Die Stadt St.Gallen setzt auf kleine Antennen

Auch in St. Gallen löst 5G Kontroversen aus. Der Stadtrat verteufelt die neue Mobilfunkgeneration nicht, setzt aber auf Alternativen.

Daniel Wirth
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Die grossen Telekommunikationsunternehmen Swisscom, Sunrise und Salt wollen 5G so rasch wie möglich anbieten können.

Die grossen Telekommunikationsunternehmen Swisscom, Sunrise und Salt wollen 5G so rasch wie möglich anbieten können.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 19. Dezember 2019)

5G ist ein Riesenthema. Die Fachleute der Dienststelle Umwelt und Energie der Stadt St.Gallen und der St.Galler Stadtwerke befassen sich deshalb intensiv mit der neuen Mobilfunkgeneration. Wie wichtig das ist, zeigte eine Informationsveranstaltung Ende November im Centrum St.Mangen: Die Emotionen gingen hoch, der Anlass drohte aus dem Ruder zu laufen. 5G-Gegner warnten enerviert vor einer gesundheitsgefährdenden Strahlenbelastung aufgrund erhöhter Anlagegrenzwerte.

Stadtrat Peter Jans, Vorsteher der Direktion Technische Betriebe, nimmt diese Bedenken ernst, wie er an der Informationsveranstaltung der Dienststelle Umwelt und Energie sagte. Bei den St.Galler Stadtwerken (SGSW) ist man positiv eingestellt gegenüber der neuen Mobilfunkgeneration, wie Peter Stäger, Bereichsleiter Netz Elektrizität und Telekommunikation, sagt.

Die neue Technologie biete grosse Chancen, sagt Stäger. Er erwähnt eine vielfach gesteigerte Übertragungsrate und die möglich werdende Reaktion in Echtzeit. Die Stadt wolle den Anschluss nicht verpassen, sagt Stäger auch mit Verweis auf die steigende Zahl Arbeitsplätze in der IT in der Stadt St.Gallen.

Die grossen Telekommunikationsunternehmen Swisscom, Sunrise und Salt wollen 5G so rasch wie möglich anbieten können. Sie rechnen bis 2024 mit einem fünffachen mobilen Datenvolumen, wie der Schweizerische Verband der Telekommunikation (Asut) in einem Faktenblatt zum Fachbericht der interdisziplinären «Arbeitsgruppe Mobilfunk und Strahlung» festhält.

Der mit Spannung erwartete Bericht wurde wenige Tage nach der emotionsgeladenen Informationsveranstaltung in St.Gallen vom Bund vorgestellt. Asut kommentiert ihn so: Mit zusätzlichen Frequenzen sowie höheren Rechenkapazitäten sei 5G reaktionsschneller und erlaube massgeschneiderte Lösungen etwa für Polizei und Sanität, für den ÖV oder für Steuerungen der Industrie.

40 weitere Antennen wären für Mikrozellennetz optimal

Dass 5G für Blaulichtorganisationen sinnvoll ist, bestreiten die Fachleute der Dienststelle Umwelt und Energie und von den Stadtwerken keineswegs. Für deren sicherheitsrelevanten Funkdienste sei eine flächendeckende Versorgung nach wie vor notwendig. Solche Dienste könnten priorisiert werden, bräuchten aber weder enorme Bandbreiten noch hohe Feldstärken.

Für die meisten Mobilfunk-Anwendungen in der Innenstadt bevorzugt die Stadt aber ein Mikrozellennetz anstatt den Ausbau von Makro-Antennen. Harry Künzle, Leiter der Dienststelle Umwelt und Energie, sagt, viele schwache Antennen seien in Bezug auf die Strahlung sinnvoller als wenige starke.

Harry Künzle, Leiter «Umwelt und Energie»

Harry Künzle, Leiter «Umwelt und Energie»

Urs Jaudas

Seit 2012 gibt es in der Innenstadt das «St.Gallen Wireless». Hierfür wurden zwischen Klosterbezirk und Hauptbahnhof rund 40 Antennen installiert, wie Andreas Küng von der Dienststelle Umwelt und Energie sagt. Um mit einem Mikrozellennetz sinnvoll flächendeckend eine Versorgung der gesamten Innenstadt zu gewährleisten, sind laut Küng etwa 40 weitere Antennen notwendig.

Gemäss Harry Künzle schwebt der Dienststelle Umwelt und Energie dafür eine Private-Public-Partnership vor, einer Zusammenarbeit zwischen dem Gemeinwesen und privaten Anbietern. Entsprechende Verhandlungen mit zwei der drei grossen Mobilfunkunternehmen, die in der Schweiz tätig sind, seien im Gang, sagt Künzle. Diese Anbieter hätten gegenwärtig das Ziel, möglichst grosse Antennen aufzustellen respektive vorhandene 4G-Antennen aufzurüsten.

Die Verantwortlichen der Stadt wollen auf dem Stadtgebiet indessen möglichst wenige solcher Antennen, sagt Harry Künzle. Er macht einen einleuchtenden Vergleich:

«Wir wollen die Stadt in der Nacht auch nicht mit einer überdimensionalen Lampe bis in den hintersten Winkel ausleuchten, damit nachher alle die Rollläden runterlassen müssen, damit sie schlafen können.»

Gesundheitsbedenken sind latent vorhanden

Der Verband Asut stellt gestützt auf den Bericht der «Arbeitsgruppe Mobilfunk und Strahlung» des Bundes fest, dass nach wie vor keine gesundheitlichen Risiken und Gefahren aufgrund des Mobilfunks belegt und durch den 5G-Standard mit heute geltenden Grenzwerten auch nicht zu befürchten seien. Schon heute würden 90 Prozent der Strahlung in der Regel durch die Geräte, insbesondere durch Smartphones, verursacht.

Dem pflichtet Harry Künzle bei. Je heftiger ein Gerät einen Sender suche, weil es weit von der Basisstation entfernt oder durch Mauern abgedeckt sei, desto stärker sei dessen Strahlung, sagt er. Künzle ist auch deshalb ein Verfechter eines Kleinzellennetzes. Dieses reduziere die Strahlung für Leute, die das Smartphone benutzten und für Leute in ihrer Nähe. Bis heute könnten Auswirkungen des Mobilfunks auf die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden, sagt er.

Dem widerspricht der Verband Asut nicht. Er verweist aber auf die im Vergleich mit der Europäischen Union (EU) schärferen Vorschriften in der Schweiz. Um ein funktionierendes 5G-Netz mit den geltenden Anlagegrenzwerten möglich zu machen, kann gemäss Stadt ein Kleinzellennetz in Kombination mit den bereits bestehenden grossen Antennen einen wichtigen Beitrag leisten. Die von den Betreibern geforderte Grenzwerterhöhung sei damit nicht erforderlich. Ein entsprechendes Konzept ist im Bericht der Arbeitsgruppe Mobilfunk und Strahlung beschrieben.

Harry Künzle sagt, der grösste Teil der Daten, die gegenwärtig über das mobile Netz übertragen würden, seien Videos und Fotos; für derlei tauge das Mikrozellennetz und 4G alleweil. Die Argumente der Branche, wonach der flächendeckende 5G-Standard für autonomes Autofahren, das Internet der Dinge oder für die Telechirurgie unabdingbar sei, teilt Künzle nicht.