Ausgeklügeltes Holzkistchen: Der Botanische Garten St.Gallen erhält einen Vortragssaal und ist ab Samstag wieder geöffnet

An diesem Wochenende kann der Botanische Garten an der Stephanshornstrasse nach dem Corona-Lockdown wieder eröffnen. Dies mit neuem Vortragsraum und Jahresausstellung, aber ohne Jubelfest. Dafür gibt's am Sonntag ein Programm mit Führungen.

Reto Voneschen
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Der Neubau mit dem Vortragssaal passt sich auch optisch gut in den Botanischen Garten St.Gallen ein.

Der Neubau mit dem Vortragssaal passt sich auch optisch gut in den Botanischen Garten St.Gallen ein.

Bild: Michel Canonica (5.6.2020)

Der Neubau passt nicht nur optisch perfekt in den Botanischen Garten. Er ergänzt auch dessen Angebot ideal: Im grosszügig verglasten Holzwürfel neben dem Tropenhaus ist ein heller, modern ausgestatteter Vortragssaal für die rund 250 Anlässe pro Jahr untergebracht.

Der hölzerne Neubau mit dem Vortragssaal...
14 Bilder
...passt sich optisch gut in den Botanischen Garten ein. Auf dem Flachdach soll im Laufe der Zeit eine Orchideenwiese entstehen.
Für den Neubau wurden drei nicht mehr gebrauchte, baufällige Anzuchthäuser der Stadtgärtnerei abgebrochen.
An 80 entlang dem Gebäude abgespannten Drahtseilen sollen...
...Kletterpflanzen in die Höhe wachsen und einen im Sommer schattenspendenden Vorhang bilden.
Das Innere des neuen Vortragssaals besticht durch seine lichtdurchflutete Luftigkeit.
Die Bautafel samt einer Liste der Donatorinnen und Donatoren im Foyer des Vortragssaals.
Der Botanische Garten von oben: Der Standort des neuen Vortragssaals ist rot umrandet. Im Luftbild gut zu erkennen ist links das Dreieck des Alpinariums, rechts die Orangerie mit Büroanbau und links neben dem Standort des Vortragssaals das Tropenhaus. Am linken Bildrand befindet sich die Brauer-, am oberen Bildrand die Stephanshornstrasse.
Bereits ab Samstag geöffnet sind die anderen Abteilungen des Botanischen Gartens, darunter die Spezialpflanzung über bedrohte einheimische Pflanzenarten.
Und natürlich ist ab Samstag auch das Freigelände des Botanischen Gartens im Stephanshorn mit seinen vielen, derzeit blühenden Pflanzen wieder öffentlich zugänglich.
Wer genau hinschaut,...
...ist immer wieder über den Formenreichtum der Pflanzenwelt im Botanischen Garten verblüfft.
Ab Sonntag ist auch die neue Jahresausstellung des Botanischen Gartens zugänglich. Sie zeigt, dass Pflanzen die Grundlage jeglichen Lebens auf der Erde sind.
Am Freitag wird in der Jahresausstellung in der Orangerie noch emsig gesägt, geklebt und aufgestellt. Die Ausstellung «Pflanzen - unsere Lebensgrundlage» ist bis 7. Oktober zu sehen.

Der hölzerne Neubau mit dem Vortragssaal...

Bild: Michel Canonica (5.6.2020)

Wer an den früher dafür genutzten, dunklen und muffigen Raum denkt, dürfte damit einig gehen, dass die Stadt, der Förderverein und andere Geldgeber die für den Neubau nötigen 845000 Franken sinnvoll investiert haben. So sinnvoll, dass man sich vielleicht fragen kann, wieso das nicht schon viel früher geschehen ist.

Am Sonntag gibt’s Führungen im Neubau

Jedenfalls kann der Botanische Garten am Wochenende seinen Neubau, dem drei baufällige Anzuchthäuser weichen mussten, eröffnen. Am Samstag ist der neue Vortragsraum erstmals öffentlich zugänglich. Und am Sonntag gibt’s Führungen, auf denen Architekt Tom Munz das Konzept des Neubaus mit seinen 80 Quadratmetern Nutzfläche erläutert.

Der neue, lichtdurchflutete Vortragssaal des Botanischen Gartens.

Der neue, lichtdurchflutete Vortragssaal des Botanischen Gartens.

Bild: Michel Canonica (5.6.2020)

Dabei hat er viel zu erzählen. Hinter dem, was nämlich im ersten Moment wie ein einfaches Holzkistchen aussieht, steckt ein bis ins letzte Detail ausgeklügeltes Konzept. Inspirieren liessen sich die Architekten von der Bauweise von traditionellen Orangerien, wie auch eine im Botanischen Garten steht.

Architekt Tom Munz hat das Konzept für den «Grünen Pavillon» im Botanischen Garten entwickelt.

Architekt Tom Munz hat das Konzept für den «Grünen Pavillon» im Botanischen Garten entwickelt.

