Aus dem Archiv
Historische Bilder aus der Stadt St.Gallen: So sahen Frauenbadi, Marktplatz und Broderbrunnen früher aus

Wir haben historische Aufnahmen der Stadt St.Gallen ausgegraben und die gleichen Orte neu fotografiert. Entstanden ist eine einmalige kleine Zeitreise durch die Geschichte.

Reto Voneschen und Martin Oswald, Bilder: Andri Vöhringer 2 Kommentare
Drucken
Teilen

Bierhof – von der Brauerei zum Fanlokal

Heute ist der Bierhof unter anderem das Fanlokal der Anhänger des FC St.Gallen. Vor 1900 stand in der Verzweigung Lämmlisbrunnen- und Rorschacher Strasse die Brauerei Bierhof.

Das Restaurant Bierhof dient heute als Lokal der Fans des FC St.Gallen. Sie tragen wieder Leben ins traditionsreiche Lokal. Bild: Andri Vöhringer (21.9.2021)

Marktplatz Bohl: Vom Theater zum McDonald`s

Das alte Stadttheater St.Gallen am Bohl. Die Ansichtskarte ist 1909 gelaufen. Von «gelaufen» spricht der Sammler, wenn die Postkarte ihrer Bestimmung übergeben und den Postweg «durchlaufen», also eine Nachricht von A nach B übermittelt hat.

Das alte Stadttheater St.Gallen am Bohl. Die Ansichtskarte ist 1909 gelaufen. Von «gelaufen» spricht der Sammler, wenn die Postkarte ihrer Bestimmung übergeben und den Postweg «durchlaufen», also eine Nachricht von A nach B übermittelt hat.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Heute steht am alten Standort des Stadttheaters der «Markt am Bohl». Darin hat am 7. November 1991 McDonald's seine erste St.Galler Filiale eröffnet. Kaum mehr vorstellbar: Dagegen wurde damals demonstriert.

Heute steht am alten Standort des Stadttheaters der «Markt am Bohl». Darin hat am 7. November 1991 McDonald's seine erste St.Galler Filiale eröffnet. Kaum mehr vorstellbar: Dagegen wurde damals demonstriert.

Bild: Andri Vöhringer (22. September 2021)

Der Bohl ist der östlichste Teil des St.Galler Marktplatzes. Hier, neben dem legendären Hotel Hecht, das heute Kinos, Restaurants und Büros beherbergt, stand einst das Stadttheater. Erbaut wurde es 1855–1857 von Johann Christoph Kunkler. 1968 zügelte das Theater in den Betonbau im Stadtpark. Das alte Theaterhaus wurde 1971 abgebrochen.

Aufgrund verschiedener Irrungen und Wirrungen liess der Ersatz dann auf sich warten. Nicht realisiert wurde eine erste Idee, hier ein grosses neues Kaufhaus hinzustellen, das nach hinten auch ins historische Frauenkloster St.Katharinen hineingegriffen hätte. Neben dem – ebenfalls lange leer stehenden – Hotel Hecht wurden auf einem Kiesplatz zuerst Autos parkiert, später eine Baugrube ausgehoben und gleich wieder stillgelegt.

Der Zustand, der viele St.Gallerinnen und St.Galler jahrelang nervte, führte zur Jahreswende 1988/89 zur Besetzung des alten Hotels Hecht durch die linksalternative Szene. Unter anderem wurden dabei fehlender günstiger Wohnraum, die Immobilienspekulation, aber auch die ungenügende Drogenpolitik in St.Gallen angeprangert.

Danach ging's vergleichsweise schnell: Schon Anfang November 1991 bezog der Hamburgerbrater McDonald's seine erste, bis heute bestehende Filiale im neu gebauten «Markt am Bohl». McDonald's war damit die erste Fast-Food-Kette, die in St.Gallen Fuss fassen konnte. Das war Burger King in den 1980er-Jahren im Restaurant Kränzlin am Schibenertor missglückt. Schwer vorstellbar ist heute, dass die McDonald's-Eröffnung in St.Gallen 1991 von einer linksalternativen Demonstration begleitet worden war.

Volksbad – das älteste Hallenbad der Schweiz

Das Volksbad kurz nach seiner Eröffnung im Herbst 1906.

Das Volksbad kurz nach seiner Eröffnung im Herbst 1906.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Aufnahme aus dem Innern des Volksbads.

