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Analyse zur Wahl in Wittenbach: Die Parteien verlieren die politische Hoheit

Der deutliche Sieg des Parteilosen Oliver Gröble verdeutlicht einen Vertrauenseinbruch in die Ortsparteien.
Adrian Lemmenmeier
Historischer Stabwechsel in Wittenbach: Fredi Widmer (CVP) gratuliert dem Parteilosen Oliver Gröble zum Wahlsieg. Bild: Hanspeter Schiess.

Historischer Stabwechsel in Wittenbach: Fredi Widmer (CVP) gratuliert dem Parteilosen Oliver Gröble zum Wahlsieg. Bild: Hanspeter Schiess.

Gemeinderatswahlen sind Personenwahlen. Oft zählt weniger das Parteibüchlein als die Eigenschaften der Kandidaten. Welches Rüstzeug bringt ein Anwärter mit? Welche Erfahrungen kann eine Kandidatin einbringen? Wo kommt er her? Welchen Auftritt hat sie in der Öffentlichkeit? All diese Fragen waren auch bei der Wahl ins Wittenbacher Gemeindepräsidium wichtig. Mindestens so wichtig für den Ausgang war aber ein anderes Kriterium: Das ramponierte Vertrauen der Wähler in die Ortsparteien.

Adrian Lemmenmeier, Redaktor St. Gallen und Umgebung

Adrian Lemmenmeier, Redaktor St. Gallen und Umgebung

Die Wittenbacher haben Oliver Gröble am Sonntag zum neuen Gemeindepräsidenten gewählt. Mit 1637 zu 1227 Stimmen hat der Parteilose den CVP-Kandidaten Norbert Näf deutlich auf den zweiten Platz verwiesen. Dies obwohl Näf sämtliche Ortsparteien und den Gewerbeverein hinter sich vereint hatte.

«Norbert Näfs Schwäche ist, dass er einer Partei angehört», sagte Oliver Gröble an einem Podium, als ihn der Moderator gebeten hatte, eine Schwäche des Gegners zu nennen. Ob Näf das CVP-Label tatsächlich geschadet hat, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass es ihm nicht nützte. Genauso wenig wie die Unterstützung der übrigen Ortsparteien.

Für diese ist das Resultat vom Wochenende eine Ohrfeige, die über die Gemeindegrenzen hinaus nachhallen dürfte. Während der letzten 100 Jahre gaben die beiden Mitteparteien CVP und FDP den lokalpolitischen Takt an. Nun scheint die Hoheit über das gemeindepolitische Geschehen verloren. Und zwar selbst dann, wenn alle vier Parteien zusammenspannen. Auf Politikverdrossenheit der Wähler muss man deswegen nicht schliessen. Wohl aber auf Unzufriedenheit mit dem Bisherigen.

Dabei hatten Wittenbachs Parteien im Wahlkampf vieles richtig gemacht. Statt eine Kampfwahl zu lancieren, wollte man die langjährigen Querelen zwischen CVP und FDP beiseite legen. Deshalb gründeten CVP, FDP, SP und SVP eine Findungskommission. Diese präsentierte ein Zweierticket: Georges Gladig aus Wittenbach (FDP) und Norbert Näf aus Heiden (CVP) traten zur Wahl an.

Doch dann geschah, womit niemand gerechnet hatte. Der kantonale Standortförderer Oliver Gröble stieg ins Rennen, ohne bei der Findungskommission vorstellig zu werden. Gut unterrichteten Kreisen zufolge wäre er bei dieser ohnehin abgeblitzt. Überraschend holte Gröble im ersten Wahlgang 1014 Stimmen, nur 27 weniger als Favorit Norbert Näf. FDP-Mann Gladig rangierte mit 652 Stimmen unter ferner liefen und zog sich zurück.

Trotz alter Parteirivalitäten empfahl die FDP im zweiten Wahlgang den CVPler Norbert Näf. Somit standen alle Parteien geschlossen hinter dem CVP-Mann. Den Reigen perfekt machte der Gewerbeverein mit seiner Wahlempfehlung. Näf verfüge im Gegensatz zu Gröble über die nötige Fach- und Führungskompetenz, hiess es in der Mitteilung. Weil der Wittenbacher Gewerbeverein normalerweise keine Wahlempfehlung abgibt, schwang dabei ein Anflug von Panik mit.

Zu Recht. Denn alle Empfehlung halfen nichts. Von den 652 Wittenbachern, die im ersten Wahlgang Gladig gewählt hatten, folgte kaum jemand der Empfehlung der FDP. Gut möglich, dass viele Wähler Gladigs einfach keinen Auswärtigen zum Präsidenten machen wollten. Ebenso denkbar ist aber, dass trotz vermeintlich geschlossenen Grabens manch FDP-Wähler sich nicht dazu durchringen konnte, für einen CVPler zu stimmen. Das an den Parteispitzen beschlossene Tauwetter hat scheinbar nicht auf die Wähler durchgeschlagen. Näf konnte im zweiten Wahlgang nur 157 Stimmen dazugewinnen. Gröble hingegen 623.

Einen ersten Vertrauenseinbruch erlebte Wittenbachs Parteienlandschaft bereits im Juni. So schaffte die Kandidatin der FDP den Sprung in die GPK der Schulgemeinde nur knapp – dicht gefolgt von einem parteilosen Gegenkandidaten. Dass die Unterstützung durch die Parteien keinen Freipass mehr darstellte, um ungehindert in ein solches Amt zu spazieren, war in Wittenbach ein Novum.

Den deutlichen Erfolg Oliver Gröbles einzig auf eine serbelnde Classe politique zurückzuführen, wäre allerdings verfehlt. Der Anwalt und Standortförderer konnte mit seiner sympathischen Art viele Wittenbacherinnen und Wittenbacher von sich überzeugen. Inhaltlich aber blieb Gröble während des Wahlkampfes fahl; zu vielen Themen liess er konkrete Aussagen vermissen.

Ob das Kalkül war, sei dahingestellt. Fakt ist, es hat funktioniert. Scheinbar wollten viele Wittenbacherinnen und Wittenbacher gar keine konkreten Vorschläge für die Lösung aktueller Probleme hören, wie die Gestaltung des Dorfhügels oder die Schaffung der Einheitsgemeinde. Sicher aber wollten sie einen Wechsel.

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