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Auf Streife mit der Dorfpolizei: Ein Notfall ist der Sonderfall

Er ist Bürolist, Ordnungshüter und erste Anlaufstelle. Bei Bagatellen und im Ernstfall.
Auf Patrouille mit einem der letzten Dorfpolizisten in Abtwil.
Noemi Heule
Der Dorfpolizist Urs Vollmeier

Der Dorfpolizist Urs Vollmeier

Wenn sich Urs Vollmeier morgens den Gürtel umschnallt – Pistole, Patronen, Pfefferspray, Handschellen, Handschuhe und Taschenlampe – dann weiss er nicht, was auf ihn zukommt. Schwarz auf weiss steht an diesem grauen Morgen nur ein Wort auf seinem Dienstplan: Pikett. Das kann alles oder nichts bedeutet. Dass es «reblet», oder dass das Funkgerät schweigt. «Man weiss nie, was der Tag bringt», sagt Vollmeier, einer von drei Dorfpolizisten in Abtwil. Pikett sollte an diesem Morgen tote Fische, ein räuberischer Fund und viele Patrouillenkilometer bedeuten.

Um 7.00 Uhr beginnt Vollmeier seinen Dienst. Auf seinem Schreibtisch glitzern golden zwei Patronen. Ersatz für jene, die er in seinem letzten Nachteinsatz verschossen hat. Vollmeier zückt, wie jeden Morgen, sein wichtigstes Arbeitsgerät: das Smartphone. Per App loggt er sich ins System ein, per App sieht er, wo seine Kollegen im Fürstenland patrouillieren, per App greift er auf die Fahndungsdatenbank zu.

Auf Patrouille Präsenz markieren


Heute hält das System keine dringenden Aufgaben bereit. Vollmeier setzt sich in den Streifenwagen. Er macht sich auf Patrouille durch sein Revier, seine «Pfarrei», wie er sagt. «Präsenz markieren», lautet der Auftrag. «Die Gemeinde soll wissen, dass wir noch da sind», sagt Vollmeier. Bald räumt die Kantonspolizei den Posten in Abtwil (siehe Zweittext). Präsent ist der Polizeiwagen allemal; Autos verlangsamen die Fahrt, Postautochauffeure heben die Hand zum Gruss, Schulkinder winken. Vollmeier kurvt durch Abtwil, vorbei am Säntispark nach St. Josefen und weiter in Richtung Tannenberg.

Kurz vor Engelburg, der Regen poltert auf die Windschutzscheibe, rauscht es durch das Funkgerät. Notfall in der Region Wil. Eine Frau hält sich ein Messer an die Kehle. Verstärkung wird angefordert. Weitere Streifenwagen rücken aus. Vollmeier, braune Augen, schwarze Brille, dichter Backenbart, bleibt ruhig. Der Vorfall betrifft ihn vorerst nicht. Zu weit ist er vom Einsatzort entfernt. «Sollte die Lage aber eskalieren, ist es gut, die Vorgeschichte zu kennen.»

Zurück auf dem Posten prüft Vollmeier die Meldungen vom Vortag, um auf dem Laufenden zu bleiben über seine «Pfarrei». Eine Notiz weckt sein Interesse. Im Mülibach sind rund 20 Fische und Krebse verendet. Vermutlich Sauerstoffmangel. Eine Chemikalie hat den Bach verschmutzt, nicht zum ersten Mal. Das Amt für Umwelt und Fischerei ist eingeschaltet und wertet Proben aus. Damit hat sich der Fall für die Polizisten fürs Erste erledigt.

Dass er sich dereinst nicht nur im Strafgesetzbuch, sondern auch in Umweltrecht oder Internetkriminalität auskennen muss, damit hat Vollmeier nicht gerechnet. 1997 rückte er nach einer Maurerlehre in die Polizeischule ein. Die Uniform war ihm nicht fremd, wie er sagt, sein Vater ein Stadtpolizist. Dennoch:

«Man kann sich nicht vorstellen, worauf man sich einlässt.»

Der grösste Teil der Arbeit findet hinter den Kulissen, auf dem Posten, am Schreibtisch, statt.