Aufnahme aus dem Innern des Volksbads.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen

Das 1904/06 gebaute und am 18. Oktober 1906 eröffnete Volksbad St.Gallen ist das älteste noch existierende Hallenbad der Schweiz. Das älteste Hallenbad des Landes überhaupt steht in Winterthur, wird heute aber nicht mehr zum Schwimmen, sondern als Büroräume für die dortige Stadtverwaltung genutzt.

Die Wiese vor dem St.Galler Volksbad, die sogenannte Volksbadwiese, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stärker verändert als das Volksbad in seinen 115 Jahren. Sie wurde von der einfachen Spielwiese zum gut möblierten Sportplatz.

Das Volksbad heute.

Das Volksbad heute.

Bild: Andri Vöhringer (22. September 2021)

Der letzte Turm der St.Galler Stadtmauer

Der Runde Turm an der Moosbruggstrasse auf einer Ansichtskarte um 1910. Rechts davor das Haus "Zur Moosburg". Bild: Sammlung Reto Voneschen

Der «Runde Turm» ist Teil des alten Klosters St.Gallen und gehört heute zum Unesco-Weltkulturerbe Stiftsbezirk St.Gallen. Der Turm datiert von 1518 und gehörte damals zu den Verteidigungsanlagen rund um die Stadt. Er ist der einzige erhaltene von elf Türmen der mittelalterlichen Stadtmauer. Genau so, wie das benachbarte, 1569/70 gebaute Karlstor das einzige erhaltene Tor der St.Galler Stadtbefestigungen ist.

Dass er noch steht, verdankt der «Runde Turm» dem Umstand, dass er zwar zur Stadtbefestigung gehörte, aber auf dem Territorium des ehemaligen Klosterstaates stand. Der Stiftsbezirk gehörte zur Zeit des Abbruchs der Stadtmauern und der Tore im 19. Jahrhundert noch nicht zum Gebiet der Stadt und entzog sich so den Folgen des städtischen Fortschrittsdrucks.

Ab 1900 war der «Runde Turm» – ähnlich wie die Kathedrale – ein sehr beliebtes Sujet für Ansichtskarten. Vermutlich, weil sich daran die Geschichte der Stadt sichtbar machen liess. Heute befindet sich im «Runden Turm» der Staatskeller, ein Repräsentationsraum der St.Galler Regierung.

Über die Geschichte des Hauses «Zur Moosburg», das in den Bildern rechts neben dem Turm zu erkennen ist, ist relativ wenig bekannt. Es wurde vermutlich am Anfang des 19. Jahrhunderts umgebaut. Das Gebäude an der Moosbruggstrasse 14 hiess früher «Zur Farb» oder Farbhaus und gehört seit 1883 dem Kanton St.Gallen. In den 1930er-Jahren wohnte darin die Familie des Polizeikommandanten Paul Grüninger, der später aus dem Amt entfernt wurde, weil er von den Nazis verfolgte jüdische Flüchtlinge illegal aufgenommen hatte.

In den 1980er-Jahren stand das Haus Zur Moosburg im Zentrum eines langen politischen und juristischen Streits. Nach Anläufen für einen Abbruch, eine Sanierung oder einen Neubau des Hauses wurde es schliesslich renoviert. Bis heute sind darin Büros der Kantonspolizei St.Gallen untergebracht.

Wo einst die Volksküche stand

Die St.Galler Volksküche 1901 oder 1902 im alten Hinterhaus des Blauen Hauses (links im Bild). Anstelle des Hinterhauses steht heute das grosse Wohn-/Geschäftshaus Bankgasse 9.

Die St.Galler Volksküche 1901 oder 1902 im alten Hinterhaus des Blauen Hauses (links im Bild). Anstelle des Hinterhauses steht heute das grosse Wohn-/Geschäftshaus Bankgasse 9.

Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde SG
Die 1902 neu gebaute Volksküche mit alkoholfreier Kaffeehalle (links im Haus Bankgasse 9) auf einer Ansichtskarte von 1919.

Die 1902 neu gebaute Volksküche mit alkoholfreier Kaffeehalle (links im Haus Bankgasse 9) auf einer Ansichtskarte von 1919.

Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde SG
Heute befindet sich im Haus Bankgasse 9 (links) St.Gallen-Bodensee-Tourismus. Rechts davon ist das Blaue Haus, ein anderes historisches Bijou des Klosterviertels, zu erkennen.

