Abstimmung
Steinach sagt deutlich Nein zum Hochhaus – Gemeindepräsident gibt sich selbstkritisch: «Wir haben es verpasst, die Vorteile aufzuzeigen»

Selten hat ein Thema in Steinach derart polarisiert wie das geplante Hochhaus Terra Nova an der Grenze zu Arbon. Am Sonntag nun haben die Steinacher Stimmberechtigten über den revidierten Rahmennutzungsplan abgestimmt, der das 65 Meter hohe Gebäude ermöglicht hätte. 531 legten ein Ja in die Urne, 1015 ein Nein. Gemeindepräsident Michael Aebisegger ist enttäuscht. Das Referendumskomitee stösst derweil an.

Perrine Woodtli
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Das Immobilienunternehmen HRS plante in Steinach seit Jahren ein Hochhaus. Dieses wäre mit 65 Metern der höchste Wohnturm der Ostschweiz gewesen. Der vorgesehene Standort wurde zuletzt als Parkplatz genutzt.

Das Immobilienunternehmen HRS plante in Steinach seit Jahren ein Hochhaus. Dieses wäre mit 65 Metern der höchste Wohnturm der Ostschweiz gewesen. Der vorgesehene Standort wurde zuletzt als Parkplatz genutzt.

Visualisierung: PD

Es war das Gesprächsthema in Steinach in den vergangenen Monaten. Nun herrscht Gewissheit: Die Stimmberechtigten lehnen den revidierten Rahmennutzungsplan deutlich ab und bereiten den umstrittenen Hochhaus-Plänen an der Grenze zu Arbon damit ein Ende. 1015 Steinacherinnen und Steinacher legten ein Nein in die Urne, bloss 531 ein Ja. Die Stimmbeteiligung lag bei 70,2 Prozent.

Mit der Revision des Rahmennutzungsplans wollte der Steinacher Gemeinderat die Voraussetzungen schaffen, damit das Immobilienunternehmen HRS das 65 Meter hohe Hochhaus Terra Nova mit rund 100 Wohnungen für 200 bis 250 Mieterinnen und Mieter bauen kann. Gegen diese Pläne wurde jedoch das Referendum ergriffen, darum kamen Zonenplan und Baureglement an diesem Sonntag an die Urne.

Den Volksentscheid erwirkt hat die IG für eine demokratische Ortsplanung, die im Sommer das erste Referendum in der Dorfgeschichte ergriffen hat. 859 Unterschriften kamen zusammen und verdeutlichten, dass die Bevölkerung die Ortsplanung mit Hochhaus nicht allein dem Gemeinderat überlassen will.

Für die einen ein Fremdkörper, für die anderen eine Chance

An der Hochhaus-Frage schieden sich die Geister. Die Argumente der Gegnerinnen und Gegner: Im ländlich geprägten Bodenseedorf sei ein massiv zu hohes Haus ein Fremdkörper, der einer massvollen Entwicklung widerstrebe und nichts zum Zusammenhalt der Bevölkerung beitrage. Das Steinacher Hochhaus würde in der lieblichen Seelandschaft «einsam und verloren dastehen». Steinach solle ein charmantes Fischerdorf bleiben, war oft zu hören.

Anders klang es bei den Befürwortern und dem Gemeinderat: Bis 2040 wächst Steinach um rund 600 Personen. Im Hochhaus könnten mit einem geringen Platzverbrauch viele dieser Menschen Wohnraum finden. «Das Hochhaus ist eine Chance für Steinach», war auf dieser Seite oft zu hören. Das am Dorfrand geplante Gebäude wäre ein Gewinn für die Infrastruktur, für die Finanzen und die Steuern der Gemeinde.

Finanzen bereiten dem Gemeindepräsidenten Sorge

Michael Aebisegger ist die Enttäuschung am Sonntagnachmittag anzuhören. Der Steinacher Gemeindepräsident wusste, dass die Anzeichen auf Ablehnung standen. Trotzdem hatte er eine kleine Hoffnung, dass es doch noch knapp für ein Ja reichen wird. Er sagt:

«Natürlich bin ich enttäuscht. Ich bin aber auch besorgt.»
Michael Aebisegger, Gemeindepräsident Steinach.

