Afghanischer Flüchtling schliesst Lehre als Käser in Muolen mit Note 5,6 ab

Hayatullah Mohammadi flüchtete aus einem Kriegsgebiet. In der Schweiz war ihm alles fremd - auch der Käse. Nun hat er seine Lehre bei der Käserei Eberle in Muolen glanzvoll abgeschlossen. 

Melissa Müller
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Eigentlich wollte Hayatullah Mohammadi Politik studieren. (Bild: Urs Bucher)

Eigentlich wollte Hayatullah Mohammadi Politik studieren. (Bild: Urs Bucher)

Es ist feucht und kühl im Keller der Käserei Eberle in Muolen, und es riecht leicht nach Ammoniak. Junge Männer mit breiten Schultern und kräftigen Käserhänden, stolze Vertreter der alten Schweizer Käsetradition, salzen und schmieren 3 500 Käselaibe. Unter ihnen der 34-jährige Hayatullah Mohammadi.

Aus Afghanistan geflohen, kam er vor vier Jahren in die Schweiz. Alles war ihm fremd – auch der Käse.

«An den Geschmack musste ich mich erst gewöhnen.»

In seinem Land gebe es keine Käsekultur. Nun brilliert Mohammadi in der Urschweizer Domäne: Kürzlich hat er seine Lehre zum Milchpraktiker mit der Note 5,6 abgeschlossen.

Der athletische Mann mit dem sanften Lächeln bleibt am liebsten im Hintergrund. Dass er von den Klassenkameraden zum «hilfsbereitesten Socializer» gewählt wurde, verschweigt er. Am liebsten wäre er auch nicht in die Zeitung gekommen, aber sein Lehrmeister Johannes Eberle insistiert. «Na los, Hayat, zieh dich um!», sagt er für den Fototermin. Mohammadi schlüpft in ein Firmen-T-Shirt mit einer Kuh und dem Motto «Aus Liebe zum Käse», setzt sich ein Haarnetz auf und posiert im Käsekeller.

Käse mit Rosen und ­Trüffeln

Hier ist Mohammadi im Element: Auf Holzbrettern reifen Appenzeller Käse neben crèmigen Delikatessen wie Mutschli mit Rosenblättern und schwarzen Trüffeln. Auch der «Bischofszeller Nachtwächter» steht da, der mit Rotweinhefe eingerieben wird. Der Käser nimmt einen Laib, wendet ihn, prüft die weisse Schimmelschicht. «Die Hefe­flora ist wichtig für die Oberfläche unserer Rotschmierkäse», sagt er. Mit ernster Miene fügt er hinzu:

«Man muss die Käse immer gut beobachten.»

Der Experte sticht in einen Laib und probiert ein Stück: Haben sich genug Löcher gebildet, ist der Käseteig geschmeidig und das Aroma gut?

Der Afghane Hayatullah Mahammadi im Käsekeller. (Bild: Urs Bucher)

Der Afghane Hayatullah Mahammadi im Käsekeller. (Bild: Urs Bucher)

Zu Beginn der Ausbildung sei er sprachlich überfordert gewesen. «Ohne meinen Lehrmeister hätte ich es nie geschafft.» Johannes Eberle büffelte mit seinem Lehrling vier Stunden pro Woche, jeweils am Feierabend. «Ich habe das gern gemacht, weil ich Hayats Potenzial und Wille gesehen habe», sagt der 29-Jährige, der in Muolen in vierter Generation käst und nebenbei Rugby spielt.

Dabei wollte Hayatullah Mohammadi ursprünglich Politik studieren, «um etwas zu verändern am korrupten System», wie er sagt. «Aber jetzt ist es auch gut, wie es ist.» In der Schweiz habe man viele Möglichkeiten. «Man kann in diesem Land viel erreichen.»

In Afghanistan hingegen wurde er mit 16 Jahren gezwungen, in den Krieg zu gehen. Er floh in den Iran, wo er schwarz auf dem Bau arbeitete. Der Jugendliche sparte Geld für ein Studium, wurde aber an der Universität nicht zugelassen. «Weil ich keine Bewilligung hatte, musste ich mich am Arbeitsplatz oft verstecken, wenn die Polizei Kontrollen durchführte.» Eines Tages wurde er festgenommen, nach Afghanistan zurück gebracht und erneut ins Militär geschickt. Der junge Mann flüchtete in die Schweiz. Lebte in Asylunterkünften in Lugano und Altstätten, bis er der Gemeinde Muolen zugeteilt wurde.

«Der einzige Satz Deutsch, den ich konnte, war: Ich suche Arbeit.»

Die Bauernfamilie Gabler, mit der er bis heute befreundet ist, gab ihm Arbeit. Sie empfahlen ihm, eine Ausbildung zu machen – und vermittelten ihm die Lehrstelle. Die Gablers beliefern Eberle mit Büffelmilch für den «Buffalo Joe».

Jeden Tag werden 
80 Laibe gekäst

Mohammadi wohnt neben der Käserei. Morgens um 5 Uhr beginnt sein Tagewerk. Die fünf Käser holen bei acht Bauern 6000 Kilo Rohmilch ab, die sie im Kupferchessi zu 80 Laiben verkäsen. Sie stellen auch Quark, Joghurt und Butter her. Um 8 Uhr frühstücken die Männer zusammen, dann wird weiter gearbeitet. Ein Handwerk, das zum grossen Teil auch aus Putzen besteht.

Im Kupferchessi des Muolener Betriebs werden täglich 80 Laibe gekäst. (Bild: Urs Bucher)

Im Kupferchessi des Muolener Betriebs werden täglich 80 Laibe gekäst. (Bild: Urs Bucher)

Der Chef will Mohammadi im Team behalten. «Er ist ein guter Typ und bringt dem Betrieb viel.» Als nächstes nimmt Mohammadi die dreijährige Ausbildung zum Milchtechnologen in Angriff. Irgendwann, sagt der Junggeselle, würde er gern heiraten und eine Familie gründen. Mit Sorge verfolgt er die politischen Ereignisse in seiner Heimat. Dennoch träumt er davon, eines Tages zurückzukehren. 

«Ich würde den Bauern in Afghanistan gern zeigen, wie man guten Käse macht.»