Jubelfeier

2021 haben auch die St.Gallerinnen allen Grund zum Feiern: Der lange Weg zum Stimm- und Wahlrecht der Frauen

Das neue Jahr ist in der Stadt St.Gallen reich an Jubel- und Gedenktagen. So jährt sich die Einführung des Frauenstimmrechts auf eidgenössischer Ebene zum 50. Mal. Das Historische und Völkerkundemuseum wird 100, die Frauenbadi auf Dreilinden 125 Jahre alt.

Reto Voneschen
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Frauen gehen Anfang der 1970er-Jahre für ihre politischen Rechte auf die Strasse.

Frauen gehen Anfang der 1970er-Jahre für ihre politischen Rechte auf die Strasse.

Bild: Keystone
(Zürich, 1. Mai 1970)

Vor fünfzig Jahren, am 7. Februar 1971, sagten die damals alleine stimm- und wahlberechtigten Schweizer Ja zu Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene. Auf kantonaler und kommunaler Ebene wurde im St.Gallischen die politische Gleichstellung den Frauen allerdings erst per Abstimmung vom 23. Januar 1972 gewährt. Vorausgegangen war diesen Entscheiden ein langer und harter Kampf. Er war eng verknüpft mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Emanzipation der Frauen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Frauenstimmrecht lässt auf sich warten

Bereits im Mai 1945 war an einer sozialistischen Friedenskundgebung in St.Gallen das Stimm- und Wahlrecht für Frauen gefordert worden. Dies mit Verweis auf ihre grossen Leistungen während der Kriegsjahre 1939 bis 1945. Im Kantonsrat wurde eine Motion fürs Frauenstimmrecht eingereicht. Nach langen und kontroversen Debatten erhielten nach einer kantonalen Abstimmung 1952 die Konfessionsteile die Möglichkeit, das Stimmrecht für Frauen in kirchlichen Angelegenheiten einzuführen.

Die ersten zehn 1971 gewählten sowie zwei im Dezember 1971 und im Juni 1972 nachgerückte Nationalrätinnen. Stehen von links: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier und Hanna Sahlfeld. Sitzend von links: Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky.

Die ersten zehn 1971 gewählten sowie zwei im Dezember 1971 und im Juni 1972 nachgerückte Nationalrätinnen. Stehen von links: Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier und Hanna Sahlfeld. Sitzend von links: Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Ribi und Nelly Wicky.

Bild: Keystone
(Bern, 23.7.1972)

Der Versuch der evangelischen Kirche, genau das 1955 zu tun, scheiterte allerdings an der Opposition in ländlichen Gebieten des Kantons. 1959 erging es einer eidgenössischen Vorlage fürs Frauenstimmrecht nicht besser: Sie wurde an der Abstimmungsurne abgeschmettert. Am 27. September 1970 scheiterte dann auch noch eine kantonale Abstimmungsvorlage, die den St.Galler Gemeinden die Einführung der politischen Rechte der Frauen hätte ermöglichen sollen.

St.Galler tun sich schwer mit dem Frauenstimmrecht

Im Februar 1971 kam es dann zum zweiten, erfolgreichen Urnengang fürs eidgenössische Frauenstimmrecht. Wobei St.Gallen als einer von fünf Kantonen seine Einführung mehrheitlich immer noch ablehnte. Ein knappes Jahr später, am 23. Januar 1972, wurde das Stimm- und Wahlrecht für Frauen dann endlich auch auf kantonaler und kommunaler Ebene eingeführt.

Zur Ehrenrettung der Stadtsanktgaller Männer hält Ernst Ehrenzeller in seiner Geschichte der Gallusstadt allerdings ausdrücklich fest: «Ordnungshalber sei beigefügt, dass die männlichen Stimmbürger der Stadt in allen drei Urnengängen das Frauenstimmrecht mehrheitlich gutgeheissen hatten.» Die Mehrheit stellten die Gegner (und die Gegnerinnen!) der politischen Frauenrechte in ländlichen Gegenden.

Ein Höhepunkt wird der internationale Frauentag

Natürlich ist geplant, 50 Jahre Stimm- und Wahlrecht für Frauen gebührend zu feiern. Die Frauenzentralen St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden sowie der katholische Frauenbund St.Gallen-Appenzell feiern das Jubiläumsjahr gemeinsam. Mit einem umfangreichen Programm von Ende Januar bis Ende Oktober wollen sie ein Zeichen für Solidarität und Gemeinschaftlichkeit unter Frauen setzen.

