Auf das neue Schuljahr hin sind alle St.Galler Talentschüler unter einem Dach vereint

Der dritte Standort in acht Jahren: Die Talentschule Gestaltung ist ins Oberstufenschulhaus Bürgli umgezogen. Ein Augenschein.

Christina Weder
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«Wie lange schaffst du das?», will Karin Bucher, Lehrerin für Kunst und Gestaltung, wissen. In der Mitte des Schulzimmers steht der 15-jährige Jona, den Blick auf den Boden gerichtet. Einen Arm hat er auf den Rücken gelegt, den anderen in die Höhe gestreckt. Um ihn herum sind zehn Staffeleien aufgebaut. Zehn Minuten muss er in dieser Pose verharren. Jona steht für seine Mitschülerinnen und -schüler Modell, welche die städtische Talentschule Gestaltung besuchen. In diesem Semester befasst sich die Klasse mit der menschlichen Figur. «Nicht bewegen», ruft eine Schülerin.

Dann ist es still im Klassenzimmer. Nur das Kratzen der Kohlestifte ist zu hören. Strich für Strich entsteht auf dem Papier eine Figur. Währenddessen wird Jonas Arm schwerer und schwerer: «Wie lange noch?», fragt er. «Es ist erst Halbzeit», sagt Karin Bucher und richtet sich an die Zeichnenden: «Habt ihr den Arm schon fertig?» Sie schütteln den Kopf. Jona muss noch durchhalten.

Umzug mit Staffeleien, Kameras, Farbtöpfen und viel Papier

Erst zehn Tage ist es her, dass die Talentschüler ins Oberstufenschulhaus Bürgli gezogen sind. «Wir sind noch ganz frisch hier», sagt Bereichsleiterin Karin Bucher. Die Talentschule Gestaltung wurde vor acht Jahren neu geschaffen. Seither musste sie bereits zweimal umziehen. 2016 zog sie vom Engelwies- ins Bruggenschulhaus. Nun folgte der Wechsel ins Bürgli, wo bereits die Talentschulen Sport und Musik untergebracht sind. Damit sind alle drei Förderbereiche erstmals unter einem Dach vereint. Die Idee sei, künftig vermehrt Synergien zu nutzen.

Für die Schülerinnen und Schüler scheint der Umzug ins Schulhaus Bürgli keine grosse Sache zu sein. Pablo etwa findet den neuen Standort gut, weil er nun einen kürzeren Schulweg hat. Eine andere Schülerin sieht das genauso. Die zentrale Lage ist auch für Schulleiterin Karin Bucher ein Vorteil. Schön sei zudem die Nähe zu den Museen. Doch der Umzug war mit viel Aufwand verbunden: Fotoausrüstung, Bibliothek, Maschinen für Hoch- und Tiefdruck, Staffeleien, Farbtöpfe, Papier – das ganze Material musste verpackt und gezügelt werden. «Nun sind wir daran, uns neu einzurichten.» Die Räume und ihre Atmosphäre spielen für Karin Bucher eine zentrale Rolle, damit sich Kreativität entfalten kann. Sie will Schülerarbeiten aufhängen und Modelle aufstellen. Druckmaschinen, Farbtöpfe, Pinsel und Papier sollen so positioniert sein, dass die Talentschüler Lust bekommen, gleich mit der Arbeit loszulegen. «Es soll inspirierend sein.»

Dann sind zehn Minuten um. Jona darf sich endlich wieder bewegen und den Arm entspannen. «Das war wirklich eine anstrengende Pose», sagt Karin Bucher. Auch sie hat mitgezeichnet. Nun geht sie von Staffelei zu Staffelei, bespricht die Arbeiten, gibt Tipps und fragt, wer das richtige Verhältnis von Kopf und Körper berücksichtigt habe. Auf einem Blatt ist der Kopf so gross geraten, dass die Figur «wie ein Kindergärtler aussieht». «Es geht ums Üben – ohne dass jeder Versuch gelingen muss», sagt Karin Bucher. Auch Jona ist gespannt, wie ihn die Kollegen aufs Papier gebracht haben. «Ist ganz ok», findet er. «Wenn man weiss, dass ich es bin, erkennt man mich.»

Die 14-jährige Natalie ist zufrieden. Mit jedem Versuch läuft es besser. Figürliches Zeichnen sei ihr Lieblingsthema, sagt sie. In ihrer Freizeit zeichnet sie Mangafiguren, macht Körperstudien, skizziert Hände, Füsse und Köpfe. An der Talentschule könne sie sich gestalterisch ausleben, sagt sie. Und Materialien ausprobieren, die zu Hause nicht einfach herumstehen.

