Alter
Dämpfer wegen Corona, aber Expansion nach Rapperswil-Jona: So geht es der Zeitvorsorge St.Gallen

Während der Pandemie wurden zwar weniger Stunden geleistet, jedoch konnte die Zeitvorsorge St.Gallen expandieren. Auch Gossau könnte demnächst das St.Galler-Modell übernehmen.

Dinah Hauser
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Noelia Menchon (Koordination & Vermittlung) und Jürg Weibel (Geschäftsführer) betreiben die Geschäftsstelle der Stiftung Zeitvorsorge.

Noelia Menchon (Koordination & Vermittlung) und Jürg Weibel (Geschäftsführer) betreiben die Geschäftsstelle der Stiftung Zeitvorsorge.

Bild: Dinah Hauser

Vorsorgen fürs Alter, nicht finanziell, sondern sozial. Mit der Perspektive, möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können. Das ist das Ziel der Stiftung Zeitvorsorge. Seit sieben Jahren ist das Modell in der Stadt St.Gallen in Betrieb. Im Zentrum steht das Zusammensein, denn viele Menschen werden im Alter einsam. Personen ab 50 Jahren können ihre Zeit investieren, ihre Zeit einem anderen Menschen schenken. Und wenn sie dann selbst älter sind, können sie die eingesetzten Stunden wieder beziehen; eine andere Person wird ihnen dann Zeit schenken und so wiederum für sich selbst vorsorgen.

Geschäftsführer Jürg Weibel ist überzeugt:

«50 Prozent der Gesundheit eines Menschen hängt nicht von der medizinischen Versorgung ab, sondern von den sozialen Kontakten.»

Dies will die Stiftung in Zukunft auch mit zusätzlichen Ideen fördern. «Viele potenzielle Leistungsbeziehenden kommen allerdings erst auf die Stiftung zu, wenn sie die Einkaufstasche nicht mehr selbst tragen können, dabei wäre das gemeinsame Einkaufen schon vorher eine Bereicherung gewesen.»

Zudem stellt Weibel fest, dass viele Zeitvorsorgende ihre Einsätze eigentlich wenig aus der Perspektive machen, selbst einmal Zeit einzulösen. Entsprechend will die Stiftung die Grenze von Zeitvorsorgenden zu Leistungsbeziehenden aufweichen. So könnte eine Person einmal eine Stunde Zeit für die Begleitung einer älteren Person schenken und an einem anderen Tag eine Stunde als teilnehmende Person an einer Gemeinschaftsveranstaltung einlösen.

Meilenstein: Expansion nach Rapperswil-Jona

Die Stiftung Zeitvorsorge steht bezüglich Expansion mit diversen Gemeinden im Kontakt. Ende letzten Jahres hat die zweitgrösste Stadt im Kanton St.Gallen, Rapperswil-Jona, das Modell eingeführt. Seit dem operativen Start im November 2021 wurden bereits über 600 Stunden geleistet. «Wir waren überrascht, wie schnell die Zeitvorsorge vor Ort Fuss fassen konnte», sagt Weibel. Wie in St.Gallen übernimmt auch hier die Standort-Gemeinde, also die Stadt Rapperswil-Jona, die Garantie über die geleisteten Stunden.

Die Gemeinden Goldach und Rorschacherberg haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls für das Modell interessiert und wollten es einführen – unter dem Vorbehalt, dass Rorschach auch mitzieht. Doch der Stadtrat hatte kein Interesse.

Stadträtin Helen Alder Frey.

Stadträtin Helen Alder Frey.

Bild: PD

Im Gossauer Stadtrat ist die Zeitvorsorge ebenfalls im Gespräch. Zwei Modelle standen zur Diskussion. Die zuständige Stadträtin Helen Alder Frey sagt, in den Diskussionsrunden und der Bedürfnisabklärung mit Gossauer Seniorinnen und Senioren wurde das St.Galler Modell favorisiert. «Ziel ist es, dass wir das Thema noch vor den Sommerferien im Stadtrat besprechen und einen Entscheid fällen.»

Derweil interessiert das Modell der Zeitvorsorge auch rund um den Globus: Weibel wurde etwa für ein Referat nach Deutschland eingeladen wie auch zu Onlinekonferenzen in Peking und Hongkong. Auch in einem Dokumentarfilm vom ZDF wurde die Zeitvorsorge St.Gallen als Lösungsmodell präsentiert.

Geleistete Stunden brachen während der Pandemie ein

Wenngleich die Zahl der Zeitvorsorgenden wiederum gesteigert werden konnte, hatte die Coronapandemie in den vergangen beiden Jahren massiven Einfluss auf die geleisteten Stunden, wie aus dem Jahresbericht ersichtlich wird. Wurden 2019 noch knapp 12’000 Stunden geleistet, so brach die Zahl im 2020 um rund einen Drittel ein. Es gab damals ein faktisches Besuchsverbot. «Schön war, dass sich die Tandems gut organisiert haben, füreinander einkaufen gegangen sind und miteinander in Kontakt geblieben sind», sagt Weibel.

Statt sich zu treffen, habe man viel telefoniert. «Viele wollten sich aber die Telefonstunden gar nicht gutschreiben lassen.» 2021 wurden von den Freiwilligen wieder gut 9000 Stunden geleistet. Die Auswirkungen der Pandemie halten laut Weibel immer noch an. «Vor allem die Ältesten trauen sich noch nicht so viel unter die Leute, sie sind sehr zurückhaltend.»

Seitens der Spitex konnten in diesen zwei Jahren wenige potenzielle Leistungsbeziehende gemeldet werden. «Doch gerade in angespannten Zeiten sind die sozialen Kontakte wohl noch wichtiger als sonst schon», sagt Weibel.

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