Bild: Michel Canonica (5.6.2020)

Diese Gebäude bestanden traditionellerweise aus einem Gerüst aus Balken. Die Wandelemente waren beweglich und konnten flexibel geöffnet oder gar entfernt werden. Der Holzwürfel mit dem Vortragsraum ist nach dem gleichen System aufgebaut: Er besteht aus einem Holzgerüst mit grosszügigen Fensterflächen.

Auf dem Flachdach soll in den nächsten Jahren eine Orchideenwiese entstehen. Rund um den sogenannten «Grünen Pavillon» sollen an achtzig schräg abgespannten Drahtseilen Winden- und Rankenpflanzen in die Höhe wachsen. Dadurch soll ein im Sommer Schatten spendender Pflanzenvorhang entstehen. In Rabatten rund ums Gebäude wachsen Pflanzen von Trockenstandorten. Insgesamt kommen so 65 zusätzliche Arten in den Botanischen Garten St.Gallen.

Neustart

Am Sonntag gibt's fünf Führungen

(vre) Das ursprünglich auf Sonntag angesetzte Gartenfest zum 75-jährigen Bestehen des Botanischen Gartens St.Gallen findet nicht statt. Angeboten werden allerdings die im Rahmen des Festes vorgesehen Führungen:

Sonntag, 11.15 und 15.15 Uhr: Kurzführungen zum «Grünen Pavillon» (neuer Vortragsraum) mit Architekt Tom Munz.

Sonntag, 10.15, 13.15 und 15.15 Uhr: Führungen zur Ausstellung «Pflanzen – unsere Lebensgrundlage» mit Hanspeter Schumacher. 

Informationen zum Jahresprogramm des Gartens finden sich im Internet unter www.botanischergarten.stadt.sg.ch.

Einheimische Werkstoffe, Handwerker aus der Region

Hanspeter Schuhmacher leitet den Botanischen Garten seit bald 35 Jahren. Im nächsten Frühling geht er in Pension.

Hanspeter Schuhmacher leitet den Botanischen Garten seit bald 35 Jahren. Im nächsten Frühling geht er in Pension.

Bild: Michel Canonica (5.6.2020)

Wie durchdacht der Neubau ist, zeigt sich bei den Details, die am Freitag an einer Medienorientierung mit Stadträtin Maria Pappa, Architekt Tom Munz und Gartenleiter Hanspeter Schumacher präsentiert wurden. Für den Bau wurden soweit irgend möglich einheimische Werkstoffe und regionale Betriebe berücksichtigt.

Der Pavillon besteht aus Fichten- und Tannenholz, das gemäss einem alten norwegischen Rezept eingeseift wurde, damit es möglich lange nicht vergilbt. Der Boden besteht aus einer geschliffenen Betonplatte. Auf komplexe technische Spielereien wurde ganz bewusst verzichtet: So gibt es etwa keine mechanische Lüftung für das Gebäude. Diese erfolgt über zwei raumhohe Schlitze, die sich in Wandschränken verbergen.

Jubiläum

Seit 75 Jahren im Stephanshorn

Eigentlich hätte der Botanische Garten St.Gallen am Sonntag sein 75-Jähriges feiern wollen. Das Fest dazu kann nun aber trotz der Lockerung der Anti-Corona-Regeln des Bundes nicht wie geplant stattfinden. Die Risiko, dabei zu einem Ort zu werden, an dem Leute erkranken könnten, war den Verantwortlichen zu gross. Und die Regeln, die dabei hätten eingehalten werden müssen, hätten wohl auch keine wirkliche Feststimmung aufkommen lassen.

Anknüpfen ans Gartenerbe des Klosters

Die Wurzeln des heutigen Botanischen Gartens sind allerdings erheblich älter als 75 Jahre: Die Einrichtung knüpft gemäss Gartenleiter Hanspeter Schumacher an die reiche Gartentradition des Klosters St.Gallen an.

Gegründet wurde der erste Botanische Garten 1878 im Stadtpark hinter dem heutigen Kunstmuseum. Mit dem Bau des Historischen Museums wurde er 1920 zum Hadwig-Schulhaus, der heutigen Pädagogischen Hochschule (PHSG), verschoben. Dort fiel er 1938 dem Bau eines Pausenplatzes zum Opfer.

Gefeiert wird der dritte Anlauf

Die Geschichte des heutigen Botanischen Gartens im Osten der Stadt beginnt 1945. Dieser Neustart im Stephanshorn jährt sich jetzt zum 75. Mal. Gebaut wurde am neuen Botanischen Garten damals zehn Jahre lang; Einweihung war 1955.

Am Aufbau beteiligt waren unzählige Schulklassen, die Tausende von Fronarbeitsstunden leisteten. Heute wachsen im Garten rund 8000 Pflanzenarten aus aller Welt. Zum Programm gehören Ausstellungen und rund 250 Anlässe pro Jahr.

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