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Vater und Sohn bauen in Andwil exklusive Glasgemälde für ein Zürcher Designer-Hotel – mit Techniken aus dem Mittelalter

Pascal und Albin Engeler stellen in Andwil 14 Fensterbilder aus mundgeblasenem Glas her. Im Auftrag des Pariser Büros von Stardesigner Philippe Starck, nach Entwürfen seiner Tochter.
Melissa Müller
Pascal Engeler und sein Vater Albin Engeler bauen 2000 Glasstücke zu mosaikartigen Bildern zusammen. (Bilder: Lisa Jenny)

Pascal Engeler und sein Vater Albin Engeler bauen 2000 Glasstücke zu mosaikartigen Bildern zusammen. (Bilder: Lisa Jenny)

Kunstglaser Pascal Engeler hält eine dunkelrosa Scherbe ins Licht. Das Glas fängt die Sonne ein, Tupfen aus rosa Licht tanzen über den Boden. «Das Goldrosa ist wunderbar», sagt Engeler. «Es enthält echtes Goldoxyd.» Das Goldrosa sei schon im Mittelalter eingesetzt worden, für die kunstvollen Fenster von Kathedralen. In der Werkstatt des Andwiler Familienbetriebs wird es nun zu neuem Leben erweckt – für einen ganz besonderen Zweck.

Die Kunsthandwerker von Engeler Glaswelt in Andwil konstruieren einmalige Glasarbeiten für das Studio von Philippe Starck in Paris.

Die Kunsthandwerker von Engeler Glaswelt in Andwil konstruieren einmalige Glasarbeiten für das Studio von Philippe Starck in Paris.

Zur Zeit fertigen Pascal Engeler und sein Vater Albin für das Pariser Atelier von Designer Philippe Starck 14 Fenster mit Bleiverglasungen an. Starck wurde etwa mit einer spinnenartigen Zitronenpresse berühmt, die er für Alessi entwarf. Die Fenster werden in einem Zürcher Luxushotel eingebaut, das Starck ausstattet. Es wird am 2. Dezember eröffnet. Wo in Zürich, dürfen die Kunsthandwerker noch nicht verraten. Und auch nicht, wie viel die Fenster kosten, die sie nach den Entwürfen von Starcks Tochter Ara herstellen. Nur so viel: «Wir sind zu viert drei Monate lang nonstop beschäftigt.»

Das mundgeblasene Glas in Goldrosa enthält Goldoxyd und wird nach alter Tradition wie im Mittelalter in Bayern hergestellt.

Das mundgeblasene Glas in Goldrosa enthält Goldoxyd und wird nach alter Tradition wie im Mittelalter in Bayern hergestellt.

Verarbeitet werden nur edelste Materialien. Die mundgeblasenen Gläser haben Vater und Sohn in der bayerischen Glashütte in Waldsassen ausgesucht. Dort wird das Naturmaterial aus Sand, Soda und Kalk erschmolzen und gefärbt. Kosten pro Quadratmeter: Gegen 700 Franken.

«Das ist der bislang grösste Glasmalauftrag in unserer 80-jährigen Firmengeschichte», sagt Albin Engeler. Schon sein Vater pflegte in Andwil das jahrhundertalte, fast vergessene Handwerk. So trifft sich die grosse weite Welt in der Provinz: Kürzlich war eine Delegation aus Paris da.

Um den Grossauftrag aus Paris zu bewältigen, hat Pascal Engeler Verstärkung aus Basel geholt: Glasmaler Martin Stedler bemalt gut 2000 Glasscheiben. Auch der 75-jährige Albin Engeler ist voll eingespannt, obschon längst pensioniert. Er wählt die Farben aus einer Palette von über 2000 Farbtönen aus. «Ohne meinen Vater könnte ich es nicht stemmen», sagt Pascal Engeler.

Die Farbpalette umfasst über 2000 Nuancen.

Die Farbpalette umfasst über 2000 Nuancen.

2000 Farben, von Tropengrün bis Aurora und Fuchsia

In der grossen, luftigen Werkstatt im Herzen des Dorfs riecht es nach Terpentin. In Plastikbehältern glitzern Glaskristalle in allen Regenbogenfarben. Hunderte Glasplatten warten in Regalen auf ihren Einsatz, sie tragen Namen wie Tropengrün, Meeresblau, Moosgrün, Rehbraun, Raphaela Fuchsia oder Aurora in Gelb.

Auf einem Tisch liegen Ölbilder von Ara Starck, welche die Handwerker in Gemälde aus Glas übersetzen.

Vorlagen der Künstlerin Ara Starck, die in New York lebt.

Vorlagen der Künstlerin Ara Starck, die in New York lebt.

Erst werden die Bilder kopiert und vergrössert. Dann werden Schablonen erstellt.

Die Schablonen werden numeriert und mit einer Spezialschere zugeschnitten.

Die Schablonen werden numeriert und mit einer Spezialschere zugeschnitten.

Kunstglaser Markus Brunner schneidet die harten Gläser in Form und bricht sie exakt, Scherben fallen klirrend in einen Kessel. «Keiner kann das so schnell wie er», sagt Pascal Engeler.

