Anonymous veröffentlicht fanatische Schulungs-Videos von Ostschweizer Sektenführer Ivo Sasek

Netzaktivisten haben Dutzende interne Sektenvideos veröffentlicht. Sie zeigen, wie Menschen in Ivo Saseks OCG-Sekte fanatisiert und darauf gedrillt werden, deren Botschaften weiterzuverbreiten.

Oliver Wietlisbach/watson
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Unter dem Namen «Anti-Zensur-Koalition» veröffentlicht Ivo Sasek Verschwörungs-Videos. Er sieht sich seit Jahren in einer Art Krieg gegen eine «dominante Elite», die man stürzen müsse.

Unter dem Namen «Anti-Zensur-Koalition» veröffentlicht Ivo Sasek Verschwörungs-Videos. Er sieht sich seit Jahren in einer Art Krieg gegen eine «dominante Elite», die man stürzen müsse.

Bild: Archiv

Das Hacker-Kollektiv Anonymous hat in der Nacht auf Montag über 70 interne Schulungs-Videos der Schweizer Sekte Organische Christus-Generation (OCG) veröffentlicht.

Die Videos zeigen beispielsweise Sektenführer Ivo Sasek, wie er in einer Halle Hunderte Mitglieder mit Kriegsrhetorik auf den Kampf gegen «die Elite» und die Medien einschwört. Dabei fallen Sätze wie:

«Was es da draussen einzig braucht, sind Kampftiere, Menschen, die Du zu Löwennaturen machst. Krieger braucht es da draussen, weil ein Kampf tobt. Wir haben vom All-Fronten-Krieg geredet. Es braucht Haudegen da draussen, Menschen, die draufhauen [...] die durch diesen ganzen Schlamm der Gleichgültigkeit durchbrechen.»
«Wir haben die Absicht, zu wachsen, wenn das nicht geschieht, dass wir – bescheiden gesagt – zur grössten Informationskette der Welt werden, werden wir das Ding nicht hinkriegen. Wir werden die Situation nicht abwenden, die so schrecklich ist, dass sie schrecklicher nicht sein könnte.»
«Es wird die Hölle los sein, wie nie zuvor, sage ich, es wird eine Zeit kommen, wenn wir das nicht stoppen, die wird schlimmer sein als jede andere Zeit jemals zuvor.»

Das Publikum, viele ältere Menschen, aber auch junge Familien mit Kindern, hängt an seinen Lippen, macht Notizen und antwortet auf seine rhetorischen Fragen im Chor.

In den veröffentlichten Videos geht es um Schulungen für das Sekten-Blatt «Stimme und Gegenstimme», das offiziell «S & G Hand-Express» heisst. Die «S & G» will eine «Gegenstimme» zu den etablierten Medien darstellen. In einem Video der Sekte heisst es:

«Unter dem Strich hat es sich gezeigt, dass hinter der sogenannten vierten Macht im Staat – also den ‹Medien› – die Hauptdrahtzieher fast sämtlicher verderblichen Einflüsse, böser Gerüchte, Fehlentwicklungen und Finanz- und Weltkrisen, aber auch schädlichster Zensur stecken.»

Die Schulung der Mitglieder findet im Rahmen von Konferenzen statt. «Die Mitglieder werden fanatisiert, sie werden darin geschult, wie Inhalte erstellt werden, wie die Verteilung stattzufinden hat und wie Kuriersysteme aufgebaut werden», schreibt das Hacker-Kollektiv Anonymous.

In einem der nun veröffentlichten Videos schreit Sasek den Mitgliedern entgegen, wie sie die «S & G» unter das Volk zu bringen haben. Sie sollen den Menschen beibringen, dass es «eine skrupellose Meute, die Elite» gebe, welche «die ahnungslose Welt» ausnutze. Daher müssten die Menschen «S & G» lesen, um zu erfahren, was die Verbrecher planten. Die Botschaft, die sie alle verbreiten müssten: Die «S & G» sei die einzige Antwort, die das alles ans Licht bringe.

Der Sektenführer Ivo Sasek sagte:

«Da draussen für ‹S & G› braucht es fanatische Menschen. Es braucht Haudegen, es braucht einfältige Schwerter, die da durchgehen, die von der einen Sache überzeugt sind. Sie haben ein Blatt Papier in der Hand und das muss ein anderer auch lesen [...] weil sie von diesem Blatt Papier derart überzeugt sind, dass sie wissen, das muss ich weitergeben [...], weil es das wichtigste Papier auf Erden ist.»

Das Publikum applaudiert und brüllt im Chor: «Ich bin die ‹S & G›.»

