Sklavenhandel und Reichtum: Stadtrat will die dunkle Geschichte St.Gallens aufarbeiten

Gibt es bald einen neuen Rundgang über Sklavenhandel und andere dunkle Kapitel der Geschichte in St.Gallen? Der Stadtrat hat ein entsprechendes Postulat erheblich erklärt.

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Das Haus zum Mohrenkopf an der Spisergasse.

Das Haus zum Mohrenkopf an der Spisergasse.

Bild: Ralph Ribi (29.Juni 2020)

Sechs Stadtparlamentarier fordern einen neuen Rundgang, der über Rassismus in der Stadt St.Gallen aufklärt. Die Idee: Anstatt Denkmäler von Personen mit rassistischem Hintergrund zu stürzen, sollte man aus der Geschichte lernen. Das «Haus zum Mohrenkopf» an der Spisergasse ist so ein Beispiel.

Der Stadtrat beantragt nun, das Postulat für erheblich zu erklären. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Bewegung «Black Lives Matter» würden sich Fragen rund um Identitäten, Religionen, Kulturen und Herkünfte verstärken, schreibt der Stadtrat. Die Postulantinnen und Postulanten Gallus Hufenus, Doris Königer (beide SP), Nadine Niederhauser, Philipp Schönbächler (beide GLP), Jeyakumar Thurairajah und Clemens Müller (beide Grüne) sind der Meinung, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe St. Gallens verstärkt werden soll. Sie wünschen sich einen «Weg der Vielfalt».

Der Stadtrat teilt diese Meinung: Die Vermittlung dieser Inhalte soll verstärkt werden. Dies, um auch zukünftige Generationen für die Bedeutung von St.Galler Denkmälern und geschichtlichen Zeugen wie Häuserfassaden zu sensibilisieren.

Die Prunk in der Kirche und die exotischen «Wilden»

«Wir müssen wissen, woher die Pracht in Kirchen und weltlichen Repräsentationsbauten stammt», schrieben die Stadtparlamentarier in ihrem Postulat. So würden etwa die «Kontinentalköpfe» an der Fassade der Ecke Neugasse/Multergasse aufzeigen, wie mit Kulturen ausserhalb Europas umgegangen wurde. Vier stereotype Köpfe repräsentieren Asien, Afrika, Amerika und Australien. Dargestellt werden wilde exotische Menschen.

Die Stadtparlamentarier fordern, dass betroffene Gruppen und Geschichtskundige zusammensitzen und die Geschichte aufarbeiten. Daraus würde dann der besagte «Weg der Vielfalt» entstehen. So könnten etwa QR-Codes an Fassaden angebracht werden, die zu mehrsprachigen Hörspielen führen. Die Postulanten bitten den Stadtrat, für den Bericht zu einem möglichen «Weg der Vielfalt» auch betroffene Gruppen, historische Institutionen und St.Gallen-Bodensee-Tourismus einzubeziehen.

Dazu nimmt der Stadtrat etwas zaghaft Stellung: Es sei richtig, das bestehende Angebot wie Stadtführungen zu analysieren und «eventuell zu optimieren». Weiter seien neue Wege in der Informationsvermittlung zu prüfen. Ziel sei es, den Inhalt einfach zugänglich und verständlich anbieten zu können, um so Kindern und Erwachsenen den Zugang zu gewährleisten. Die kulturhistorische Vielfalt solle sichtbar gemacht und entsprechend vermittelt werden. (mem)

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Marcel Elsener