Wenn's die Coronapandemie zulässt, wird die Politische Frauengruppe auch am 8. März dieses Jahres auf dem Bärinnenplatz St.Gallerinnen mit Mimosen zum internationalen Frauentag beschenken.

Wenn's die Coronapandemie zulässt, wird die Politische Frauengruppe auch am 8. März dieses Jahres auf dem Bärinnenplatz St.Gallerinnen mit Mimosen zum internationalen Frauentag beschenken.

Bild: Michel Canonica
(8.3.2018)

Ein Höhepunkt ist Montag, 8. März. Am Internationalen Frauentag gibt’s in St.Gallen den Film «Die göttliche Ordnung», die traditionelle Mimosenaktion auf dem Bärenplatz sowie am Abend Frauenpolitik und ein Frauenfest im Lagerhaus.

Frauen, Macht und Kleider

Das Textilmuseum wartet ab 19. März zudem mit einer aufs Jubiläum zugeschnittenen Ausstellung auf. Titel: «Robes Politiques – Frauen, Macht, Mode». Gezeigt werden Kostüme und Accessoires von 1600 bis heute, die weiblichen Machtanspruch und weibliche Machtrepräsentation im Wandel von Gesellschaft, Politik und Mode versinnbildlichen.

Der Ausschnitt aus einem zeitgenössischen Bild zeigt die englische Königin Elisabeth I.

Der Ausschnitt aus einem zeitgenössischen Bild zeigt die englische Königin Elisabeth I.

Bild: Textilmusdeum SG

Einen Schwerpunkt legt die Schau auf die öffentliche Wahrnehmung bedeutender Frauen. Deren Erscheinen auf der politischen Bühne wurde damals und wird heute noch nicht nur mit Beifall, sondern vielfach auch mit (Stil-)Kritik bedacht.

Jubiläumsprogramm

Geplant ist eine zweiteilige Party

(vre) Die meisten Gedenktage und Jubiläen, die sich 2021 jähren, werden nicht gefeiert. Im Fall des Historischen und Völkerkundemuseums (HVM) ist aber ein Fest in Vorbereitung: Im März wird das HVM im Stadtpark 100 Jahre alt. Trotz der Unsicherheiten mit dem Coronavirus ist ein Programm in Vorbereitung, mit dem dieser Anlass gefeiert werden soll.

Da der Platz im Alten Museum (im Kunklerbau, in dem heute das Kunstmuseum untergebracht ist) knapp war, wurde bereits ab 1912 ein Baufonds für ein zweites Museumsgebäude für die städtischen Sammlungen im Stadtpark geäufnet. Nach einem Architekturwettbewerb, der 1913 durchgeführt worden war, beschloss die Ortsbürgergemeinde 1914, den Neubau zu erstellen. Die Bauarbeiten dauerten von 1915 bis 1921.

Das Historische und Völkerkundemuseum im St.Galler Stadtpark wird 2021 100 Jahre alt.

Das Historische und Völkerkundemuseum im St.Galler Stadtpark wird 2021 100 Jahre alt.

Bild: Benjamin Manser (6.1.2020)

Speziell ist am Museum, dass im oberen Stock zwölf alte Zimmer vom Anfang des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts eingebaut wurden. Darunter ist die Ratsstube aus dem 1877 abgebrochenen alten Rathaus, das sich am heutigen Standort des Vadian-Denkmals befand.

Maler Klimt, seine Freunde und 100 Museumsobjekte

Natürlich will das HVM im Frühling sein Jubiläum gebührend feiern. In Planung sind zwei Ausstellungen und verschiedene Veranstaltungen, darunter Tage der offenen Türe mit Gratiseintritt am 29. und 30. Mai. Bereits am 26. März wird die Ausstellung «Klimt und Freunde zu Gast in St.Gallen» eröffnet.

Am 28. Mai dann findet die Vernissage der Jubiläumsausstellung «Das HVM in 100 Objekten» statt. Zu beiden Ausstellungen ist die Herausgabe eines umfangreichen Katalogs geplant; dazu ist eine Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Historischen und Völkerkundemuseums in Vorbereitung.