Es braucht Fingerfertigkeit, um das harte Material zuzuschneiden.

Es braucht Fingerfertigkeit, um das harte Material zuzuschneiden.

Vater und Sohn fügen die bunten Glasstücke zu einem Rundbogenfenster zusammen. Stück für Stück, wie ein Puzzle.

Nun kommt Glasmaler Martin Stebler zum Zug. Mit einem Lappen entfettet er die Glasstücke, entfernt Fingerabdrücke. Er mischt Schwarzlot an – ein Bleiglaspulver und Metalloxyd, das schon im Mittelalter verwendet wurde. Er malt dunkle Schatten auf die Glasstücke, damit das Bild am Ende dreidimensional wirkt. Auch mit dem Federkiel bearbeitet er die Platten.

Der Glasmaler zeichnet mit dem Federkiel.

Der Glasmaler zeichnet mit dem Federkiel.

Die Glasmaler arbeiteten schon vor 500 Jahren mit Schwarzlot, einer speziellen Farbe, um Formen zu schattieren.

Die Glasmaler arbeiteten schon vor 500 Jahren mit Schwarzlot, einer speziellen Farbe, um Formen zu schattieren.

Die Malereien gehören ebenso zum Gesamtkunstwerk wie die Fassungen aus Bleiruten, die das Werk zusammenhalten. Das Glas wird über Nacht im Ofen bei 600 Grad gebrannt, um die Farbe zu fixieren. «Danach wird das Bleirutennetz mit einer Zinnschicht überzogen», erklärt Pascal Engeler. Das ganze Fenster erhalte zum Schluss noch einen Bilderrahmen aus Rohmetall, der es stabilisiert.

Einblick in die Werkstatt.

Einblick in die Werkstatt.

Pascal Engeler hat den Betrieb vor elf Jahren vom Vater übernommen. Schon als Knirps experimentierte er mit Glas. Später besuchte er die Kunstgewerbeschule in Bern, lernte Kunstglaser und Glasmaler und vertiefte sein Wissen in Glaswerkstätten in den USA. Auch als Farbberater ist er ausgebildet.

Nur noch rund 20 solcher Betriebe existieren in der Schweiz, die meisten sind Ein-Mann-Unternehmen. Früher seien Kunstglaser erbitterte Konkurrenten gewesen, die gegeneinander intrigierten. Heute arbeiteten sie teils zusammen. «Es gibt nur noch einen Kunstglaser, der Berufskollegen nicht in seine Werkstatt lässt.»

Engeler restauriert mit seinem Team Kirchenfenster – etwa für das Kloster in Disentis – und rekonstruiert auch mal ein Jugendstilfenster für eine Villa am St.Galler Rosenberg. Fürs Hotel «Baur au Lac» in Zürich stellte er ein dekoratives Glas mit Eisblumenstruktur her. «Dazu musste ich das Glas nach einem 100-jährigen Rezept mit Knochenleim einpinseln. Ein übler Gestank», erzählt er lachend. Von solchen Aufträgen allein kann der Betrieb aber nicht leben. Es sind vor allem Duschwände und weitere Glaselemente für Architekten, die einschenken.

«Leider sind Farben in der ­Architektur nicht in Mode»

Wer Pascal und Albin Engeler über die Schultern schaut, merkt schnell: Die Glaskunst ist für Vater und Sohn weit mehr als eine Erwerbstätigkeit. Beide erschaffen aus Glas auch eigene Kunstwerke. Pascal Engeler hat etwa ein Glasspiel für einen Meditationsraum in einem Engelburger Altersheim gestaltet. Mit keinem anderen Material erreiche man eine vergleichbare Farbintensität. «Das Glas holt das Licht in den Raum.» Das erzeugt in Kirchen eine transzendente Atmosphäre. Mit Glas könne man träumerische, oder auch schummrige und verspielte Stimmungen erschaffen. So, wie dies Ara Starck tut. «Leider sind Farben in der modernen Architektur nicht in Mode. Die meisten mögens’ lieber grau, schwarz und weiss», sagt Pascal Engeler.

Der Grossauftrag hält Albin Engeler, Martin Stebler und Pascal Engeler drei Monate lang auf Trab.

Der Grossauftrag hält Albin Engeler, Martin Stebler und Pascal Engeler drei Monate lang auf Trab.

Das erste fertige Fenstergemälde ist fast drei Meter hoch. Verschlungene und verknotete Tücher, Wasserstrudel und Tische mit schrägen Beinen ziehen in den Bann. Ein Fest für die Augen. «Diese Frau hat wirklich etwas drauf», sagt Pascal Engeler über Ara Starck, deren Entwürfe an Surrealisten wie Salvador Dalí erinnern. Der 49-Jährige hat die Künstlerin aber noch nicht persönlich zu Gesicht bekommen. «Es heisst, sie sei so beschäftigt, dass sie es nicht aus New York heraus schafft.» Sie wird wohl nicht schlecht staunen, wenn sie im Zürcher Hotel die Umsetzung ihrer Ideen sieht.

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