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Appenzeller sollen über Suizid reden

Jahrelang wiesen die beiden Appenzeller Kantone landesweit die höchsten Suizidraten auf. Noch immer liegen die Zahlen über dem Schweizer Schnitt. Verschiedene Massnahmen sollen Abhilfe schaffen. Der Erfolg stellt sich langsam ein.
Noemi Heule
"Suizide sind oft Kurzschlusshandlungen", sagen Experten. Brücken mit Netzen zu sichern, gilt deshalb als wirksame Präventionsmassnahme.

"Suizide sind oft Kurzschlusshandlungen", sagen Experten. Brücken mit Netzen zu sichern, gilt deshalb als wirksame Präventionsmassnahme.

Hier ein Hof, dort ein Holzschopf, hie und da ein Appenzellerhäuschen, ausgerichtet nach Süden, um mehr Sonnenlicht in die dunklen Stuben zu lassen. Haus und Hof stehen für sich allein, der nächste Nachbar ist oft einige hundert Meter entfernt. Die Streusiedlungen, eine Appenzeller Eigenheit, sind für Touristen pittoresk, für Einheimische bedeuten sie aber auch Einsamkeit und Abgeschiedenheit.

Sogar heute noch, wo auch die abgelegenen Höfe per Auto problemlos erreichbar sind, wird die Siedlungsstruktur als Erklärung für die hohen Suizidraten in den beiden Appenzeller Halbkantonen herangezogen. Innerrhoden, der zweitkleinste Kanton der Schweiz, hat die höchste Suizidrate.

Suizidrate bleibt in Appenzell über dem Schweizer Schnitt

Jahrelang wiesen die Appenzeller Kantone die höchsten Suizidraten im Land auf. Erst seit 2014 teilen sich Ausser- und Innerrhoden diesen traurigen Spitzenrang nicht mehr untereinander auf. Wie überall in der Schweiz ging die Zahl der Suizide auch im Appenzellerland zurück. Sie bleibt aber über dem Durchschnitt.

Statistisch gesehen scheiden in Innerrhoden 21,2 von 100000 Einwohner willentlich aus dem Leben – das sind effektiv zwei bis drei Fälle pro Jahr. Bei diesen kleinen Fallzahlen reicht allerdings ein Einzelfall aus, um die Suizidrate in die Höhe schnellen zu lassen.

Mehr Menschen sterben durch Suizid als durch Unfälle

Landesweit sind es gleich viele pro Tag. Noch immer sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle und Verbrechen. Dennoch ging die Zahl seit ihrem Höhepunkt in den 1980er-Jahren stetig zurück. Als Grund nennt Vladeta Ajdacic, Suizidforscher an der Universität Zürich, die «Psychologisierung der Gesellschaft». Mentale Leiden gelten nicht mehr als Stigma, sondern sind als Krankheiten anerkannt.

Ostschweizer Kantone schliessen sich zusammen

Auch in Innerrhoden: Landamann Roland Inauen erinnert sich, wie früher allein der Ausdruck, jemand sei «in Herisau», genügte, um ihn gesellschaftlich zu ächten. Dass sich dort die Psychiatrie befand, verstand sich von selbst.

Dazu haben auch Präventionskampagnen beigetragen: Der Bund lancierte vor drei Jahren einen Aktionsplan mit 19 Schlüsselmassnahmen. Damit soll die Zahl der Suizide bis 2030 um einen Viertel gesenkt werden – das sind jährlich 300 Leben. Für die Umsetzung verantwortlich sind die Kantone, welche die Sache mit unterschiedlichem Elan und unterschiedlichem Budget angehen.
Innerrhoden präsentierte am Dienstag die Kampagne «Chomm, vezöll doch!», die Jugendliche und ihr Umfeld ansprechen soll.