Heute befindet sich im Haus Bankgasse 9 (links) St.Gallen-Bodensee-Tourismus. Rechts davon ist das Blaue Haus, ein anderes historisches Bijou des Klosterviertels, zu erkennen.

Bild: Andri Vöhringer (22. September 2021)

Die St.Galler Volksküche wurde am 13. Februar 1868 am Oberen Graben eröffnet. Gegründet worden war sie ein Jahr früher im Gefolge von Erfahrungen mit einer Cholera-Epidemie in Zürich: Gute Ernährung wurde als Prävention gegen die Krankheit angesehen. 1872 zog die Volksküche ins einfache Hintergebäude des Blauen Hauses an der Bankgasse 9 um. Dieses wurde ab April 1902 abgerissen und durch den heute hier stehenden Bau ersetzt; Wiedereröffnung wurde nach nur neun Monaten am 1. Dezember 1902 gefeiert.

Das neugotische Gebäude von Architekt August Hardegger wurde 1945 in ein Wohn-/Geschäftshaus umgebaut. Seither gehört es der Familie Siegle, die im Parterre einst ihr Möbelgeschäft betrieb. Später war dort der Snowboard- und Skateshop «Beach Mountain» untergebracht. In den oberen Stockwerken befinden sich Wohnungen. 1964 erfolgte eine Renovation, bei der die Fassade teilweise «purifiziert» wurde. Seit 1. April 2015 residiert im Erdgeschoss des zuvor grundlegend modernisierten und renovierten Gebäudes St.Gallen-Bodensee-Tourismus mit der Tourist-Information.

Schweizweit bekanntes Bijou: Die Frauenbadi

Die Frauenbadhütte im Chrüzweier auf Dreilinden auf einer Ansichtskarte von 1902.

Die Frauenbadhütte im Chrüzweier auf Dreilinden auf einer Ansichtskarte von 1902.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Die Frauenbadhütte 119 Jahre später. Sie gilt heute als eines der schönsten Naturbäder der Schweiz und wurde von der Stadt erst 2019/20 wieder einmal grundlegend saniert.

Die Frauenbadhütte 119 Jahre später. Sie gilt heute als eines der schönsten Naturbäder der Schweiz und wurde von der Stadt erst 2019/20 wieder einmal grundlegend saniert.

Bild: Andri Vöhringer (22. September 2021)

Die St.Galler Frauenbadi auf Dreilinden hoch über der Stadt belegt bei Rankings über die schönsten Freibäder der Schweiz regelmässig Spitzenplätze. Dies natürlich wegen des lauschigen Weihers, aber auch aufgrund der hier am Ostende des Chrüzweier stehenden Badhütte. Sie wurde 1896/97 gebaut und hat Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre auch den Versuch überstanden, sie abzubrechen.

Heute gilt die hölzerne Badhütte als bauliches Bijou erster Güte. Sie wurde von September 2019 bis Mai 2020 grundlegend saniert und danach im Herbst 2020 durch eine Wintersauna ergänzt. Sie hat das Zeug ähnlich wie die Badi im Sommer zu einem Publikumsmagneten im Winter zu werden.

Monumentalbrunnen markiert einen Meilenstein der Wasserversorgung

Der Broderbrunnen vor 1914. Auffällig ist die durchgestaltete Blumenrabatte rund um den Brunnen und das viele Grün am Oberen Graben im Hintergrund. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Der Broderbrunnen vor dem Multertor (auf dem ehemaligen Lindenplatz) markiert einen Meilenstein der St.Galler Trinkwasserversorgung. Er erinnert daran, dass am 1. Mai 1895 das städtische Seewasserwerk Rietli bei Goldach in Betrieb genommen wurde. Damit wurde ein Problem gelöst, das die Gallusstadt seit den frühen Tagen des Klosters immer wieder geplagt hatte: der Wassermangel.

Der Broderbrunnen selber wurde am 27. Oktober 1896 eingeweiht. Ermöglicht wurde die Errichtung des für die Zeit sehr typischen Monumentalbrunnens durch ein Legat von Kantonsrichter Hans Broder, daher auch der Name des Brunnens. Geschaffen wurde er vom Toggenburger Künstler August Boesch.

