Tod einer unschuldigen Frau: Als Hexe enthauptet und verbrannt

Ein Kreuz erinnert im Hinterhof Untereggen an eine Frau, die als vermeintliche Hexe zum Tod verurteilt wurde. Sie wurde 1745 auf dem Espenmoos enthauptet. Eine Näherin hatte sie wegen «allerhand teuflischer Praktiken» beim Oberamt Rorschach anklagte.

Otmar Elsener
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Das 100-jährige Eisenkreuz beim Hinterhof.

Das 100-jährige Eisenkreuz beim Hinterhof.

Bild: Otmar Elsener

Bildstöcke und Wegkreuze wurden oft zur Erinnerung oder zur Sühne an jenen Orten errichtet, wo Menschen wegen eines Verbrechens ums Leben kamen.

Ein Beispiel dafür ist ein Bildstock in der friedlichen Umgebung des steil ansteigenden Wegs von Goldach zum Weiler Iltenriet kurz nach dem Witenwald – dort, wo einst jahrhundertelang ein Sühnekreuz als Zeuge einer Bluttat stand. Das Kreuz wurde errichtet, um einen Totschlag zu sühnen und den Frieden zwischen verfeindeten Familien wiederherzustellen.

Die Täter kamen mit einer milder Strafe davon

An diesem der Eggersrieter Bevölkerung vertrauten Kirchweg nach Goldach trafen im Jahre 1535 die drei Eggersrieter Ulrich Riedener, Bastian Egger und sein Bruder Heinrich ihren Landsmann Töni Altheer. Sie gerieten in ein Streitgespräch, zückten ihre Dolche und schon lag Altherr in seinem Blut. Der Stich war tödlich tief. Die drei rauflustigen Gesellen erschraken ob ihrer Tat und flüchteten ins Asyl des Münsters in St.Gallen und von da ins Ausland. Nicht nur die Täter, sondern auch ihre Verwandten wurden geächtet und baten in der Not den Fürstabt Diethelm Blarer von Wartensee um Vermittlung.

In der Taverne Rorschach (heute Federerhaus) leitete der Kanzler des Fürstabts eine Tagsatzung mit dem Vogt von Rorschach und den Ammännern von Rorschach, Goldach, Mörschwil und Tablat. Es kam zu einer Verständigung. Die Täter mussten «nach altem christlichem Brauch» Busse tun. Diese bestand nebst anderen Handlungen im Errichten eines Kreuzes, «fünf Schuh hoch und drei Schuh breit». Die milde Busse entsprach dem damaligen Recht, die Blutrache galt noch und Totschlag im Zorn oder Streit wurde milde behandelt.

Der Tod einer unschuldigen Frau

Unter dem Waldrand in einer Wiese südlich über dem Weiler Hinterhof der Gemeinde Untereggen steht ein eisernes Kreuz. Das erinnert allerdings nicht an ein mildes Urteil, sondern an den grausamen Tod einer unschuldigen Frau. Im St.Galler Stiftsarchiv befinden sich Dokumente über den letzten St.Gallischen Hexenprozess, in dem ein Hochgericht vom 12. Juni 1745 eine vermeintliche Hexe zum Tode verurteilte. Der Goldacher Historiker Johannes Huber recherchierte über diesen dramatischen Prozess in den alten Gerichtsprotokollen. Die verurteilte Margaretha Suser stammte aus Matzingen TG und arbeitete bis 1741 als Köchin beim Unteregger Pfarrer Sebastian Nuffer. Obwohl ihr der Pfarrer abriet, heiratete sie den als schwierig geltenden Unteregger Johann Jakob Suser.

Schon bald war die Frau unglücklich und suchte Beistand im Pfarrhaus, wo inzwischen Pfarrer Nuffer mit Maria Grossmann eine neue Haushälterin angestellt hatte, die Margaretha eifersüchtig als Nebenbuhlerin betrachtete. Im Pfarrhaus war ab und zu die psychisch kranke Näherin Katharina Näf tätig, die Margaretha wegen «allerhand teuflischer Praktiken» beim Oberamt Rorschach anklagte. Erste Untersuchungen gegen Margaretha verliefen ergebnislos, doch später wurde sie erneut wegen schwarzer Magie eingekerkert. Durch schwere Folter gebrochen, gestand sie unmögliche Dinge. Das äbtische Strafgericht in St. Fiden verurteilte sie zum Tode. Sie wurde 1745 auf dem Espenmoos enthauptet und ihre Leiche verbrannt. Zwei Jahre später verliess der Pfarrer Untereggen und liess die Gemeinde verstört zurück.

Die Unteregger plagte ihr Gewissen

Unteregger und Untereggerinnen, die im Prozess gegen die Angeklagte ausgesagt hatten, empfanden nun eine moralische Mitschuld am Schicksal der Frau, die offenbar wegen eines Eifersuchtsdramas ihr Leben lassen musste. Laut dem Unteregger Restaurator Klaus Engler soll im Hinterdorf an der Wegkreuzung nach Schiben schon im 19. Jahrhundert ein Kreuz mit einer Schmerzensgruppe, bestehend aus den Figuren von Christus, Johannes und Maria, gestanden haben. Vermutlich hatten es Unteregger, geplagt von ihrem Gewissen, schon bald nach dem Tode von Katharina Suser als Sühne für das Geschehen errichtet.

Während über 100 Jahren stand nun im Hinterdorf ein Mahnmal für falsches Zeugnis, bis es 1916 ein heftiger Sturm aus Osten umwarf. Der Besitzer des Kreuzes, Kirchenpfleger Josef Lanter und der damalige Pfarrer sammelten Geld für ein neues würdiges Kreuz aus Gusseisen. Es stand auf einem Sockel, umgeben von einem Gärtchen, das von einem zierlichen Eisenzaun eingefasst war. Wegen einer Stallerweiterung versetzte es Josef Lanter auf den heutigen Platz auf seiner Wiese hoch über dem Weiler. Am ursprünglichen Standort an der Strasse liess Pfarrer Kuster 1951 ein neues Holzkreuz aufstellen, sodass in Untereggen seither zwei Kreuze an eine unglückselige Frau erinnern, die unschuldig sterben musste. Das Holzkreuz wurde im Winter oft wegen Glatteis angefahren, beschädigt und schliesslich 1999 durch das heutige ersetzt.

Das Kreuz als Grabstätte und Mahnmal

Zum über 100-jährigem Eisenkreuz unter dem Waldrand führt kein Weg, und vom Hinterdorf her ist es kaum erkennbar. Das Kreuz auf dem Steinsockel steht allein auf einer baumlosen Wiese. Der Blick auf das nahe Dorf und den weiten Bodensee ist umwerfend. Ein einzigartiger Ort für ein Grab. Die Eltern Josef und Hedy Lanter des heutigen Landbesitzers Heinz Lanter haben das Mahnmal stets gepflegt und in Ehren gehalten. Ihre Urnen sind beim Sockel beigesetzt worden. Das kleine Täfelchen für den Vater ist weggebrochen, auf demjenigen für die Mutter steht HEDY 1927-2015.

Kein Grab, aber immerhin dieses beeindruckende, selten besuchte fast zeitlose Kreuz erinnert an den Tod der unschuldigen Katharina Suser – ein Mahnmal, das auf eine ungute Zeit zurückblicken lässt, in der ein Menschenleben mit Verleumdung, Folter und falschem Zeugnis zerstört wurden.