300 E-Scooter stehen in der Stadt St.Gallen bereit – der deutsche Anbieter Tier hat sich die Bewilligung dank Klimaneutralität gesichert

Trotz durchzogener Bilanz des Pilotprojekts 2019 führt die Stadt St.Gallen per 25. Juli ein Selbstverleihsystem mit E-Trottinette ein. Im Bewerbungsverfahren hat sich der deutsche Anbieter Tier durchgesetzt. Er punktete bei der Stadt unter anderem mit ökologischen Aspekten.

Luca Ghiselli
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Insgesamt 300 E-Trottinette der Marke Tier sind bald auf St. Galler Strassen unterwegs. Angetrieben werden sie mit Ökostrom.

Insgesamt 300 E-Trottinette der Marke Tier sind bald auf St. Galler Strassen unterwegs. Angetrieben werden sie mit Ökostrom.

Bild: PD

Es war ein durchzogenes Fazit, das die Verantwortlichen der Stadt nach der dreimonatigen Testphase mit E-Trottinette zogen: Von Ende Juli bis Ende Oktober 2019 waren 100 E-Scooter des Anbieters Voi in St.Gallen unterwegs. Zwar wurden die Fahrzeuge rege genutzt – über 50'000 Fahrten registrierte der Anbieter – es gab aber Probleme mit dem Abstellen der Fahrzeuge. Und: Eine Fahrt mit den E-Scootern ersetze kaum Autofahrten, bringe also keinen grossen ökologischen Mehrwert, so die ernüchternde Bilanz, welche die Stadt Anfang März zog.

Trotzdem entschlossen sich die Behörden, es nicht bei der Pilotphase zu belassen. Es folgte ein Bewerbungsverfahren, bei dem sich insgesamt fünf Anbieter dieser Selbstverleihsysteme um eine zweijährige Bewilligung bemühen konnten.

Seit Montag ist klar: Die Firma Tier mit Sitz in Berlin hat den Zuschlag erhalten. Ab 25.Juli stellt das Unternehmen, das in neun Ländern und mehr als 65 Städten aktiv ist, 300 E-Scooter auf Stadtgebiet zur Verfügung – also dreimal mehr, als während der Testphase 2019 auf St.Galler Strassen unterwegs waren. Ob sich auch Voi beworben hat, ist unklar. Eine entsprechende Anfrage blieb unbeantwortet.

Wer die Stadtgrenze verlässt, fährt Schritttempo

Im Unterschied zur Pilotphase mit Voi können die E-Trottis bis auf wenige Ausnahmen auf dem ganzen Stadtgebiet gefahren und abgestellt werden. Sonderfälle sind beispielsweise Teile der Altstadt, das Burgweier-Areal, Drei Weieren oder der Stadtpark, wo Fahrverbot gilt. Verlässt man mit dem E-Scooter die Stadtgrenze, wird das Fahrzeug auf fünf Stundenkilometer gedrosselt, auch das Abstellen ist nicht mehr möglich. Das Entsperren der Geräte kostet einen Franken, jede weitere Minute Fahrtzeit 40 Rappen.

Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Bild: PD

«Die E-Scooter dürfen vom Anbieter überall dort platziert werden, wo sich offizielle Veloabstellplätze befinden», sagt Roman Kohler, Mediensprecher der St.Galler Stadtpolizei. Auf fünf Velos darf ein E-Scooter kommen. Warum hat Tier den Zuschlag erhalten?

«Einerseits pflegt die Firma ein aktives Beschwerdemanagement. Sie beschäftigt lokal ein fest angestelltes Team, das sich um diese Anliegen kümmert», sagt Kohler. Andererseits habe der Anbieter auch ökologische Vorzüge. So sei Tier zertifiziert klimaneutral, sammle die E-Scooter mit Elektrofahrzeugen wie E-Cargo-Velos oder Elektroautos ein und beziehe ausschliesslich Ökostrom. Überdies sind in einer ersten Phase ein Drittel der E-Scooter mit einer Helmbox ausgerüstet.

Die E-Scooter werden von März bis Oktober zum Selbstverleih angeboten – in anderen Städten stehen sie ganzjährig zur Verfügung. Warum nicht in St.Gallen? Kohler sagt:

«Es geht um die Schneeräumung.»

Die E-Scooter würden diese erschweren. Sei am Ende der Saison kein Schnee absehbar, könne die Bewilligung aber verlängert werden.

Tier sucht noch ein Lager in St.Gallen

Beim Anbieter Tier zeigt man sich über den Zuschlag hocherfreut. «Es ist schön, dass unser ökologischer Ansatz gewürdigt wurde», sagt Schweiz-Manager Emre Argön. Derzeit suche man ein geeignetes Lager in der Stadt St.Gallen und sei dabei, ein Team zusammenzustellen, das sich vor Ort um den Betrieb kümmere. «Es besteht aus einem Mechaniker, drei bis vier Fahrern und einem Teamleiter.»

In der Schweiz ist Tier Marktführer und bereits in Basel, Zürich, Winterthur sowie Zug präsent. Während sich die Firma in den drei Grossstädten den E-Scooter-Kuchen mit anderen Anbietern teilt, hat sie in Zug – wie nun auch in St.Gallen – eine Exklusivbewilligung.

Bald teilen sich St.Gallerinnen und St.Galler also E-Scooter und Helme. Wie ist das in Coronazeiten möglich? «In der Helmbox ist ein Einweg-Haarnetz beigelegt. Ausserdem werden die Geräte bei jeder Wartung desinfiziert», sagt Emre Argön. Das sei herausfordernd, aber: «Wir sind bereit.»

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