Einblick in die Propaganda-Maschinerie der Sekte

Das Sekten-Blatt «S & G» wird von den Mitgliedern selbst geschrieben und von «Kurieren» auf eigene Kosten hergestellt und verteilt. Viele Verschwörungsmythen, zu denen die Sekte später Beiträge für den Propaganda-Sender KlaTV (Klagemauer TV) produziert, basieren auf Artikeln in der «S & G».

In einem Video ist zu sehen, wie «S & G Hand-Express» verteilt werden soll. Die Mitglieder sollen das Blatt kopieren und verbindlich drei Menschen weitergeben, die es wiederum kopieren und weitergeben. An den Sekten-Konferenzen erklären die Anführer, wie man Menschen rekrutiert, Beiträge für «S & G» verfasst und sicherstellt, dass die Mitglieder das Blatt weiterverteilen.

«Wir dürfen einander ermutigend fragen: Hast du deine 3 Jünger schon?», erklären führende Sekten-Mitglieder in den Videos. Was unter dem Titel Qualitätssicherung harmlos daherkommt, ist nichts anderes als der Aufbau von Druck, um sicherzustellen, dass die Mitglieder die Botschaften des Sektenführers weiterverbreiten.

Kampf gegen Elite und «Systemmedien»

Sasek befindet sich seit Jahren im Krieg gegen «die Systemmedien». Über seine Propaganda-Kanäle «S & G», kla.tv und Anti-Zensur-Koalition verbreitet der Sektenführer teils rechtsradikale Verschwörungsmythen, die von anderen Verschwörungsideologen, aber auch Esoterikern, radikalen Impfgegnern bis hin zu Antisemiten in halb Europa in den sozialen Medien geteilt werden und so Hunderttausende Menschen erreichen können.

Für Sekten-Experten ist die OCG eine der gefährlichsten Sekten in Europa, da sie antisemitische Verschwörungstheorien und esoterische Lebenshilfe vermischt und weit über ihre relativ geringe Mitgliederzahl hinaus Menschen erreicht.

Rechtgläubige werden ins Heil geführt

Im Kern geht es bei Sasek stets darum, dass eine «dominante Elite» die Menschen unterjoche und der Dritte Weltkrieg vor der Türe stehe. Als Gesandter Gottes könne er die Rechtgläubigen vor der drohenden Apokalypse retten und ins Heil führen.

Das Einschwören der Mitglieder gegen den äusseren Feind kittet die Sekte zusammen. Die Mitglieder sind daher auch bereit, kostenlos für die OCG zu arbeiten. Dies ermöglicht dem Sektenführer nicht nur seine Anti-Zensur-Konferenzen mit teils mehreren tausend Teilnehmern, sondern auch den eigenen Online-TV-Sender KlaTV. Sektenmitglieder produzieren in mehreren Studios in Europa alternative Nachrichten, die im Gewand seriöser Nachrichtensendungen daherkommen.

Effektiv handelt es sich um Fake-News und Verschwörungsmythen, die sich an ein breites Spektrum von Menschen richten: von linken Impfgegnern über Elektrosmog-Bekämpfer bis zu rechtsextremen Holocaustleugnern. Aktuell versucht die Sekte vor allem aus der Corona-Pandemie Nutzen zu ziehen und macht etwa mit Panikvideos gegen Schutzmassnahmen wie das Maskentragen mobil.

Hacker veröffentlichen 10 GB Daten der Sekte

Die von Netzaktivisten im Internet veröffentlichten Videos der Sekte sind ein weiterer Teil der sogenannten «Op Tinfoil». In den letzten Wochen haben die Aktivisten mehrere Webseiten bzw. Server der Schweizer Sekte, die auch in Deutschland zahlreiche Mitglieder hat, gehackt. Beim neusten Nadelstich gegen die Sekte wurden rund 10 GB an Video-Dateien heruntergeladen. «Die hier veröffentlichten Videos sind nicht im Internet frei verfügbar, sondern intern als ‹Lernvideos› klassifiziert», heisst es in einer Stellungnahme der Netzaktivisten.

Bereits vor einer Woche haben Anonymous-Aktivisten 12'500 E-Mails der führenden Sekten-Mitglieder veröffentlicht. «Dadurch können Journalisten und Interessierte selbsttätig recherchieren und sich ein eigenes Bild machen», schreiben die Hacker.

Unter dem Decknamen Operation Alufolie gehen Netzaktivisten seit Monaten gegen Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann oder Ivo Sasek vor, die mit der Verbreitung von Verschwörungsmythen über das Coronavirus von der aktuellen Pandemie-Situation profitieren wollen.

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