendstils neue Sichtweisen im fernen Osten suchten. Sie begeisterten sich für alles Japanische. «Man lechzte nach Neuem, Hauptsache anders», sagt Kuratorin Isabella Studer-Geisser.

«Das ist die Gelegenheit, Meisterwerke aus unserer schönen Japansammlung zu zeigen», ergänzt Japanologin Jeanne Fichtner-Egloff. Sie deutet auf Muster für Kimonostoffe, prächtige Vasen mit Schmetterlingen, Vogelbilder aus Perlmutt und Farbholzschnitte. Die Japaner wählten damals schon angeschnittene Bildmotive aus. Das war neu für die Europäer, die sich sagten: «Das ist modern, das wollen wir auch.»

Japanologin Jeanne Fichtner-Egloff mit weltberühmten japanischen Holzschnitten aus der hauseigenen Sammlung.

Japanologin Jeanne Fichtner-Egloff mit weltberühmten japanischen Holzschnitten aus der hauseigenen Sammlung.

Bild: Tobias Garcia

Die Wiener Secessionisten hätten nichts mehr wissen wollen von den schwülstigen Möbeln ihrer Vorfahren, sagt Isabella Studer-Geisser. «Die Secession in Wien heisst in St.Gallen Jugendstil und bedeutet: sich abgrenzen vom Akademischen.» Während Ferdinand Hodler in der Schweiz zunächst abgewiesen wurde, kam er in Wien zu seinen grössten Erfolgen.

In der Wiener Werkstätte entwarfen Künstler und Handwerker gemeinsam Möbel, Schmuck, Mode und Geschirr mit einer modernen, geometrisch reduzierten Formensprache. Das HVM zeigt einen Stuhl, Glasschalen und Vasen von Josef Hoffmann, der die Wiener Werkstätte 1903 mitbegründete.

Ein Stuhl aus der Wiener Werkstätte, dahinter ein Schrank.

Ein Stuhl aus der Wiener Werkstätte, dahinter ein Schrank.

Bild: Tobias Garcia

HVM-Vizedirektorin Monika Mähr hat die Stoffdrucke aus der Wiener Werkstätte aufgearbeitet und stellt auch ihre Schöpferinnen vor. Die Leihgaben stammen von der Zürcher Sammlerin und Haute-Couture-Designerin Rosmarie Amacher. In einem Raum sieht man, wie aufwendig die Stoffmuster hergestellt wurden.

Vizedirektorin Monika Mähr mit Stoffdrucken der Wiener Werkstätte.

Vizedirektorin Monika Mähr mit Stoffdrucken der Wiener Werkstätte.

Bild: Tobias Garcia

Fazit: Möbel, Mode, Geschirr, Japanisches, erotische Zeichnungen, Gemälde und Drucke – so viele Facetten des Jugendstils auf einmal bekommt man selten zu sehen. Jugendstilexperte Daniel Studer und sein Team liefern geballte Informationen und beschenken das St.Galler Publikum mit einer prachtvollen Jubiläumsschau.

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