Eine Waldkircher Familie bereitet sich auf die Viehschau vor: «Am schönsten ist das Loslaufen»

Die Viehschau Waldkirch ist für Bauer Reto Müller ein Höhenpunkt im Jahr. Die sennische Auffahrt vom Hof zum Schauplatz erfordert eine gute Planung. Und Disziplin von Klein bis Gross.

Sebastian Schneider
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Die Familie Müller fährt appenzellisch auf. Der Border-Collie-Mischling musste darum zu Hause bleiben. (Bild: Michel Canonica)

Die Familie Müller fährt appenzellisch auf. Der Border-Collie-Mischling musste darum zu Hause bleiben. (Bild: Michel Canonica)

Nebelschwaden ziehen über die Felder. Langsam und still sammeln sie sich an Waldrändern der hügeligen Landschaft. Es ist noch dunkel, doch der Tag verspricht schön zu werden. Acht Rinder stehen dicht an dicht beisammen. Das vom Tau noch nasse Gras interessiert sie im Moment nicht. Wie gebannt schauen sie Richtung Hof und Stall der Familie Müller im Hall in Waldkirch. Dass heute ein besonderer Tag wird, scheinen die Rinder zu merken. Immerhin wurden sie tags zuvor schamponiert, und sie tragen einen Strick um den Kopf.

Ein Auto fährt vor, vier Appenzeller Sennen steigen aus. Kira, die Hofhündin, ist ganz aus dem Häuschen. Sie schnuppert, wälzt sich am Boden und lässt sich kraulen. Ihre Aufregung wird sich wohl legen, denn bald wird sie alleine sein auf dem Hof. Als Border-Collie-Mischling passt sie nicht in die sennische Auffahrt der Familie Müller. «Wir gehen appenzellisch an die Viehschau», erklärt Landwirt Reto Müller. Wer diese Tradition pflegt, muss sich an Regeln halten.

Die ganze Familie putzt sich für die Viehschau heraus. (Bild: Michel Canonica)

Die ganze Familie putzt sich für die Viehschau heraus. (Bild: Michel Canonica)

Anspannung und Lärmpegel steigen

Gerade gut habe er vergangene Nacht nicht geschlafen, gesteht der 28-jährige Landwirt. Vor der Schau sei er jeweils ziemlich nervös. Denn an diesem Tag muss vieles zusammenpassen. Der Weg vom Hof bis zum Schauplatz auf der Mollenwiese ist einige Kilometer lang. Am Mittwoch habe man den Hag aufgestellt. Auch die Polizei ist informiert, sie wird beim Bahnübergang helfen, die Strasse zu sperren.

In der Küche sitzen Helfer und Sennen gemütlich beieinander zum Zmorge. Es gibt Zopf, Butter und Konfi sowie Kaffee. Und wer will, bekommt ein Gläschen Weisswein. Derweil werden die beiden Töchter von Jacqueline und Reto Müller hübsch gemacht. Auch die anderen Kinder, unter anderem Retos Neffe Levin, werden in Trachten gesteckt.

Draussen werden die Rinder unruhig. Mit den ersten Sonnenstrahlen beginnen sie laut zu muhen. Die acht Geissen, die bei der Auffahrt nicht fehlen dürfen, sind ebenfalls sehr aktiv. Mit voller Wucht schlagen sie ihre Köpfe gegeneinander, jede gegen jede. «Sie rangieren», erklärt Reto Müller. Obschon eigentlich klar ist, wer die Leitgeiss ist. Sie trägt heute als einzige eine Glocke.

Für den Marsch braucht es ein «Prügeli»

Kurz vor dem Abmarsch hängen die Sennen drei Kühen grosse Schellen um den Hals. Die Geissen sind parat, die Strasse ist frei. Wie es die Tradition verlangt, führt der Geissenbub die Schar an. Mit Stolz und einem Fahreimer um die Schulter schreitet der kleine Levin voraus. Hinterher kommen die Geissen, streng bewacht vom Geissenmeitli, Levins Cousine. Dann folgen die drei Schellen-Kühe und die Vorsennen mit dem roten Brusttuch. Drei weitere Sennen laufen zwischen den Kühen und den acht Rindern. Sie haben ein «Prügeli» bei sich, das sie gelegentlich brauchen. Denn auf einer solch langen Tour schert die eine oder andere Kuh gelegentlich aus. Geduldig läuft zuhinterst das Landwirtspaar. «Das Loslaufen ist der schönste Moment», sagt Reto Müller und zündet einen Stumpen an.

Zwei von Reto Müllers Kühen werden bei der Viehschau ausgezeichnet. (Bild: Michel Canonica)

Zwei von Reto Müllers Kühen werden bei der Viehschau ausgezeichnet. (Bild: Michel Canonica)

Bereits auf dem Weg grüssen Zaungäste, schiessen Fotos und wünschen viel Glück. Der Trubel wird im Dorf immer grösser, und die Sennen sind nun öfter damit beschäftigt, die Tiere zusammenzuhalten. Denn links und rechts gibt es immer wieder saftiges Grün oder sonst etwas Spannendes zu erkunden. Mehr und mehr Zuschauer säumen die Strasse, die doch schon einige braune Flecken aufweist. Am Schauplatz angekommen, ist bei den Sennen nochmals Muskelkraft gefragt. Denn nun muss das Braunvieh an seinen Platz gebracht werden, was angesichts der vielen anderen eintreffenden Kühen gar nicht so einfach ist.

Die nächsten Stunden gehören den drei Jurymitgliedern. Sie bewerten die 290 Kühe von 14 Landwirten, Braun- und Fleckvieh, auf ihre Euter und ihr Gesamtbild. Beim Braunvieh küren die Experten Wini zur «Miss», eine Kuh aus Reto Müllers Stall. Ein erfolgreicher Tag für den jungen Landwirt. Denn neben Wini hat auch seine Linda einen Preis gewonnen. Mit 127 000 Liter Milch hat sie die grösste Lebensleistung erbracht.