Michael Aebisegger, Gemeindepräsident Steinach.

Reto Martin

Denn die Abstimmung wirke sich auf die Finanzen der Gemeinde aus. Während die Steinacherinnen und Steinacher am Sonntag den Rahmennutzungsplan abgelehnt haben, genehmigten sie den Bau einer neuen Sporthalle für 13,5 Millionen Franken.

Die Gemeinde gebe nun also erneut Geld aus, während sich die bauliche Entwicklung weiterhin verzögere, sagt Aebisegger. «Die Einnahmen stagnieren, die Ausgaben wachsen. Das Spannungsfeld verschärft sich. Die heutige Abstimmung trägt zusätzlich dazu bei.» Um die Gemeindefinanzen längerfristig ins Lot zu bringen, wäre dringend auch eine Steigerung der Steuerkraft angezeigt. Nun könnte eine Anpassung des Steuerfusses nötig werden.

Versäumnisse der vergangenen Jahre aufarbeiten

Angesprochen auf das deutliche Resultat gibt sich Aebisegger selbstkritisch. «Der Rahmennutzungsplan und auch das Hochhaus wären eine Chance für Steinach gewesen.» Seit 2006 habe man gemeindeübergreifend mit Arbon die Arealentwicklung an der Gemeindegrenze geplant.

«Wir haben es in den 15 Jahren nicht geschafft, den Einwohnerinnen und Einwohnern die Vorteile aufzuzeigen. Die Gemeinde hat hier sicher einiges versäumt.»

Es sei offensichtlich, dass die Steinacher kein Hochhaus wollen. «Das respektiere ich. Ich verstehe, dass sich in einem Dorf nicht jeder damit identifizieren kann», sagt Aebisegger. Bei der Abstimmung über den Rahmennutzungsplan sei es zwar nicht nur ums Hochhaus gegangen, dieses sei aber sicher das Hauptthema gewesen.

Der Gemeinderat werde sich nun mit der Frage auseinandersetzen, wo stattdessen die innere Verdichtung in Steinach stattfinden könnte. «Wir wollten diese am Dorfrand vorantreiben. Nun müssen wir andere Standorte in der Gemeinde prüfen.» Man werde zudem das Abstimmungsresultat analysieren. «Wir werden das Ganze sauber aufarbeiten», sagt Aebisegger. Sodass man bei der nächsten Vorlage dann rasch durch den Prozess komme.

Referendumskomitee würde gerne mitwirken

Auf der anderen Seite wird derweil angestossen. Er freue sich über das schöne Resultat, sagt Otto Hädinger, Mitglied des Referendumskomitees und Ortsgemeindepräsident. «Es ist super, dass sich die Steinacherinnen und Steinacher so entschieden haben. Vor allem in diesem Ausmass.» Ihnen sei es in erster Linie aber darum gegangen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner über dieses Vorhaben abstimmen können.

Für Hädinger gibt es mehrere Gründe, weshalb die Stimmberechtigten sich gegen ein Hochhaus aussprachen. Der vorgesehene Platz direkt an der Umfahrungsstrasse und an der Eisenbahnlinie sei nicht fürs Wohnen geeignet, sagt Hädinger. «Dort ist es wie im Ghetto.» Er ist zudem überzeugt:

«Das Hochhaus wäre nie ein Bestandteil von Steinach gewesen.»

Er hoffe nun, sagt Hädinger, dass der Gemeinderat die richtigen Schlüsse ziehe und Verbesserungen bei der nächsten Vorlage anbringe. «Vielleicht lädt er das Referendumskomitee ja auch zur Mitwirkung ein. Wir würden nicht Nein sagen.»

Auch HRS hat sich am Sonntag zur Abstimmung in Steinach geäussert. Das geplante Hochhaus sei nun vom Tisch, schreibt das Unternehmen. Man bedauere dies und werde für das Areal mittelfristig ein anderes Projekt entwickeln.

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