Interview

250 Bussen, neun Anzeigen und das Warten auf neue Weisungen: Die Lockdown-Bilanz des St.Galler Stadtpolizei-Kommandanten 

Die Coronapandemie hält die Stadtpolizei auf Trab. Kommandant Ralph Hurni zieht Zwischenbilanz und harrt neuer Weisungen des Kantons.

Daniel Wirth und Diana Hagmann-Bula
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Polizisten kontrollieren auf Drei Weieren, ob zwei Meter Abstand eingehalten werden.

Polizisten kontrollieren auf Drei Weieren, ob zwei Meter Abstand eingehalten werden.

Raphael Rohner

Am Montag, sechs Wochen nach dem Coronalockdown, dürfen in Coiffeur- und Kosmetiksalons, Praxen, Tattoo-Studios und Gartencenter wieder Kunden bedient werden. Dabei gelten je nach Branche unterschiedliche Schutzbestimmungen. Wer kontrolliert, ob diese eingehalten werden, ist im Kanton St.Gallen noch offen. Ralph Hurni, Kommandant der Stadtpolizei St.Gallen, erwartet die Weisung des Regierungsrates in jedem Augenblick.

Ralph Hurni, ab Montag gelten gelockerte Corona­bestimmungen. Wie bereitet sich Ihr Polizeikorps auf die neue Kontrollsituation vor?

Ralph Hurni: Wir wissen noch nicht, ob wir weiterhin Kontrollen durchführen müssen oder ob ab Montag jemand anders mit der Aufgabe betraut sein wird.

Wie bitte? Übermorgen geht’s los.

Wir sind zuversichtlich, dass uns der Regierungsrat rechtzeitig informieren wird. Heute sieht das Ganze so aus: Der Kanton hat die Gemeinden mit den Betriebscoronakontrollen beauftragt. Der Stadtrat hat dann der Stadtpolizei den Auftrag erteilt, die Kontrollen durchzuführen.

Wie oft hat die Stadtpolizei St.Gallen intervenieren müssen wegen Missachtens der Coronaverhaltensregeln?

Das lässt sich nicht beziffern, weil nicht jede Intervention einer Patrouille mit einer Ordnungsbusse endet. Ohnehin: Der Grossteil der Bevölkerung hielt sich bisher an die Regeln.

Wie viele 100-Franken-Coronabussen wurden in der Stadt St.Gallen ausgestellt?

Ralph Hurni, Kommandant der Stadtpolizei St. Gallen

Ralph Hurni, Kommandant der Stadtpolizei St. Gallen

Urs Bucher

250 Bussen wurden ausgesprochen. Das heisst nicht, dass wir 250-mal intervenierten. Wenn eine Gruppe mit zehn Personen angehalten wurde, haben all diese eine Busse kassiert. Neun Personen wurden bei der Staatsanwaltschaft angezeigt, weil sie beispielsweise trotz Verbots einen Betrieb offen hielten.

Oftmals werden die Stadtpolizisten zu einem Einsatz gerufen. Die soziale Kontrolle funktioniert gut, oder anders ausgedrückt: Es herrscht Denunziantentum.

Wir erhalten regelmässig Anrufe. Oft finden wir beim Eintreffen vor, was uns am Telefon geschildert wurde, andere Male hat sich eine Gruppe von mehr als fünf Personen bereits aufgelöst. Grundsätzlich sind wir froh um sachdienliche Hinweise. Das ermöglicht uns gezielte Aufklärungs- und Kontrolltätigkeit.

Bedeutet die Coronapandemie für die Stadtpolizei St.Gallen einen erheblichen Mehraufwand?

Die Arbeiten in Zusammenhang mit der Coronapandemie bedeuten unter dem Strich einen Mehraufwand. Aber wir können diesen leisten, weil andere Aufgaben schlichtweg wegfallen.

Zum Beispiel der personalintensive Sicherheitsdienst bei den Spielen des FC St.Gallen?

Zum Beispiel, ja. Das Coronavirus legt jedoch nicht nur den Spitzensport lahm. Es finden auch keine anderen Grossveranstaltungen in der Stadt statt, die einen Polizeieinsatz erfordern. Hinzu kommt, dass viele Arbeitnehmer im Homeoffice arbeiten und deshalb nicht pendeln müssen.

Der Verkehr hat abgenommen und damit auch unsere Einsätze auf den Strassen in der Stadt. Dafür haben die Coronakontrollen einen vertretbaren Mehraufwand ausgelöst.

Man muss wissen: Wir kontrollierten ja bis heute nicht nur das Einhalten des Sicherheitsabstands.

Was wird aktuell noch kontrolliert in Zusammenhang mit der Coronapandemie?

Ob in den Läden ausschliesslich Dinge des täglichen Gebrauchs verkauft werden. Wir machen aber auch Geschwindigkeitskontrollen und überprüfen lärmige Autos und deren Lenker.

In welcher Form wird die Stadtpolizei von der Armee oder der Zivilschutzorganisation in dieser ausserordentlichen Lage unterstützt?

Wir werden von der Polizeidienstkompanie der Zivilschutzorganisation St.Gallen-Bodensee unterstützt. Jeweils an Wochenenden standen uns drei Zweierteams, die vom Regionalen Führungsstab aufgeboten worden waren, zur Seite. Ab nächster Woche helfen uns die Angehörigen des Zivilschutzes auch wochentags.

Wo werden diese Männer von der Polizei eingesetzt?

Wir wissen nicht, ob es mit der Wiedereröffnung von Gartencentern und Baumärkten zu Staus im Verkehr kommen wird. Falls ja, werden sie dort den Verkehr regeln oder als Dialogteams auf die geltenden Vorschriften hinweisen. Wir sind froh über diese Unterstützung.

Man hört, es gebe auch in Ihrem Korps Polizisten, die sich mit dem Coronavirus infiziert hätten. Stimmt das?

Nein, wie haben keine bekannten Fälle im Korps. Aber wir mussten Polizisten in Quarantäne schicken, weil sie bei Einsätzen Kontakt mit Leuten hatten, die an Corona erkrankt waren.

Wie schützen sich Ihre Polizistinnen und Polizisten?

Wir halten die Hygienevorschriften strikt ein, wahren nach Möglichkeit die zwei Meter Abstand und tragen bei Bedarf besondere Schutzbekleidung und auch Schutzbrillen.

Wann ist das Tragen von Schutzkleidern Vorschrift?

Bei einem aussergewöhnlichen Todesfall beispielsweise. Dann tragen unsere Polizisten eine Schutzbekleidung und -brillen.

Wie kommt das an?

Für unsere Leute ist das kein Problem. Es führt aber hie und da zur Situation, dass Leute glauben, wir untersuchten ein Tötungsdelikt, weil sie Polizisten in weissen Schutzanzügen und mit Schutzbrillen sehen.

Ist das Tragen von Schutzmasken innerhalb der Stadtpolizei ein grosses Thema?

Ja. Es wird darüber diskutiert, ob das sinnvoll wäre oder ob es unnötig ist.

Was meinen Sie?

Die Polizeikorps der Schweiz sind sich im Moment einig: Es ist nicht angezeigt, dass Polizistinnen und Polizisten im Normaleinsatz Masken tragen müssen.

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