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52 Massnahmen für Natur und Klima: Die Stadt St.Gallen will mit neuem Umweltkonzept die Lebensqualität sichern

Weniger Hitzeinseln, bessere Luft, mehr Artenvielfalt: Das sind die Ziele des neuen städtischen Umweltkonzepts, das die Verantwortlichen am Freitag präsentiert haben. Eine ganze Reihe an Massnahmen sind darin vorgesehen, einige sind bereits in der Umsetzung.

Luca Ghiselli
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Grünflächen wie der Dreilindenhang sind für ein gutes Stadtklima zentral.

Grünflächen wie der Dreilindenhang sind für ein gutes Stadtklima zentral.

Bild: Michel Canonica

Ein Energiekonzept gibt es bereits seit mehr als zehn Jahren, ein Mobilitätskonzept ebenfalls. Seit gestern hat die Stadt St.Gallen auch ein Umweltkonzept. Das Papier gibt Ziele in sieben verschiedenen Themengebieten vor, für welche die Verantwortlichen insgesamt 52 Massnahmen festgelegt haben: Stadtklima, Stadtnatur, Strahlung, Luft, Lärm, Boden, Wasser. Alles soll sich dank dieser Massnahmen in den kommenden Jahrzehnten verbessern.

Peter Jans, Direktor Technische Betriebe.

Peter Jans, Direktor Technische Betriebe.

Bild: Michel Canonica

«In der Stadt gibt es besonders vielfältige Nutzungsansprüche. Die Umwelt ist unter Druck», sagte Peter Jans, Direktor Technische Betriebe, an der Präsentation des neuen Umweltkonzepts im Botanischen Garten. Umso wichtiger sei es, den Lebensraum in der Stadt über dieses Jahrhundert hinaus zu sichern. «Das Umweltkonzept ist ein wertvolles Instrument dafür.»

Mit Biodiversität gegen Urban Heating

Knapp ein Drittel davon sind bereits in der Umsetzung. Um das Stadtklima zu verbessern, soll beispielsweise der Schutz vor Hitze und eine verstärkte Biodiversität in der Bau- und Zonenordnung verankert werden. Zudem sollen der Bodenverbrauch und die Bodenversiegelung reduziert werden.

Zunächst lässt die Stadt aber eine Klimaanalyse durchführen, um den Urban-Heating-Effekt zu untersuchen. Beim Massnahmenpaket für ein angenehmes Stadtklima gehe es nicht nur darum, den Klimaschutz zu verstärken, sagte Jans. «Es geht auch darum, uns an den Klimawandel anzupassen. Denn das Klima wird sich weiter verändern.» Am 27. September stimmt die St.Galler Bevölkerung über den sogenannten Klimaartikel in der Gemeindeordnung ab, der genau das verlangt. «Bei einem Ja haben wir dann einen konkreten Auftrag», sagte Jans.

Nicht nur das Klima ist ein Schwerpunkt des Umweltkonzepts, auch auf die Stadtnatur wollen die Verantwortlichen künftig ein grösseres Augenmerk legen. «Wir machen schon sehr viel, eine explizite Auseinandersetzung mit Biodiversität auf kommunaler Ebene hat bisher aber nicht stattgefunden.»

Stadt will bei eigenen Liegenschaften Vorbild sein

Das Konzept sieht unter anderem vor, dass Besitzer und Verwaltungen von Mehrfamilienhäuser für die Biodiversität sensibilisiert werden. Elemente wie Bäume, Sträucher und Grünflächen sollen in die Strassenraumgestaltung einbezogen werden und Freiflächen wenn möglich entsiegelt werden. Dabei werden Beton- oder Asphaltflächen durch wasserdurchlässige Alternativen ersetzt. Für die Landabgabe im Baurecht will die Stadt den Anforderungskatalog mit Biodiversitäts- und Stadtklima-Kriterien ergänzen. Und bei eigenen Liegenschaften will die Stadt ein gutes Vorbild sein und ihre eigenen Zielvorgaben erfüllen.

Neben diesen Schwerpunkten umfasst das Papier auch Massnahmen für weitere Bereiche wie Luft, Lärm, Boden, Wasser und Strahlung. So soll beispielsweise die Reduktion von nichtionisierender Strahlung im privaten Bereich gefördert, die Kleinzellenstrategie im Mobilfunk vorangetrieben werden. «Die Massnahmen sind nicht wie beim Energie- oder Mobilitätskonzept in erster Linie technischer Art, sondern finden auf der Planungsebene statt», sagte Jans.

Karin Hungerbühler, Dienststellenleiterin Umwelt und Energie.

Karin Hungerbühler, Dienststellenleiterin Umwelt und Energie.

Bild: PD

Karin Hungerbühler, Leiterin der städtischen Dienststelle Umwelt und Energie, präzisierte einige der Massnahmen, die bereits in der Umsetzung sind. So wird unter anderem eine Baumstrategie erarbeitet. «Bäume sind ein zentrales Element für die Wahrnehmung der Stadt.» Sobald die Bau- und Zonenordnung in Kraft tritt – also spätestens 2027 – kann der verstärkte Fokus auf Grünflächen und Biodiversität auch bei Bauvorhaben auch rechtlich verbindlich durchgesetzt werden.

Hitzetage, Tropennächte, Vögel und Insekten zählen

Hungerbühlers Dienststelle ist auch dafür verantwortlich, dass die Zielsetzungen des Umweltkonzepts erfüllt und die Massnahmen umgesetzt werden. Weil die Indikatoren – anders als etwa beim Energie- oder Mobilitätskonzept – nicht so einfach messbar sind, arbeitet die Stadt für die Erfolgskontrolle mit dem nationalen Netzwerk «Cercle Indicateurs» zusammen.

Für die Biodiversität arbeiten die Verantwortlichen mit Indikatoren wie dem Brutvogel- und Insekten-Index, messen das Baumvolumen oder zählen begrünte Dächer. Für das Klima werden Hitzetage und Tropennächte sowie der Versiegelungsgrad von Bodenflächen untersucht.

Umwelt soll bei Konflikten genügend Gewicht erhalten

«Lebensraum sichern ist eine Querschnittaufgabe der Verwaltung», sagte Peter Jans. Man habe die Zusammenarbeit zwischen den Dienststellen und Direktionen in den letzten Jahren verbessert. Jetzt gehe es darum, das Umweltkonzept im Alltag, aber auch in gemeinsamen Projekten umzusetzen. Jans sagte:

«Natur und Umwelt müssen bei Interessenskonflikten, wie sie in Städten oft vorkommen, genügend Gewicht erhalten.»

Bisher sei das nicht immer der Fall gewesen, so der Direktor der Technischen Betriebe.

Mit Vorlegen des Umweltkonzepts beantragt der Stadtrat dem Parlament, das Postulat «Grüne Dächer und Fassaden – gegen Hitze in der Stadt» als erledigt abzuschreiben. Das Geschäft wird voraussichtlich im August behandelt. Welche Reaktionen erwartet Jans? «Von ‹völlig übertrieben› bis ‹viel zu wenig› wird alles dabei sein.»

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