Um seine Arbeit ranken sich viele Anekdoten. Dazu zählt etwa die Geschichte, wie das Modell der Nackten auf der Spitze des Brunnens – ein «Frauenzimmer von zweifelhaftem Ruf» aus Zürich – im beschaulichen Städtchen St.Gallen einen Skandal auslöste. Oder wie der Künstler das Gesicht des damaligen St.Galler Stadtbaumeisters, den er gar nicht schätzte, als Frosch am Broderbrunnen verewigte.

Strassenszene mit Unterwerk des EW, mit Lagerhaus und Scheffelstein

Die Geltenwilenstrasse mit Blick zum Bernegghang um 1915. Zu erkennen ist rechts das Unterwerk der städtischen Elektrizitätsversorgung, links das alte Lagerhaus und hoch oben am Hang das Haus Scheffelstein. Bild: Sammlung Reto Voneschen

In der heutigen Form angelegt wurde die Geltenwilenstrasse zwischen St.-Leonhard- und Oberstrasse 1901 in Zusammenhang mit einer Erweiterung des Bahnhareals (Haupt- und Güterbahnhof) sowie dem Bau der St.-Leonhard-Brücke. Heute ist die Geltenwilenstrasse werktags ein Nadelöhr für motorisierte Pendlerinnen und Pendler zwischen der Stadtautobahn und den Appenzeller Hügeln bei Teufen.

Rechts im Bild sticht sofort das Unterwerk der städtischen Elektrizitätsversorgung heraus. Es wurde 1900/01 von Architekt Leonhard Kilchenmann für die Stadt St.Gallen gebaut und diente dazu, den Strom aus dem Kraftwerk im Kubel (zwischen Bruggen und Winkeln im Sittertobel) zu verwerten. Das Gebäude ist im Stil eines florentinischen Landhauses gehalten.

Links im Bild ist das Alte Lagerhaus mit seiner rötlichen Fassade zu erkennen. Es wurde 1902/03 als Sichtbacksteinbau erstellt. Heute ist darin ein vielfältiger Mix an gewerblichen und kulturellen Nutzungen untergebracht. Hinten am Hang steht der Scheffelstein – im historischen Bild allein auf der grünen Wiese, im heutigen Foto in die Siedlung integriert.

Der Scheffelstein, dessen Name an den Dichter Joseph Victor von Scheffel erinnert, den Autor des Romans «Ekkehard». Das imposante Gebäude wurde 1904 gebaut. Es beherbergte lange ein in der Stadt sehr beliebtes Restaurant. 1943 brannte weit herum sichtbar der Dachstock des Hauses aus. Beim Wiederaufbau 1946/47 wurde es dann stark verändert. Der Eindruck täuscht also nicht: Das Haus ist heute erheblich weniger auffällig als vor 100 Jahren.

Beinahe abgerissen: Das St.Galler Waaghaus

Das Waaghaus vom Brühltor her auf einer Ansichtskarte vor 1900 Rechts das Waaghaus, links daran angebaut das Restaurant Schmiedstube. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Das Waaghaus am Bohl gehört zu den bekanntesten Landmarken der St.Galler Altstadt. Es wurde 1584/85 als Waag-, Gred- und Lagerhaus gebaut. Darin wurden die Handelsgüter der St.Galler Kaufleute gewogen, verzollt und dann im Obergeschoss eingelagert. Seine Bestimmung als Lagerhaus mit amtlicher Waage verlor das Gebäude mit Eröffnung der Bahnlinie zwischen St.Gallen und Winterthur (1856) sowie dem Bau eines Zoll- und Niederlagshauses (1863–1865) beim Bahnhof.

Das beim Brühltor ans Waaghaus angebaute Restaurant Schmiedstube vor 1920.

Das beim Brühltor ans Waaghaus angebaute Restaurant Schmiedstube vor 1920.

Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde SG

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Waaghaus ein Polizeiposten eingerichtet. 1876 kam eine Postfiliale dazu (heute Post Brühltor). Darin wurde lange auch ein Kaufhaus betrieben. Seit dem frühen 19. Jahrhundert war auf der Ostseite des Waaghauses das Restaurant Schmiedstube mit seinem Kastaniengarten angebaut. Dieser Anbau wurde 1923/24 bei einer Renovation des Waaghauses abgebrochen.

In den 1950er-Jahren drohte dem Waaghaus in Zusammenhang mit dem zunehmenden Autoverkehr der Abbruch. Mit einem Mehr von 6448 zu 6147 Stimmen entschied das städtische Stimmvolk 1958 aber gegen diese Planung und für eine Renovation des historischen Gebäudes. Es wurde in der heutigen Form am 21. September 1963 mit einem grossen Stadtfest eingeweiht.