Innerrhoden setzt bei Jugendlichen an

«Wie geht’s dir?», fragt eine bundesweite Präventionskampagne gegen Suizid, die unter anderen von 14 Kantonen getragen wird, «Reden kann retten», besagt eine Kampagne, welche die SBB zusammen mit der Dargebotenen Hand und dem Kanton Zürich lancierte. «Chomm vezöll doch!», heisst nun das Pendant, das der Kanton Innerrhoden gestern den Medien präsentierte. Die Kampagne richtet sich an gefährdete Menschen und ihre Angehörigen. Und sie setzt bei Jugendlichen an.

In der Altersgruppe zwischen 15 und 19 ist Suizid in der Schweiz die häufigste Todesursache. Die Kampagne soll deshalb vorwiegend in Schulen auf der Stufe Oberstufe greifen und Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen ansprechen und für das Thema sensibilisieren. «Konflikte und Krisen gehören zur jugendlichen Entwicklung», sagt Landamann Roland Inauen und spricht von Ablöseprozessen, Identitätsbildung und Berufsfindung. Altersgerecht aufgearbeitet soll eine Wanderausstellung für das Thema sensibilisieren. In die Kampagne involviert, die verschiedene Massnahmen im laufenden Jahr vorsieht, ist das Gesundheits- und Sozialdepartement, das Erziehungsdepartement, Kirche, Schule und Sozialberatung.

Konkret sind Workshops in allen dritten Oberstufenklassen vorgesehen sowie Elternabende und Referate. Die einjährige Kampagne schliesst mit einer öffentlichen Vorführung des Films «dem Himmel so nah» mit Diskussionsrunde. (nh)

Genauso wie das Aktionsprogramm «Psychische Gesundheit für Kinder und Jugendliche», das im Thurgau bis 2020 umgesetzt werden soll. Die Kantone St.Gallen, beide Appenzell und das Fürstentum Liechtenstein bilden die Trägerschaft für das Ostschweizer Forum für die psychische Gesundheit. Es ging aus dem Bündnis gegen Depression hervor, das Ausserrhoden 2007 als schweizweit zweiter Kanton umgesetzt hat.

«Viele Massnahmen laufen nicht unter dem Label Suizidprävention, haben aber indirekt dieselbe Wirkung.»

Das sagt Jürg Engler vom St.Galler Amt für Gesundheitsvorsorge. Es sei denn auch schwierig einzelne Massnahmen, Kosten oder Resultate zu beziffern.

Ein zweiter Versuch ist selten

Fassbar sind dagegen bauliche Massnahmen. Das bekannteste Beispiel in der Ostschweiz ist die Sicherung der Taminabrücke; auch an der Hundwilertobelbrücke in Appenzell wurden Netze angebracht oder das Hochhaus des Kantonsspitals Frauenfeld gesichert.

Entgegen der landläufigen Meinung seien Suizide meist Kurzschlusshandlungen, sagt Vladeta Ajdacic. Nur 5 bis 10 Prozent nehmen sich nach einem gescheiterten Versuch tatsächlich das Leben. Von 515 Personen, die vom Sprung von der kalifornischen Golden-Gate-Bridge abgehalten wurden, waren 25 Jahre später 480 noch am Leben. «Ein bauliches Hindernis reicht als Hürde oft aus», sagt Ajdacic. Vorausgesetzt die Betroffenen erhalten Hilfe.

Sogenannte Hotspot werden gesichert

In den Ostschweizer Kantonen sollen deshalb weitere sogenannte Hotspots gesichert werden. Wo, wollen die Verantwortlichen nicht verraten – aus Angst vor Nachahmern.

Neben der Siedlungsstruktur und der daraus entstandenen Kultur, dass man sich selbst am nächsten ist und nur ungern Hilfe annimmt, vermutet Ajdacic die Nachahmung auch als Grund für die überdurchschnittlich hohen Suizidraten im Appenzell.

«Suizid wird als mögliche Handlungsoption wahrgenommen.»

Gerade in kleinen Kantonen, wo jeder jeden kennt und jeder im Bekanntenkreis Suizide verschmerzen muss. Diese Muster sollen mit Präventionskampagnen durchbrochen werden.

Anlaufstellen

Dargebotene Hand: Telefon 143, www.143.ch,
Pro Juventute für Jugendliche: Telefon 147, www.147.ch

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