«Als Kind hatte ich unheimliche Angst»

Leser berichten aus ihren Erinnerungen an die öffentlichen Kühlanlagen in der Region Rorschach. Sie erzählen von einer Zeit, in der noch nicht jeder Haushalt Tiefkühltruhen hatte. Einige der Schreiben sind detailreich und emotional.

Martin Rechsteiner
Drucken
Teilen
Ein sogenannter transportabler Kleintiefkühler, wie er einst in Tübach stand. 1961 kostete eine solche Anlage etwa 20 0000 Franken. (Bild: zVg)

Ein sogenannter transportabler Kleintiefkühler, wie er einst in Tübach stand. 1961 kostete eine solche Anlage etwa 20 0000 Franken. (Bild: zVg)

Eisschränke, Tiefkühlfächer oder Gefriertruhen: Eines dieser Geräte findet man heute in so gut wie jedem Haushalt. Dem war bis in die 1990er-Jahre nicht so. Da Tiefkühler früher teuer waren, gab es im ganzen Land öffentliche Anlagen, in denen die Bevölkerung Gefrierfächer gemietet hat. So auch in der Region Rorschach (Bericht vom Montag).

Diese Anlagen sind heute nicht nur grösstenteils von der Bildfläche verschwunden, sondern auch in Vergessenheit geraten. Ein Versuch dieser Zeitung, die ehemaligen Standorte der Gfrüürhüsli in der Region zu bestimmen, entpuppte sich als schwierig. Ein Aufruf an die Leser am Ende des Berichts führte jedoch zu zahlreichen Einsendungen, die jetzt mehr Licht ins Dunkel bringen.

Schauer und Faszination

Eingegangen sind nicht nur Hinweise zu Standorten, sondern auch Erinnerungen. So waren die Gfrüürhüsli offenbar gleichermassen ein Ort des Schauers und der Faszination. Eine Leserin aus Rorschach schreibt: «In St. Margrethen an der Neulandstrasse steht ein Gefrierhaus. Ich hatte immer unheimliche Angst, wenn ich als Kind dort hin musste». Eine andere sagt: «Als ich 1980 nach Steinach gezogen bin, ging ich mit einer Freundin ins Kühlhaus, weil es mich Wunder nahm, wie das aussieht.»

Die Leserin verortet das Gebäude an die Hauptstrasse 52. An ein Gefrierhaus an dieser Adresse erinnert sich noch eine weitere Steinacherin: «Es stand zwischen dem Wohnhaus der Familie Rutz und der Opel-Garage. Meine Mutter und später auch ich hatten dort ein Fach gemietet.»

Ein zweites Standbein

Aus Tübach erreichte die OT-Redaktion ein detaillierter, wenn auch tragischer Bericht: «Unser Vater hat, im Jahr 1961 eine kleine Tiefkühlanlage gekauft (Bild oben), sozusagen als zweites Standbein neben der Landwirtschaft», schreibt ein Leser. Die Anlage habe beim Dorfplatz gestanden. «Vater war vom Aktiv-Dienst mit schwerer Tuberkulose heimgekommen und konnte kaum mehr schwer arbeiten. Leider konnte er die Tiefkühlanlage selber nicht lange betreiben, denn er verstarb 1966.» So habe die Mutter übernommen. Auf Ende 2001 habe die Familie den Tiefkühlfach-Mietern kündigen müssen, weil die Anlage alt und reparaturanfällig war. «Auf Weihnachten 2001 gab sie dann den Geist auf und die Mieter mussten eine Woche früher ausräumen.»

Nur noch auf Google sichtbar

Auch über ein zweites Gefrierhaus in Rorschach berichteten mehrere Leserinnen und Leser. So habe es in den 60er-Jahren an der Kirchstrasse 34 bis 36 eines gegeben. Vermieterin und Besitzerin sei Rosa Willi gewesen. Im Anbau des Hauses, im Erdgeschoss, habe sie die Tiefkühlanlage mit unterschiedlich grossen, vermietbaren Fächern betrieben. Später habe es dort ein Bilderrahmengeschäft gegeben. Kürzlich musste das Mehrfamilienhaus der Albin-Pedrotti-Überbauung weichen. Auf Google Street View ist das graue Gebäude aber noch zu sehen. Ein Leser erinnert sich: «Meine Eltern führten früher ein Restaurant in Rorschach, und ich durfte in den Jahren 1970 bis zirka 1982 jeweils Sachen aus dem Gefrierfach holen.»

«Es war ein lohnendes Geschäft»

Viel zu erzählen hat der Arboner Jakob Nussbaumer. Der 83-Jährige hat mehrere Kühlhäuser in der Region gebaut. «Nach dem Studium haben ein Kollege und ich damit begonnen. Es war eine Marktlücke», sagt er. Sein erstes Projekt sei 1960 das Kühlhaus in Untereggen gewesen. Auch die Anlagen in Rheineck und in Steinach hätten er und sein Partner erstellt. «Wir haben in Dörfern gebaut und dann Betreiber gesucht. Diese haben die Fächer dann für je 70 bis 80 Franken im Jahr vermietet.» Es sei ein lohnendes Geschäft gewesen. Doch das war einmal. «Unsere Firma gibt es längst nicht mehr», sagt Nussbaumer und lacht.

Weitere Leser berichten von Gfrüürhüsli in Lömmenschwil und in Abtwil. Letzteres sei noch in Betrieb, Fächer stünden frei zur Vermietung. Und im Dorf Krinau in Toggenburg gebe es ebenfalls eine noch funktionierende Anlage. Sie sei jetzt sogar Teil einer Kunstinstallation.

Etwas allgemeiner hält sich ein Rorschacher Leser. Er verweist auf den grossen Nutzen von Kühlgeräten und lässt sich etwa so zitieren: «Herr, wir danken dir für Speis und Trank. Und für unseren Kühlschrank.»

Auf der kalten Spur der «Gfrüürhüsli» in der Region Rorschach

Bevor Tiefkühler erschwinglich wurden, teilten die Menschen Gefrierfächer in öffentlichen Häusern. Das ist noch gar nicht so lange her, trotzdem sind die Gebäude vielerorts in der Region Rorschach in Vergessenheit geraten. Manchmal wissen nur noch die Dorfältesten davon.
Martin Rechsteiner