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Festspiele und Open Air - am einen Ort Abendroben, am anderen Gummistiefel

Dieses Wochenende steht die Stadt St. Gallen im Zeichen der Musik. Oper und Rock’n’Roll sind angesagt. An den Festspielen duftet es nach Chanel No. 5, am Open Air nach Patchouli.
Daniel Wirth
Bei den Festspielen dominiert elegante Kleidung - am Open Air muss das Outfit vor allem praktisch sein. (Bilder. Urs Bucher/Ralph Ribi

Bei den Festspielen dominiert elegante Kleidung - am Open Air muss das Outfit vor allem praktisch sein. (Bilder. Urs Bucher/Ralph Ribi

Drums, Saxofon und elektrische Gitarre hier; Pauke, Oboe und Violine dort: Unten im Sittertobel geht bis Sonntagabend das 42. Open Air über die Sitter- und die Sternenbühne, und oben auf dem Klosterplatz hat gestern Abend an den St. Galler Festspielen die Oper Edgar von Giacomo Puccini ihre Premiere gefeiert.

Im Sittertobel wird seit Donnerstag gechillt. Tonnenweise Material hat das Jungvolk ins Tal geschleppt. Wie jedes Jahr. Und es hat für vier Tage eine farbenfrohe Zeltstadt aufgebaut – fern aller Hektik, weg vom Asphalt und vom Verkehr, alles ohne Stress. Einfach ab ins Tobel! Die vier Tage an der Sitter sind anders getaktet als der Alltag. Die Besucher geben sich lockerer, ausgelassener und fröhlicher als gewöhnlich. Für vier Tage ist das Smartphone ausnahmsweise nicht das wichtigste im Leben. Spontan geht es zu und her, Face to Face. Man kennt sich. Oder lernt sich sehr schnell kennen.

Alles très chic bei «Edgar»

Szenenwechsel: Auf dem Klosterplatz versammelten sich gestern Abend die Premierengäste. Die Männer im dunkeln Anzug, die Frauen in schönen, festlichen Kleidern. Alles très chic, schön frisiert und makellos. Auch diese drei Premierenstunden sind für die Opernfreunde anders als der Alltag. Herausgeputzt und in feinem Tuch sind sie gekommen, die St. Galler Freunde klassischer Musik. Beim Smalltalk wird angestossen, mit Weisswein und Champagner. Nach der Premiere gibt es fein sortierte Häppchen.

Zurück ans Open Air. Das stundenlange Warten vor dem Eingang, das Abkühlen des sonnenverbrannten Nackens, das Aufbauen des Zeltes und die erste durchgefeierte Nacht sind überstanden. Die Wiese ist feucht am Freitagmorgen. Die Gesichter haben Entfaltungsmöglichkeit. In der Stadt kultivieren sich an den Brunnen ein paar wenige Verkaterte. Man braucht sich um sie nicht zu sorgen. Sie werden weiter feiern; das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Für viele Junge bedeutet das Open Air vier Tage Ausnahmezustand – im Positiven. Arbeitsplatz, Lehrmeister und Elternhaus sind gefühlte Lichtjahre entfernt. Es ist ein Happening, ein nachhaltiges, von dem man bis zum Juni 2019 sprechen wird: «Weisch no?»

Mitreden beim Cüpli danach

Während viele Musikfans am St. Galler Open Air mehr Gas geben als im grossen Rest des Jahres, nimmt’s die «Edgar»-Premierengesellschaft gemach, noch ruhiger und abgeklärter als üblich. Zugegeben: Der Klosterplatz ist auch ein anderer Rahmen als die Wiesen an der Sitter, ein gepflegterer, mitten im Unesco-Weltkulturerbe. Eine Oper erfordert Aufmerksamkeit; schliesslich will man beim Cüpli danach über den Inhalt des Puccini-Werks und die Ausdruckskraft der Protagonisten gewählt mitreden können. Dennoch: Für viele ist die Oper, gerade diejenige unter freiem Himmel, vor allem eins: dem Schönen zugewandte Entspannung.

Auf dem Klosterplatz spielt die Oper die Hauptrolle, im Sittertobel steht der Rock’n’Roll nicht gleichermassen im Vordergrund. Es gibt am Open Air «Fans», die schaffen es an vier Tagen nie näher als 200 Meter vor die Bühne. Was soll’s? Die Musik im Sittertobel läuft für viele im Background. Hauptsache, die Kohle im Grill glüht vier Tage durch und das Bier ist kühl genug. Partymachen macht hungrig und durstig. Fein sortierte Häppchen und Roastbeef sind im Sittertobel die falsche Verpflegung. Bratwurst, Risotto und Bami Goreng sind angesagt. Manche drehen ein Spanferkel über dem Feuer.

Im Sittertobel riecht es bis Sonntagabend nach Schlamm, der von der Sonne getrocknet wird. Nach Grilladen. Nach Patchouli und Cannabis. Im Klosterhof dagegen duftet es nach Channel No. 5 und anderen exklusiven Parfums.

Stil-Ikonen auch auf der Sitterbühne

Augenfällig ist das unterschiedliche Schuhwerk, das die Premierengäste und die Open-Air-Besucher an den Füssen tragen: Unten im Tal dominieren Gummistiefel, Wander- und Turnschuhe, auf dem Klosterplatz hochhackige Pumps und Edeltreter aus feinem Leder und mit dünnen Sohlen.

Die Gesellschaften an den St. Galler Festspielen und am St. Galler Open Air könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch für beide stellt der Besuch des musikalischen Anlasses ein Ausbrechen aus dem Alltag dar. Mit Depeche Mode spielen heute Abend Stil-Ikonen der 1980er-Jahre auf der Sitterbühne. Gut möglich, dass sich der eine oder andere Klassikliebhaber, der gestern an der «Edgar»-Premiere war, heute ins Sittertobel wagt. Ganz wichtig ist dabei: Schuhwerk wechseln.

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