Das Waaghaus nach Abbruch des Restaurants Schmiedstube vom Brühltor her. Das Bild datiert von 1931.

Das Waaghaus nach Abbruch des Restaurants Schmiedstube vom Brühltor her. Das Bild datiert von 1931.

Bild: Sammlung Reto Voneschen

Heute wird das offene Erdgeschoss des Waaghauses teils für Festwirtschaften (Fasnacht, Olma), teils für Märkte (VCS-Veloflohmarkt, Weihnachtsmarkt) genutzt. Im Obergeschoss ist der Saal des Stadtparlaments sowie ein Ausstellungs- und Veranstaltungssaal untergebracht. An sich wäre das Waaghaus wieder sanierungsbedürftig. Vorarbeiten dafür wurden bereits ausgeführt; es gibt auch ein spruchreifes Bauprojekt. Der Stadtrat hat es 2013 aber mit Rücksicht auf die Stadtkasse zurückgestellt. 2017 wurden die dringendsten baulichen Massnahmen ausgeführt, um das Waaghaus fit für das nächste Jahrzehnt zu machen.

Vom Rathaus zum Vadian-Denkmal

Das alte Rathaus mit dem Irator (rechts) stand bis 1877 unten an der Marktgasse. Bild: Sammlung Reto Voneschen

In der unteren Marktgasse, dort, wo sich bis 1877 das Rathaus befand, steht seit 1904 ein monumentales Standbild von Joachim von Watt (1484–1551), genannt Vadian. Der St.Galler Reformator, Bürgermeister, Arzt und Geschichtsschreiber ist die einzige Persönlichkeit in St.Gallen, die mit einem überlebensgrossen Denkmal geehrt wird. Heute ist «der Vadian» der vermutlich beliebteste Treffpunkt in der Altstadt.

Bürgerspital

Das Bürgerheim wurde nach langer Vorbereitungsphase von 1902 bis 1904 an der Rorschacher Strasse 80 erstellt. Das Bild entstand um 1920.

Das Bürgerheim wurde nach langer Vorbereitungsphase von 1902 bis 1904 an der Rorschacher Strasse 80 erstellt. Das Bild entstand um 1920.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Heute gehört das ehemalige Bürgerheim mit Bürgerspital und Geriatrischer Klinik zum Kompetenzzentrum Gesundheit und Alter der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Heute gehört das ehemalige Bürgerheim mit Bürgerspital und Geriatrischer Klinik zum Kompetenzzentrum Gesundheit und Alter der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Bild: Andri Vöhringer
(22. September 2021)

Grosse Veränderung am Schibenentor

Einst übernachteten hier auswärtige Fuhrleute im Gasthaus zum Landhaus. Heute residiert hier die Migros-Bank.

Das Restaurant Landhaus an der Bahnhofstrasse 4 auf einer Ansichtskarte nach 1911. Am einst beliebten Treffpunkt auswärtiger Fuhrleute residiert heute die Migros-Bank.

Das Restaurant Landhaus an der Bahnhofstrasse 4 auf einer Ansichtskarte nach 1911. Am einst beliebten Treffpunkt auswärtiger Fuhrleute residiert heute die Migros-Bank.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Das Schibenertor mit den Häusern Bahnhofstrasse 2 (ehemals Restaurant Brückenwaage) und Bahnhofstrasse 4 (ehemals Restaurant Landhaus).

Das Schibenertor mit den Häusern Bahnhofstrasse 2 (ehemals Restaurant Brückenwaage) und Bahnhofstrasse 4 (ehemals Restaurant Landhaus).

Bild: Andri Vöhringer
(22. September 2021)

Notkersegg – auf den Spuren des Trogenerbähnli

Das Gebiet Notkersegg mit der Speicherstrasse, im Hintergrund dem Kloster und rechts dem "Herrenhaus" auf einer Ansichtskarte von 1908. Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde SG

Das herrschaftliche Wohnhaus an der Hardungstrasse 4 ist vom alten Standort aus nicht mehr zu sehen. Es entstand um 1850 und steht heute unter Schutz.

Unter Denkmalschutz: die Hardungstrasse 4.

Unter Denkmalschutz: die Hardungstrasse 4.

