2000-jährige Funde: Archäologen finden römische Spuren in Waldkirch

Die 2000-jährigen archäologischen Funde sollen vorerst unter der Erde liegen bleiben. Der Waldkircher Gemeindepräsident ist überrascht.

Melissa Müller
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Kantonsarchäologe Martin Schindler mit einem seiner spektakulärsten Fundstücke aus Rapperswil im Labor. Nun wurden auch in Waldkirch römische Objekte gefunden. Sie einzuordnen, sei jedoch schwierig.

Kantonsarchäologe Martin Schindler mit einem seiner spektakulärsten Fundstücke aus Rapperswil im Labor. Nun wurden auch in Waldkirch römische Objekte gefunden. Sie einzuordnen, sei jedoch schwierig.

Hanspeter Schiess

Spaziergänger haben in Waldkirch Metallteile aus der Zeit der Römer gefunden. Archäologen vermuten, dass sich unter der Erde noch mehr Objekte aus der Spätantike verbergen. Sie haben vier Fundstellen in der Landwirtschaftszone als schützenswert eingestuft. Diese Orte sind im aktuellen Richtplan aufgeführt. «Vielleicht hatten die römischen Funde einen militärischen Zweck», sagt Martin Schindler, der Leiter der St.Galler Kantonsarchäologie.

Er geht davon aus, dass Waldkirch für die Römer vor 2000 Jahren zum Hinterland von Arbon zählte. Ob die Römer in Waldkirch jagten oder Gutshöfe betrieben, kann Schindler nicht sagen. Jedenfalls will der 53-Jährige die Fundstellen nicht an die grosse Glocke hängen:

«Das würde manche Leute verlocken, dort nach weiteren Objekten zu suchen.»

Dies sei verboten. Wer etwas findet, muss es melden. Denn was unter dem Boden liegt, gehört dem Kanton. Es komme öfter vor, dass jemand ein Hufeisen, eine Burgstelle oder eine alte Wegspur entdeckt.

Immer wieder versuchen Hobby-Schatzsucher, Funde auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Vor sechs Jahren stellte die Polizei einen Sammler, der im Internet eine in Engelburg entdeckte Goldmünze anbot (Bild). Solche Taten würden mit Bussen von bis zu 30'000 Franken bestraft.

Fast 4000 archäologische Fundstellen gibt es im ganzen Kanton; 550 wurden im Richtplan aufgenommen. Etwa die Häggenschwiler Ruine Ramschwag. Dort wurden bei Ausgrabungen in den 1930er-Jahren kaputte Kachelöfen, Kochgeschirr, Geschützkugeln und eine Rindertalg-Lampe gefunden.

Arbeiter stiessen auf Skelette

Neu im Richtplan ist auch eine Ausgrabungsstelle in Wittenbach, wo man ein Massengrab fand. Beim Bau einer Wasserleitung für die einstige Männeranstalt Kappelhof in Kronbühl stiessen Arbeiter im Jahr 1913 auf sechs Skelette. Ohne es zu ahnen, hatten sie einen Grabhügel angeschnitten. «Die Umstände weisen darauf hin, dass wir es mit einem Massengrab aus der Zeit der Appenzellerkriege zu tun haben», notierte das Abendblatt des «St.Galler Tagblatts» am 3. November 1913.

Parallel zur Schlacht am Stoss sei vor 600 Jahren auch vor St. Gallen gekämpft worden, erklärt Martin Schindler. Nach den Gefechten wurden Männer angestellt, um die Leichen der jungen Krieger zu begraben. In einem Seckelamtsbuch wurden am 18. Juni 1405 die Kosten vermerkt: Drei Männer «truogent die toten zesamen in den Bruggan...», heisst er darin. Das Dokument wird im St. Galler Stadt­archiv aufbewahrt.

Ein Gedenkstein erinnert beim Kappelhof in Wittenbach an eine Kapelle und die gefallenen Krieger, die im Jahr 1405 ihr Leben liessen.

Ein Gedenkstein erinnert beim Kappelhof in Wittenbach an eine Kapelle und die gefallenen Krieger, die im Jahr 1405 ihr Leben liessen.

Bild: Nik Roth

Nach der Ausgrabung 1913 wurden die Gebeine im Friedhof in Wittenbach bestattet – was Schindler bedauert, weil sie dadurch für die Wissenschaft verloren sind. Nur vier Skelette landeten im Knochenlager der Kantonsarchäologie.

Waldkircher Funde sollen weiterhin schlummern

Die meisten Fundstätten sollen unter der Erde bleiben, konserviert für die nächsten Generationen. Auch jene in Waldkirch. Schindler denkt nicht daran, diese frei zu legen. «Wir werden nur aktiv, wenn Kulturgüter bedroht sind.» Dies sei bei archäologischen Hotspots in Sargans, Rapperswil-Jona und der St.Galler Altstadt der Fall. «Unsere Maxime ist, dass wir nur eingreifen, wo gebaut wird.»

Bei einer Grabung würden Erdschichten zerstört, die wichtige archäologische und geologische Informationen enthalten. Es gehe nicht allein um die Objekte, sondern um den Zusammenhang. Der Kontext werde je länger, je wichtiger. «Diese Quellen wollen wir schützen.» Künftige Generationen hätten vielleicht bessere Techniken, um Funde im Boden zu analysieren.

Bei Schloss Oberberg ­wurden Leute hingerichtet

Die Archäologen vermerken jede Fundstelle. Falls dort einmal die Bagger auffahren, könnten sie ausrücken. Sie halten das Inventar à jour, wenn es neue Informationen zu einer Fundstelle gibt. In Walenstadt wussten die Archäologen etwa lange nicht, wo sich ein Hochgericht befand, bei dem Verbrecher verscharrt wurden. Nun ist ein Plan zum Vorschein gekommen, sodass man jetzt weiss, wo der Galgen stand.

Bis im 18. Jahrhundert wurden im Kanton St.Gallen Menschen erhängt. Die Galgen seien oft gut markiert auf alten Karten – ähnlich wie Stadttore oder Rathäuser. «Der Galgen war ein Herrschaftssymbol», sagt Kantonsarchäologe Schindler. «Man demonstrierte damit die Gewalt, über die Leute zu richten bis aufs Blut.» Davon zeugt der Galgenrain beim Schloss Oberberg in Gossau oder das Galgentobel in St. Gallen. Ein Galgen stand einst an Stelle der evangelischen Kirche Heiligkreuz. Auch in Wil, Rorschach und Rheineck wurden Galgen errichtet.

Waldkircher Präsident ist erstaunt

Gemeindepräsident Aurelio Zacchari ist erstaunt über die Fundestellen in Waldkirch. Er wusste nichts davon, bevor er den Richtplan las. «Die Archäologen stellen uns vor vollendete Tatsachen.» Er frage sich, ob dies Konsequenzen für die Gemeinde habe. Und etwa Bauvorhaben einschränken könne. «Ein Schutzgebiet bedeutet nicht ein Bauverbot», betont Martin Schindler.

Im Rahmen der Vernehmlassung könnten die Gemeinden weitere Informationen anfordern und zum Richtplan Stellung nehmen. «Wir bieten Informationen an, damit die Gemeinden Bauprojekte gemeinsam mit uns planen können.» Die Ausweisung von Schutzzonen liege auch im Interesse von Privaten. So könnten sie sich darüber informieren, ob ihre Parzelle in einem archäologischen Schutzgebiet liegt.