Ab in die Rente, so Gott will: Der Wittenbacher Diakon Ueli Bächtold verabschiedet sich

Ueli Bächtold geht in Pension. Der Diakon hat seine Zeit jenen Menschen gewidmet, die Hilfe benötigen. Am 8. Februar findet sein Abschiedsgottesdienst statt.

Perrine Woodtli
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In seiner Wohnung geniesst Ueli Bächtold einen weiten Blick in die grüne Wittenbacher Landschaft hinaus. Das Klangspiel benutzt er manchmal in seinen Gottesdiensten. Es symbolisiert den Einklang mit Gott.

In seiner Wohnung geniesst Ueli Bächtold einen weiten Blick in die grüne Wittenbacher Landschaft hinaus. Das Klangspiel benutzt er manchmal in seinen Gottesdiensten. Es symbolisiert den Einklang mit Gott.

Bild: Ralph Ribi (31. Januar 2020)

Im Bücherregal reihen sich zahlreiche Lektüren aneinander, die Bilder an den Wänden zeigen Landschaften und Tiere, auf den Holzmöbeln stehen überall Kerzen, in der Ecke liegt eine Akustikgitarre. Bis 2008 wurden hier, in Ueli Bächtolds Stube, noch Speisen serviert.

Der Wittenbacher wohnt in der ehemaligen Wirtschaft zum Erlacker. Am 1775 erbauten blauen Riegelhaus hängt immer noch das Schild. «In den ersten Jahren kamen oft Spaziergänger vorbei, die etwas trinken wollten und nicht wussten, dass das Lokal geschlossen ist», sagt Bächtold.

«Manche habe ich dann im Garten zu einem Bier eingeladen.»

Spielt Ueli Bächtold nicht gerade Gastgeber, kümmert er sich um die Anliegen der Wittenbacherinnen und Wittenbacher. Er ist Diakon der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat, zuvor war er in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Nach über 30 Jahren in Wittenbach geht er nun in Pension. Just an seinem 65. Geburtstag, am 8. Februar, findet der Abschiedsgottesdienst statt.

Armut ist nach wie vor die Realität

Zahlreiche Leute hätten ihn auf seinen Ruhestand angesprochen, sagt Bächtold. «Viele finden es schade, dass ich gehe.» Dass einige Menschen ihn vermissen werden, verwundert nicht. Bächtold, ursprünglich ein «Züriseebueb» aus Thalwil, ist ein umtriebiger Mensch, ein Macher-Typ, wie er selber sagt.

Als Diakon ist er für den Beratungs- und Sozialdienst zuständig, er übernimmt aber auch pfarramtliche Aufgaben wie Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten, Abdankungen und den Konfirmandenunterricht. In den letzten Jahren hat sich Bächtold zudem für unzählige Projekte in Wittenbach engagiert.

Zu einem seiner grössten Erfolge zählt der K-Treff. Dort können Armutsbetroffene jeden Mittwoch Lebensmittel für einen symbolischen Franken beziehen. 60 bis 70 Leute kaufen laut Bächtold jede Woche für rund 200 Mäuler ein. 2019 feierte der Treff sein zehnjähriges Bestehen. «Das macht mich stolz.»

Armut gebe es in Wittenbach aber nach wie vor, vor allem Altersarmut. 2019 waren 340 Personen auf Sozialhilfe angewiesen. «Ich stelle fest, dass Schweizer eher Mühe haben, in den K-Treff zu kommen. Sie wollen sich diese Blösse nicht geben.» 85 Prozent der «Kunden» im K-Treff seien Ausländer.

Kulturen einander näherbringen

Ueli Bächtold hat aber nicht nur den K-Treff ins Leben gerufen, sondern 2011 auch den Mittagstisch für Menschen, die nicht alleine essen wollen. Auch dass Wittenbacher gemeinsam Weihnachten feiern können, ist ihm zu verdanken.

Er hat zudem viele Kurzprojekte realisiert, unter anderem die «Sicht-Bar». Bei diesem Projekt haben sich Sechstklässler mit Flüchtlingen ausgetauscht. Bächtold ist auch Mitglied des Vereins «etwas – Raum für Ideen», der das Näh-Café organisiert, und in der Arbeitsgruppe Integration.

Die Integration und Kulturen einander näherzubringen, liegt Bächtold am Herzen. 2018 hat er sich für einen Eritreer in Wittenbach eingesetzt, der nach vier Jahren die Schweiz verlassen musste. Immer wieder hat er zudem Anlässe organisiert, an denen über andere Kulturen berichtet wurde.

Einmal hielt er einen Vortrag über die Roma. «Durch meine Arbeit kam ich in Kontakt mit einigen Roma, die mich immer nach Geld fragten», sagt Bächtold. «Ich wollte ihnen aber nicht einfach etwas geben, sondern sie kennen lernen und wissen, woher sie kommen.» Er fuhr schliesslich in ihre Heimat, in die ostslowakische Stadt Sabinov. «Die Slums dort sind mir sehr nahe gegangen.»