Bild: Reto Voneschen (6. September 2014)

Ständig im Wandel: Der Marktplatz

Blick auf den Marktplatz auf einer Ansichtskarte nach 1910. Im Bild die Schienen der Trogenerbahn und der St.Galler Trambahn mit einem Fahrzeug der Letzteren. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Marktplatz und Bohl sind der zentrale Freiraum der St.Galler Altstadt. Er soll in den nächsten Jahren grundlegend umgestaltet werden; die Planungsarbeiten dafür wurden vor einiger Zeit gestartet. Entstanden sind Marktplatz und Bohl nicht in einem grossen gestalterischen Akt, die Fläche ist vielmehr über die Jahrhunderte aus Restflächen zwischen Brühl- und Multertor sowie Marktgasse zusammengesetzt worden. Der Ursprung von Marktplatz und Bohl geht auf die Stadterweiterung im 15. Jahrhundert zurück: Vorher lagen diese Flächen unmittelbar vor der Stadtmauer.

Der St.Galler Marktplatz auf einem Plan von 1596. «H» bezeichnet die Metzg auf dem Rindermarkt, «F» das alte Rathaus.

Der St.Galler Marktplatz auf einem Plan von 1596. «H» bezeichnet die Metzg auf dem Rindermarkt, «F» das alte Rathaus.

Bild: Stadtarchiv St.Gallen

Nach dem grossen Stadtbrand von 1418 wurde der Mauerring am Oberen Graben übers Schibenertor zum Unteren Graben und rund um St.Mangen und Platztor zurück zum Brühltor gezogen. Die Freifläche, die heute Marktplatz und Bohl sind, lagen damit innerhalb der Stadtmauern. In der Folge wurden hier verschiedene öffentliche Gebäude errichtet. Eines der langlebigsten war die Metzg. Sie wurde 1475 an der Stelle erbaut, wo heute die Markplatzrondelle steht. Bis 1860 wurde darin geschlachtet, 1865 wurde das Gebäude abgerissen.

Der Marktplatz mit inzwischen aufgehobenen Parkplätzen.

Der Marktplatz mit inzwischen aufgehobenen Parkplätzen.

Bild: Urs Jaudas (3. Mai 2011)

Über mehrere Umgestaltungen erhielten Marktplatz und Bohl ihre heutige Gestalt. Anfang der 1950er-Jahre wurde die alte «Union» auf der Westseite des Marktplatzes abgebrochen und durch das neue Wohn- und Geschäftshaus Union ersetzt. Beim Ausgleichen eines Niveauunterschieds am Rand des Platzes entstand so das Taubenloch und darüber der Blumenmarkt. Hier soll jetzt die neue grosse Bibliothek von Kanton und Stadt St.Gallen entstehen.

Eine Tramlinie vor dem Haus Washington

Das 1891/92 gebaute Haus Washington an der Rosenbergstrasse 20/22 auf einer 1905 gelaufenen Ansichtskarte. Rechts der Bahnübergang zur Bahnhofstrasse. Bild: Sammlung Reto Voneschen

1812 wurde die alte «Zürcher Landstrasse» mit Trottoir vom Schibenertor bis zum Stahl an die Grenze der Gemeinde Straubenzell neu gebaut. 1885 wurde diese Strasse dann nicht mehr direkt vom Schibenertor über den vorderen Teil der heutigen Bahnhofstrasse, sondern neu vom Blumenbergplatz nach Westen geführt. 1897 bis 1915 war die Rosenbergstrasse Trambahnroute (im Bild sind zwei Trams zu erkennen), danach wurden die Gleise vom Schibenertor über die St.Leonhardstrasse zum Hauptbahnhof geführt.

Teufener Strasse – war das Haus schon immer rot?

Verzweigung Teufener- und Unterstrasse auf einer Ansichtskarte von 1905. Sie zeigt ein typisches Ensemble von Geschäftshäusern aus der Blütezeit der Stickerei. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Die Ansichtskarte, die 1905 gelaufen ist, zeigt Geschäftshäuser aus der Blütezeit der St.Galler Stickereiindustrie am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Haus Unterstrasse 4 (linker Bildrand) wurde 1898 von Architekt Wendelin Heene erstellt und 1905/06 bereits aufgestockt.

