An einem Ort gebündelt: Das neue Kompetenzzentrum der Obvita ist eröffnet

Die Organisation des Ostschweizer Blindenfürsorgevereins eröffnete am Freitag ihr neues Kompetenzzentrum. Einmalig in der Ostschweiz vereint das Gebäude Fachpersonen, Angebote und Trainingsmöglichkeiten für Menschen mit visueller oder psychischer Behinderung.

Basil Schnellmann
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Das neue Kompetenzzentrum der Obvita

Das neue Kompetenzzentrum der Obvita

Basil Schnellmann

«Trottoir freihalten» steht auf dem Schild. Über dem Schriftzug ein Smiley, der eine blinde Person darstellt. Der einzige Hinweis darauf, dass ganz in der Nähe eine Institution zu finden ist, die sich genau diesen Menschen verschrieben hat. Und das seit 119 Jahren.

Blindenhinweistafel an der Bruggwaldstrasse.

Blindenhinweistafel an der Bruggwaldstrasse.

Bild: Basil Schnellmann (18. September 2020)

Der Neubau könnte genauso gut ein Ableger der HSG oder ein Berufsbildungszentrum sein. Nicht von ungefähr: Hier, im neuen Kompetenzzentrum der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein, sind zurzeit 70 Lernende beschäftigt. Über 16 Jobkategorien sind vertreten. Doch etwas verbindet diese Menschen: Alle haben eine visuelle oder psychische Behinderung.

Julian Iriogbe zeigt die Funktionsweise der technischen Lesehilfsmittel.

Julian Iriogbe zeigt die Funktionsweise der technischen Lesehilfsmittel.

Bild: Basil Schnellmann (18. September 2020)

Grüne Teppiche, farbige Wände

Wenn man für diese Menschen baut, liegt der Teufel im Detail. Orientierungs-und Mobilitätstrainer Julian Iriogbe erklärt, dass beim Bau auf verschiedene Aspekte zur Barrierefreiheit geachtet wurde. Dinge, die erst auf den zweiten Blick auffallen. Eine andersfarbige Sockelleiste zum Beispiel. Um den sehbehinderten Menschen zu zeigen, wo der Boden aufhört und die Wand anfängt. Oder der grüne Teppich, der in den oberen Stockwerken verlegt ist. Dunkle Tische und helle Teller in der Mensa. Je nach Stockwerk eine andere Wandfarbe. Man merkt, es wurde mit Licht und Kontrasten gearbeitet, um die Orientierung so einfach wie möglich zu gestalten.

Der Low-Vision Raum der Obvita. Hier wird ermittelt, wie stark die Sehbeeinträchtigung ist.

Der Low-Vision Raum der Obvita. Hier wird ermittelt, wie stark die Sehbeeinträchtigung ist.

Bild: Basil Schnellmann (18. September 2020)

Ein Stützpunkt für Fachkompetenz

Nun, nach zweijähriger Bauzeit, ist das Projekt fertiggestellt. Eigentlich hätte die offizielle Eröffnung bereits im Juni stattfinden sollen, sagt Vorstandspräsident Charles Lehmann. Doch nun gelte es, in zweierlei Hinsicht eine neue Normalität zu leben. Zum einen mit dem Virus, zum anderen im Neubau. Man wolle die eigene Position als systemrelevanter Ausbildungsbetrieb festigen, das Niveau halten, aber auch flexibel sein. Lehmann nennt dazu drei Gewichtungen: Man will die digitale Transformation als Chance sehen, die Kompetenzen weiterentwickeln und das Leistungsangebot ausweiten.

Lobende Worte findet auch Stadträtin Maria Pappa. Wie muss die Stadt St. Gallen gebaut werden, damit sie für Sehbehinderte möglichst barrierefrei erlebbar ist? Gerade für die Baudirektion eine höchst spannende Frage. Für Stefan Wüthrich, Leiter berufliche Integration und Sehberatung ist es einfach der «Hammer». Gekostet hat das Zentrum 18,5 Millionen Franken, ein Betrag, der ohne die Unterstützung von Stiftungen, Unternehmen, Privaten und des Fürstentums Liechtenstein nie zusammen gekommen wäre.

Jedes Ding an seinem Ort: Der Arbeitsplatz einer sehbehinderten Person, vor der Tastatur liegt eine Braillezeile.

Jedes Ding an seinem Ort: Der Arbeitsplatz einer sehbehinderten Person, vor der Tastatur liegt eine Braillezeile.

Bild: Basil Schnellmann (18. September 2020)

Das Geld ist auch nötig. Eine Braillezeile zum Beispiel, mit der Blinde Texte am Computer lesen können, kostet bis zu 13'000 Franken. Deshalb setzt man auf alles, was die Technik zu bieten hat. Momentan ist beispielsweise eine App in Entwicklung, die jedem im Gebäude mittels Sprachsteuerung sagt, wo er sich gerade befindet und wie er an seinen Bestimmungsort gelangt. Oder was freitags auf dem Speiseplan steht. In den Schulzimmern stehen hochmoderne Touchscreens um das Lernen so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Computer liest dem Blinden in rasantem Tempo den Text auf dem Bildschirm vor.