Zehn Talentschüler pro Jahrgang im Bereich Gestaltung

Insgesamt 30 Talentschülerinnen und -schüler gibt es im Bereich Gestaltung im Bürgli. Rund zehn Schüler sind es pro Jahrgang. Sie werden einen Tag pro Woche in Kunst und Gestaltung unterrichtet. Die übrigen Wochentage besuchen sie eine normale Oberstufe. Die dort verpassten Lektionen müssen sie im Selbststudium oder im betreuten Lernen nachholen. Gemäss Karin Bucher sind die Erfahrungen sehr positiv. Das Schöne sei, dass sich die Schüler auch in anderen Fächern verbesserten, wenn sie in jenem Bereich gefördert würden, in dem sie begabt sind. «Sie erhalten eine Bestätigung und werden dadurch gestärkt.» In der Talentschule erhalten sie die Möglichkeit, in verschiedene gestalterische Bereiche hineinzuschnuppern. Ziel sei auch, dass sie an eigenen Projekten arbeiten.

So wird denn auch einiges von ihnen erwartet – zum Beispiel, dass sie in ihrer Freizeit zeichnen, malen oder gestalten. Kinder, die an die Talentschule wollen, müssen sich im Alter von elf oder zwölf Jahren einem Aufnahmeverfahren stellen. Meist bewerben sich zwischen 20 und 30 Schülerinnen und Schüler. Rund ein Drittel wird aufgenommen. «Die Schüler entscheiden sich, in diesem Bereich Zeit zu investieren, weil sie es gern machen. Und weil sie Gleichgesinnte treffen», sagt Karin Bucher. Die meisten besuchen später den Vorkurs an der Schule für Gestaltung.

Im Schulzimmer steht nun die 14-jährige Vivien Modell. Sie überlegt mit Karin Bucher, welche Pose sie einnehmen könnte, stützt den Arm in die Hüfte und steht still. Es ist eine neue Erfahrung. Und ein seltsames Gefühl, sagt sie: «Alle starren mich an, das bin ich nicht gewohnt.» Sie wartet gespannt aufs Resultat: «Es ist doch interessant, wie mich die anderen sehen.»

Die meisten haben ihre Stärke im Sport

Neben den 30 Schülerinnen und Schülern im Bereich Gestaltung, besuchen derzeit 73 weitere Jugendliche die Talentschule. 58 davon in der Sparte Sport, 15 in der Sparte Musik. Die 103 Schülerinnen und Schüler besuchen den Unterricht verteilt auf insgesamt 13 Oberstufenklassen. Die meisten der musikalisch begabten Schülerinnen und Schülern spielen Klavier, gefolgt von Querflöte. Bei den Sportarten dominieren gemäss Auskunft der Dienststelle Schule und Musik Handball und Fussball.
Die Schülerzahlen sind in den letzten zwei Jahren gestiegen, nachdem sie einige Jahre stagniert hatten. In den Schuljahren 2014/15 bis 2017/18 besuchten je 70 Jugendliche die Talentschule. 2018/19 waren es 86.

Um die Talentschule besuchen zu dürfen, müssen Interessenten eine Eignungsprüfung bestehen. Musikalisch begabte Schüler müssen Stücke vorspielen sowie ihre Kreativität und ihren musikalischen Ausdruck unter Beweis stellen. Ausserdem wird von den Anwärtern erwartet, dass sie fähig sind, gehörte Musik zu reflektieren und in Bewegung umzusetzen. Einmal aufgenommen, erhalten musikalisch begabte Schüler pro Woche drei Zeitfenster für Förderlektionen oder individuelles Üben. Anders bei den jungen Sportlerinnen und Sportlern: Sie trainieren im Verein und erhalten an vier Tagen die Woche Zeit für zusätzliches Training unter Leitung einer Fachperson oder des Vereins.

Für die Aufnahme von sportlich begabten Schülern gilt: Die zuständigen Sportvereine und -verbände definieren, wer genügend talentiert ist. Voraussetzungen für die Aufnahme sind ausserdem ein Trainingsaufwand von mindestens zehn Stunden pro Schulwoche, ein Aufnahmegespräch, ein bestandener medizinischer Test und die sogenannte Talent Card von Swiss Olympic. Dabei handelt es sich um einen Ausweis, der Athleten als lokales, regionales oder nationales Talent ausweist.

Die Talentschule gibt es seit 2006. Bis Ende des Schuljahres 2008/09 wurden ausschliesslich Schüler mit sportlichen Ambitionen aufgenommen. Ab dem Schuljahr 2009 besuchten musikalisch begabte Schüler die Talentschule, im Schuljahr 2011/12 startete die Sparte Gestaltung – und ab diesem Sommer findet die Talentförderung ausschliesslich im Schulhaus Bürgli statt. Damit sollen auch Synergien genutzt werden.

Die örtliche Zusammenführung werde automatisch zu einem erhöhten Austausch führen, schreibt Claudia Herold von der Dienststelle Schule und Musik. So wären etwa Kooperationen im Sinne von musikalisch umrahmten Ausstellungen möglich, die Produktion von Flyern und Plakaten für Konzerte oder eine Auseinandersetzung mit Bild, Ton und Bewegung. (mha)

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