Er wolle allen Menschen ein Gesicht geben und Vorurteile abbauen. «Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Und jeder hat seine dunklen Seiten. Nur weil jemand nicht ins Schema passt, heisst das nicht, dass ich ihn verurteilen darf.» Hatte er schon immer diese soziale Ader? «Nicht unbedingt», antwortet Bächtold

«Aber einen Gerechtigkeitssinn. Wenn in der Schule jemand unfair behandelt wurde, ging mir das auf den Keks.»

Etwas, auf was er ebenfalls gerne zurückschaut, ist seine Zeit bei der Kinder- und Jugendarbeit. Dort hat er die Jungschar aufgebaut. «Ich habe dort immer gerne Geschichten erzählt. Das mache ich heute noch oft in Gottesdiensten.» Rund 20 Jahre arbeitete er dort, als er und seine Frau sich scheiden liessen. Bächtold brauchte eine Pause. Er studierte in Zürich Tiefenpsychologie. Vor 15 Jahren wechselte er dann in die Diakonie.

Bei ihm geht es zu wie im Bienenhaus

Als Diakon war ihm von Beginn weg ein offenes und lebendiges Kirchenzentrum wichtig. In seinem Büro herrsche ein grosses Hin und Her. «Oft geht es zu wie im Bienenhaus.» Jeder will etwas von Bächtold. Der eine kommt mit einer Zahnarztrechnung, der andere braucht eine Beratung. Rund 20000 Franken geben die Kirchgemeinde und soziale Institutionen jährlich für Bedürftige aus. Oft muss Bächtold zuerst Abklärungen tätigen und Gesuche stellen. Diesen Teil mag er am wenigsten.

Ihm ist es wichtig, die Menschen nicht einfach mit Geld abzuspeisen. «Es geht darum, ihnen zu sagen: Hey, ich brauche dich.» Die Leute aus der Isolation holen, sie wertzuschätzen, ihnen eine Aufgabe geben und zeigen, dass sie so wichtig sind, – das ist es, was Bächtold will.

Viele, die in sein Büro kommen, brauchen auch einfach einen Zuhörer. Zuhören statt bloss reden – auch das ist Bächtold wichtig. In Gottesdiensten benutzt er deshalb gerne ein Klangspiel. Dieses symbolisiere, im Einklang mit Gott zu sein. Gott und der Glaube komme in seinem Büro aber nur zur Sprache, wenn dies gewünscht sei.

Täglich ist Bächtold mit den unterschiedlichsten Schicksalen konfrontiert. Er könne diese relativ gut wegstecken. Er hat ein Ritual.

«Wenn ich abends nach Hause komme, ziehe ich mich zuerst um. Mit den Kleidern lege ich auch alles andere symbolisch ab.»

Abschalten kann er beim Fotografieren, seiner Leidenschaft. 2015 hatte er eine eigene Ausstellung im Schloss Dottenwil. «Wenn ich draussen in der Natur bin, ist das Erholung pur», sagt Bächtold. «Wenn ich auf den perfekten Moment warte, hat das etwas Heiliges.» In der Natur erlebe er auch Gott.

Ein Bild von Ueli Bächtold.

Ein Bild von Ueli Bächtold.

Bild: PD

Mit dem Camper zu den Lofoten

Offiziell beginnt Bächtolds Pension Ende Februar. Er wird in der ersten Märzwoche aber noch seine Nachfolgerin Monica Thoma einarbeiten. Er freut sich auf den Ruhestand – und will erst einmal gar nichts machen. Im Frühling geht er Tiere fotografieren im Burgenland. Künftig hat er zudem mehr Zeit, seine drei Töchter und die drei Enkel zu sehen. «Ich plane aber nicht voraus und lasse es auf mich zukommen.»

Einen Wunsch hat er aber: Im Sommer will er mit einem Camper nach Dänemark und nach Norwegen zu den Lofoten reisen. Er könne sich gut vorstellen, sich dereinst in Wittenbach freiwillig zu engagieren. «Inshallah, so Gott will.»

Zunächst steht aber der Abschiedsgottesdienst an. Bächtold wird das tun, was er am liebsten macht: eine Geschichte erzählen. Und es gibt Musik. «Die Band wird mein Lieblingslied spielen. Darauf freue ich mich.» So wird am 8. Februar «A Sky Full Of Stars» von Coldplay in der Kirche zu hören sein. Nach dem Gottesdienst gibt es einen Apéro. Danach feiert Bächtold seinen Geburtstag. Dann heisst es schon bald: Büro räumen.

Hinweis: Abschiedsgottesdienst; 8. Februar, 17 Uhr, Kirche Vogelherd.

Die Perspektive wechseln

WITTENBACH. Als Diakon und Sozialberater wird Ueli Bächtold mit Erlebnissen konfrontiert, die ihn nachdenklich stimmen. Einen Ausgleich findet er in der Natur, die er fotografisch festhält.
Angelina Donati