Abschreiben gegen die Sorge: Pfarrer sucht 1189 St.Gallerinnen und St.Galler, um eine Coronabibel zu schreiben

Ein Pfarrer und ein Seelsorger wollen die Menschen in Zeiten von Social Distancing verbinden. Sie lassen sie die Bibel abschreiben. Das Dokument soll für die Nachwelt in Stiftsbibliothek aufbewahrt werden.

Diana Hagmann-Bula
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Die Bibel verbindet auch heute noch: Roman Rieger (l.) und Uwe Habenicht lassen eine St.Galler Abschrift entstehen.

Die Bibel verbindet auch heute noch: Roman Rieger (l.) und Uwe Habenicht lassen eine St.Galler Abschrift entstehen.

Bild: Urs Bucher

Mal ist da Angst. Dann Hoffnung, dass es nicht so schlimm kommen möge wie anderswo. Ein paar Stunden später sieht man das Positive. Mehr Zeit mit der Familie, mehr Zeit für alles. Und plötzlich ist da wieder Angst. Wellen der Mutlosigkeit nennt Uwe Habenicht, Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell St.Gallen-West, dieses Gefühlschaos in Coronazeiten.

«In der Ostschweiz geht es uns relativ gut. In den Nachrichten sehen wir aber, wie sich die Lage zuspitzen kann. Das beschäftigt.»

Habenicht ist mit seiner Familie erst vor zweieinhalb Jahren in die Region gezogen. Davor hat er in der italienischen Region Lombardei gelebt, die so stark vom Virus betroffen ist. «Mich bewegt die Situation umso mehr.» Immer wieder telefoniert er mit den Freunden im Ausland. Seit Wochen sitzen sie in ihren Häusern und bangen. «Das hört man ihnen an.» Mit jedem Anruf habe sich sein Gefühl verstärkt, etwas unternehmen zu müssen. Etwas, das trotz Social Distancing Verbundenheit schafft.

Auch für Seufzer und ­Erleuchtungen hat es Platz

Die letzten Wochen haben gezeigt, was uns fehlt, wenn sich das Leben fast nur noch auf die eigenen vier Wände beschränkt. Es ist nicht das Verreisen, es ist nicht das Ausgehen, es sind die sozialen Kontakte. Deshalb startet Habenicht zusammen mit Roman Rieger, Leiter des Cityteams der katholischen Kirche im Lebensraum St.Gallen, eine Aktion, «die Menschen aus dem Einzelnen rausholt und sie sich als Teil einer grossen Gemeinschaft fühlen lässt».

Die Idee der Seelsorger: die Bibel von Hand abschreiben. Dazu braucht es viele Menschen, sehr viele. So viele, wie die Bibel Kapitel hat, haben sich die beiden gedacht. 1189 Frauen und Männer aus der Stadt und Umgebung sind als Schreiberlinge gefragt. Die Mitwirkenden, sie geben ihre Arbeit, ihre Handschrift. Dafür bekommen sie Zerstreuung. «Schreiben bedeutet, den Horizont zu öffnen und sich eine Auszeit zu nehmen von den Sorgen», sagt Habenicht. Schreiben könne Meditation sein. Etwas Vorgegebenes wiedergeben und dabei ruhig werden.

«Ausserdem tut es gut, in der Geschichte zu bohren. Es wird zeigen, dass schon vor uns Menschen Angst hatten.»

Schreiben ist auch Relativieren. Wer mag, kann sich selber einbringen. Mit Illustrationen, mit Kommentaren. «Auf letztere freue ich mich besonders», sagt Habenicht. Eine Frau, die ihr Stück bereits eingereicht hat, erklärt etwa, warum sie sich für einen bestimmten Psalm entschieden hat. «Weil sie ihn am Sterbebett ihrer Grossmutter kennengelernt hat.» Für Geschichten wie diese, für Seufzer, Hoffnungsschreie, Erleuchtungen, Abgründe, «für alles hat es Platz». Auch für andere Sprachen. Jeder Mitwirkende könne das ausgesuchte Kapitel in seiner Muttersprache festhalten. Habenicht hofft auf Beiträge von Äthiopisch bis Arabisch. «Die St.Galler Coronabibel soll die Buntheit des Lebens abbilden. Und zeigen, dass unsere Stadt noch immer so international ist wie die Klostergemeinschaft einst.» Mit der Coronabibel knüpfe man an eine alte Tradition an:

«Schon die Mönche des Klosters wussten um die heilende und befreiende Wirkung des Schreibens. Schreiben verbindet über die Zeiten hinweg.»

Und über die Zeiten hinweg soll auch die jetzige St.Galler Abschrift bestehen. Sie wird in der Stiftsbibliothek aufbewahrt werden.

Wer die Bibel abschreiben will, muss weder schön schreiben können noch zwingend gläubig sein. Auch Fremdsprachen sind erlaubt.

Wer die Bibel abschreiben will, muss weder schön schreiben können noch zwingend gläubig sein. Auch Fremdsprachen sind erlaubt.

Urs Bucher

Man muss kein Schönschreiber sein

Stiftbibliothekar Cornel Dora hätte die Coronabibel gerne auf alterungsbeständigem Papier verewigt gesehen, das sich weniger schnell zersetzt als herkömmliches. «Unsere Dokumente sind für die Ewigkeit. Mit der Coronabibel, einem bemerkenswertem Zeugnis dieser ausserordentlichen Zeit, soll es nicht anders sein», sagt er. Dennoch musste sich Seelsorger Roman Rieger für «einen pragmatischeren Weg» entscheiden. Und damit für normales Kopierparpier à 80 oder 100 Gramm. «Jeder hat es daheim und muss so nicht raus und bleibt sicher», sagt Rieger, der für das Organisatorische zuständig ist.

Per Doodle kann man sich das Kapitel sichern, das man abschreiben möchte. An Pfingsten ist Abgabetermin. Dann wird Rieger per Mail jene Teilnehmer erinnern, die ihr Stück noch nicht eingereicht haben.

Müssen die Mitwirkenden besonders schön schreiben können? Nein, heisst es. Müssen sie gläubig sein? Auch nicht. Vielleicht bereitet es Frommen zwar besonders viel Spass, die Bibel mit Tinte wiederzugeben. Aber auch Literaturinteressierte dürften ihre Freude daran haben. Menschen mit Kaligraphie als Hobby oder Personen, die sich einfach etwas Psychohygiene gönnen wollen.

«Wir werden uns um den Hals fallen»

Rieger und Habenicht, sie sind überzeugt, dass die Coronakrise auch ihr Gutes hat. «Sie ist eine Zeit des Sortierens. Nicht nur im Haus, auch innerlich. Wir werden erkennen, dass wir einander brauchen.» Umso passender scheint da der Abschluss des Projekts: ein Fest, bei dem die St.Galler Corona­bibel der Stiftbibliothek überreicht wird. «Wir werden uns um den Hals fallen. Und geniessen, dass wir das wieder dürfen.» Der Ort: die Kathedrale. Der Termin: nicht bekannt. Weiss Gott, wann das Virus wieder abflacht.

Abschreiben gegen die Sorge: «Die Coronabibel soll die Buntheit des Lebens abbilden»

Ein Pfarrer und ein Seelsorger wollen die Menschen in Zeiten von Social Distancing verbinden. Sie lassen sie die Bibel abschreiben. 

Diana Hagmann-Bula
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