Das Haus Teufener Strasse 11 (Bildmitte) wurde 1890 als Stickerei-Geschäftshaus von Architekt Pietro Delugan für Reichenbach & Co. gebaut. Das Haus Teufener Strasse 15 rechts davon ist noch ein Bau von Wendelin Heene. Er entstand 1901 für den Consumverein St.Gallen.

Auf die Farbgebung der Fassaden kann in der historischen Lithokarte nicht abgestellt werden. Zu vermuten ist, dass die nicht wirklich existierende einheitliche Farbgebung bei der Kolorierung der Karte bewusst gewählt wurde, weil diese Einheitlichkeit vom Kartenkünstler oder vom Auftraggeber als nobler empfunden wurde.

Historische Häuserzeile an der Rorschacher Strasse

Der Anfang der Rorschacher Strasse auf einer 1911 nach Ravensburg gelaufenen Ansichtskarte. Rechts ein Wagen der St.Galler Trambahn (1897 bis 1957) auf dem Weg zum Bohl.

Der Anfang der Rorschacher Strasse auf einer 1911 nach Ravensburg gelaufenen Ansichtskarte. Rechts ein Wagen der St.Galler Trambahn (1897 bis 1957) auf dem Weg zum Bohl.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Äusserlich hat sich – neben der Fahrbahngestaltung – am Anfang der Rorschacher Strasse beim Brühltor nicht geändert.

Äusserlich hat sich – neben der Fahrbahngestaltung – am Anfang der Rorschacher Strasse beim Brühltor nicht geändert.

Bild: Andri Vöhringer
(22. September 2021)

Baubeginn für die Rorschacher Strasse vom Brühltor bis an die Gemeindegrenze von Mörschwil war 1774. Direkt vor der Stadt teilte die neue Strasse das Gebiet in den Oberen oder Kleinen Brühl (heute Kantipark – rechts in den Bildern) und den Unteren oder Grossen Brühl (heute Wiese vor der Tonhalle). Die Häuserzeile links der Strasse war die erste in diesem Gebiet; die heute hier stehenden Bauten Rorschacher Strasse 1 bis 25 wurden ursprünglich zwischen 1790 und 1800 gebaut.

Von der Tageszeitung zum Café

Das Haus Oberer Graben 8 auf einer Fotografie von 1904. Damals war darin die katholische Tageszeitung «Die Ostschweiz» untergebracht.

Das Haus Oberer Graben 8 auf einer Fotografie von 1904. Damals war darin die katholische Tageszeitung «Die Ostschweiz» untergebracht.

Bild: Stadtarchiv Ortsbürgergemeinde SG
Der Obere Graben 8 heute. Heute befinden sich im Haus das Café News und Büros.

Der Obere Graben 8 heute. Heute befinden sich im Haus das Café News und Büros.

Bild: Andri Vöhringer
(22. September 2021)

Das Haus Oberer Graben 8 sticht keinesfalls als bauliches Bijou ins Auge. Es ist ein solider Zweckbau, der zusammen mit der dahinter liegenden Häuserreihe Poststrasse 2 bis 10 zwischen 1840 und 1860 nach einem Plan von Johann Christoph Kunkler erbaut wurden. Am Oberen Graben 8 wurde aber während 144 Jahren St.Galler Mediengeschichte geschrieben. Die katholische Tageszeitung «Die Ostschweiz» kaufte das Haus 1903 und brachte darin ab 1904 ihre Redaktion unter. 1944 kam die Hintere Poststrasse 2 als Technik- und Verwaltungsgebäude dazu.

Per 31. Dezember 1997 stellte «Die Ostschweiz» ihr Erscheinen ein. Sie wurde vom ehemals freisinnigen «St.Galler Tagblatt», der ständigen Konkurrentin, übernommen. Bis 5. April 2018 war dann am Oberen Graben 8 die «Tagblatt»-Lokalredaktion für die Stadt St.Gallen untergebracht. Der Schriftzug, der bis heute am Haus prangt, deutet das an. Heute gibt's aber keine Medienleute mehr am Oberen Graben 8: Der «Tagblatt»-Lokalteil wird seit gut drei Jahren an der Fürstenlandstrasse 122 produziert.