Ein Büro weiter rapportiert seine Kollegin soeben die toten Fische vom Mülibach. Auch in der Znüni-Pause ist der Fall Thema. Wie jeden Morgen trinken die drei Kollegen ihren Kafi gemeinsam, in Uniform, diesmal im Säntispark. Auch hier wird Präsenz markiert. Nach der Pause steuern die Beamten eine Baustelle oberhalb des Dorfes an. Ein Mitarbeiter des Bauamtes hat, versteckt in einer alten Socke, Schmuck im Bachbett entdeckt. Wertloses Deliktsgut vermutlich. «Wasser schwemmt DNA-Spuren weg», sagt Vollmeier. «Das wissen auch die Einbrecher.» Er nimmt die den Fund mit auf den Posten.

Der Routinier bleibt ruhig

Später erneut auf Patrouille, Abtwil - Engelburg - Bernhardzell-Waldkirch, erreicht ihn über Funk die Erledigungsmeldung aus Wil. Die Frau wurde unverletzt dem Amtsarzt übergeben. Urs Vollmeier nimmt’s zur Kenntnis, genauso gelassen wie zuvor. Schliesslich ist er Routinier. Nicht nervös, aber angespannt sei er auch nach 18 Jahren im Dienst, davon neun in Gossau, acht in Abtwil. «Die Alarmglocken müssen immer funktionieren», sagt er.

Erst um 13.00 Uhr kann er sie auf Standby schalten, die Alarmglocken. Dann endet sein Pikett-Dienst. Dann beginnt die Büroarbeit. Pistole, Patronen, Pfefferspray, all das kann er ablegen. Ungenutzt. Dass die Dienstwaffe zum Einsatz kommt, ist ohnehin selten. Beim letzten Nachteinsatz drückte er zweimal ab. Ein Dachs lag verletzt am Strassenrand. Vollmeier gab den Gnadenschuss, zur Sicherheit ­einen zweiten. Mit dem Gewicht des Polizeigurtes fällt um 13.00 Uhr die Anspannung von ihm ab. Diesmal hiess Pikett schlicht ein ruhiger, regnerischer ­Morgen.

Der Polizeiposten Abtwil liegt heute 200 Meter vom Gemeindehaus entfernt. Doch nicht mehr lange: Im Dezember zügelt der Posten an der Hauptstrasse 13 mitsamt Personal nach Gossau. Diesen Entscheid hat das Sicherheits- und Justizdepartement Ende Mai endgültig gefällt.

Einmal täglich schauen die Dorfpolizisten heute im Gemeindehaus vorbei, wie Urs Vollmeier, einer von drei Beamten vor Ort sagt. «Der Austausch zwischen den Behörden ist kollegial», sagt er. Die Distanz zur Gemeinde sieht er denn auch als grossen Nachteil des geplanten Umzugs. «Die Wege werden länger», sagt er. Auch befürchtet er, dass der persönliche Kontakt zur Bevölkerung wegfalle. Ein verlorenes Portemonnaie, ein entlaufenes Haustier, das sind die häufigsten Sorgen der Dorfbewohner. Und sie werden sogleich auf dem Posten um die Ecke erledigt. Dennoch sieht Vollmeier auch Vorteile. Etwa, dass Gossau über ein Sekretariat verfügt, dass zu Bürozeiten, genau für diese kleinen Anliegen, immer besetzt ist.

Nur Vorteile hebt die Kantonspolizei in ihrer Mitteilung hervor. Stationen mit lediglich drei Mitarbeitern seien keine verlässlichen Anlaufstellen für die Bevölkerung, heisst es. «Kantonspolizei der Zukunft» nennt sich das Projekt, das statt Stationen vor Ort mehr mobile Einsatztrupps vorsieht. Die Patrouillenkilometer der Abtwiler Polizisten dürften deshalb künftig weiter steigen. Sie betreuen die Gemeinde weiterhin, allerdings von Gossau aus. Bereits heute sind sie der Gossauer Führung unterstellt.
Weniger erfreut zeigte sich der Gemeinderat und gab sich noch im März kämpferisch. Die Schliessung konnte er jedoch nicht mehr abwenden. Auch jetzt, nachdem der Entscheid definitiv ist, zeigt sich der Rat «enttäuscht», wie er in einer Stellungnahme schreibt. Immerhin konnte die Schliessung vom Sommer auf Winter verschoben werden, heisst es weiter. Die Gemeinde werde die Entwicklung ab Dezember genau beobachten. (nh)

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