Ein Bahnhof für die Textilweltstadt

Der neue St.Galler Bahnhof um die Zeit seiner Eröffnung auf einer Ansichtskarte von 1913. Die Gemälde des Zürchers Walter Naef sind nicht erhalten. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Der erste St.Galler Bahnhof wurde – zusammen mit der Bahnlinie in Richtung Winterthur – 1856 eröffnet. Der zweite – heute noch stehende – Bahnhof wurde 1911 bis 1913 erbaut; eröffnet wurde er am 23. Dezember 1913. Er war ganz bewusst repräsentativ gehalten. Der Neubau sollte eine Referenz an die Textilweltstadt St.Gallen, aber auch an die Eisenbahn als Symbol der modernen Zeit sein. Von 2016 bis 2018 haben SBB, Stadt und Kanton die Bahnhofsgebäude, Unterführungen und den Bahnhofplatz einer umfassenden Sanierung und Neugestaltung unterzogen.

Stadtpark: Brunnen vor dem Kunstmuseum

Der ursprüngliche gusseiserne Brunnen vor dem Kunstmuseum im Stadtpark auf einer Ansichtskarte von 1914. Bild: Sammlung Reto Voneschen

Mit der Eröffnung des klassizistischen Museumsbaus im Stadtpark (heute Kunstmuseum) wurde davor ein gusseiserner Brunnen aufgestellt. Dieser erfreute sich bei der Bevölkerung nicht wirklicher Beliebtheit, sodass ihm 1943, als er während des Zweiten Weltkriegs in der Altmetallsammlung landete, niemand wirklich nachtrauerte. In der Folge zierte ein Springbrunnen mit einfachem Wasserstrahl nach oben die Fläche vor dem Museum.

Der gusseiserne Brunnen vor dem heutigen Kunstmuseum um 1905.

Der gusseiserne Brunnen vor dem heutigen Kunstmuseum um 1905.

Bild: Sammlung Reto Voneschen

Heute steht dort der Gauklerbrunnen des einheimischen Künstlers Max Oertli (1921–2007). Im Gegensatz zum ersten Vorgänger erfreut er sich grosser Beliebtheit. Den Auftrag für den Brunnen erhielt Oertli in den 1950er-Jahren.

Verena Brülisauer stand als 16-Jährige für den Gauklerbrunnen im St.Galler Stadtpark Modell.

Verena Brülisauer stand als 16-Jährige für den Gauklerbrunnen im St.Galler Stadtpark Modell.

Bild: Sabrina Stübi (3. Januar 2018)

Für den Ausdruck der Brunnenfigur liess er sich von der damals 16-jährigen Verena Brülisauer inspirieren. Die junge Tänzerin, die ihm dann im Park Modell stand, hatte er in einem Ballettstudio entdeckt. Sie wurde später eine international bekannte Balletttänzerin und lebte lange in Paris.

Oberer Graben

Der grossstädtische Blick den Oberen Graben hinauf mit links dem ehemaligen Börsen- und Bankgebäude (Unionbank, Bankverein, zuletzt UBS) sowie rechts dem Broderbrunnen und dem Seidenhof. Vor 1910.

Der grossstädtische Blick den Oberen Graben hinauf mit links dem ehemaligen Börsen- und Bankgebäude (Unionbank, Bankverein, zuletzt UBS) sowie rechts dem Broderbrunnen und dem Seidenhof. Vor 1910.

Bild: Sammlung
Reto Voneschen
Die gleiche Ansicht den – für den Autoverkehr massiv ausgebauten – Oberen Graben hinaus im Herbst 2021.

Die gleiche Ansicht den – für den Autoverkehr massiv ausgebauten – Oberen Graben hinaus im Herbst 2021.

Bild: Andri Vöhringer
(22. September 2021)

Auf der 1910 gelaufenen Ansichtskarte mit Blick den Oberen Graben hinauf fällt vor allem die rechte Seite, das Gebäude hinter dem Broderbrunnen auf. Es handelt sich dabei um den «Seidenhof». Das Wohn-/Geschäftshaus von Architekt Karl August Hiller ersetzte 1884 eine kleinteilige, alte Randbebauung des ehemaligen Lindenplatzes vor dem Multertor.

1901 wurde der «Seidenhof» von Architekt Wendelin Heene für die St.Galler Handelsbank umgebaut. 1960 wurde der alte Komplex dann für einen Neubau abgebrochen, was nicht untypisch war für jene Jahre, in denen der Jugendstil in St.Gallen unter Baufachleuten nicht viel galt. Heute residiert im neuen Gebäude die Credit Suisse (CS). Sie hat das Gebäude aussen und innen erst kürzlich sanieren lassen.

2 Kommentare

Aktuelle Nachrichten