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1972 schloss das letzte "für immer" - Kinos hatten in Gossau einen schweren Stand

Sie hiessen Orient, Apollo oder Urban: Die Kinos, in denen sich frühere Generationen Gossauer «Gilberte de Courgenay» oder «Polizischt Wäckerli» anschauten. Lange erfolgreich war keines.
Karl Schmuki
Das Kino Urban an der Stadtbühlstrasse schloss 1972. Das Fernsehen lockte immer mehr Zuschauer vom Samtsessel aufs Sofa. (Bild: PD)

Das Kino Urban an der Stadtbühlstrasse schloss 1972. Das Fernsehen lockte immer mehr Zuschauer vom Samtsessel aufs Sofa. (Bild: PD)

Am Sonntag, 19. März 1972, liefen im Kino Urban an der Stadtbühlstrasse die beiden letzten Filme: «Und Jimmy ging zum Regenbogen», gemäss Filmlexikon «eine schwülstig und unglaubwürdig geratene Mischung aus Krimi, Agentenfilm und Schnulze» und – in italienischer Sprache – «Blonde Köder», ein «konfuser und langweiliger Sex-Krimi». Im Inserat für die beiden Filme war unscheinbar die Notiz hinzugefügt: «Das Kino Urban wird ab 19. März für immer geschlossen».

Zum ersten Mal sahen die Gossauerinnen und Gossauer im Mai 1901 bewegte Bilder: Mit dem Riesen-Kinematograph von Georges Hipleh-Walt schlug im Stickereidorf für vier Tage ein Wanderkino sein Zelt auf. In Scharen strömte die Bevölkerung zum Gallusschulhaus und staunte über die Bilder vom Burenkrieg, von der Beisetzung der englischen Königin Victoria oder über Ausschnitte aus dem Märchen «Aschenbrödel». In den nächsten Jahren erlaubte der Gemeinderat bisweilen Wanderkinos, in Gossau Station zu machen. Wie in grösseren Städten gab es auch in Gossau noch vor dem 1. Weltkrieg einen Versuch, ein ständiges Kino einzurichten: Die Zahl der Vorführungen in einem kleinen Anbau zum Haus Bahnhofstrasse 15 blieb klein. Schon bald schloss das Kino seine Tore, und der Gemeinderat meinte, dass man in Gossau vom Kino nicht leben könne.

1925-1932: Kinos Central, Orient und Apollo

Anfang 1925 richtete Jakob Hälg in einem einfachen Hinterhaus an der St. Gallerstrasse 78 ein neues Kino ein. Der Gemeinderat hatte ihn gewarnt: In Gossau bestehe kein Bedürfnis für ein Kino, aber vom Standpunkt der Gewerbefreiheit könne er gegen das Vorhaben nichts einwenden, sofern die bau- und feuerpolizeilichen Vorschriften eingehalten seien. Diesem Kino «Central» war kein langes Dasein beschieden; bereits Ende September 1925 war Schluss. Gleich erging es dem wenig später an gleicher Stätte eingerichteten Kino «Orient». Der Publikumszuspruch blieb bescheiden. Bis zum definitiven Ende 1929 gab es monatelange Vorführungspausen.

Gossau war ein hartes Pflaster für Kinobetreiber. Infolge von Weltwirtschaftskrise und Niedergang der Stickereiindustrie waren die Arbeitslosenzahlen hoch. Angesichts der finanziell oft angespannten Lage überlegte man sich einen Kinobesuch zweimal. So stellte der Gemeinderat auch einem dritten Versuch, an der gleichen Stelle ein Kino zu betreiben, 1931 «kein gutes Prognostikon» aus. Das bittere Ende für den Betreiber des Kinos «Apollo» kam nur Monate später.

«Ein Markstein in der Entwicklung Gossau»

Die Gründung einer Filmgilde entfachte 1942 in Gossau das Kinofieber neu. Im Saal des Gasthauses Sonne, dem gesellschaftlichen Mittelpunkt von Gossau, wurden anspruchsvolle, aber bald auch kommerzielle Filme gezeigt. Der Zustrom war beträchtlich, auch dank Kassenschlagern wie Walt Disneys «Bambi» oder Schweizerfilmen wie «Gilberte de Courgenay».

In dieser Kinoeuphorie baute Walter Eckardt im Sommer 1945 an der Stadtbühlstrasse ein eigenes Kinogebäude, das Kino «Urban». Der «Fürstenländer» widmete der offiziellen Einweihung zwei Sonderseiten. Der Tag sei ein «Markstein in der Entwicklung der Gemeinde Gossau», ein «Geschehnis mit fortschrittlich-kulturpolitischem Akzent». Keine Stadt, keine Gesellschaft könne sich dem Einfluss des Films entziehen. Der «allwöchentliche Gang ins Lichtspieltheater» bedeute eine Stunde Kurzweil, Vergessen, Entspannung wie die Feierabendpfeife oder das sonntägliche Glas Wein.

Die Nachkriegszeit war die erfolgreichste Epoche fürs Kino in Gossau. Allerdings liefen Filme in Gossau gegenüber der Stadt St. Gallen häufig später an, so dass das Kino Urban den Inseraten der städtischen Kinos Anmerkungen beifügen liess, dass dieser oder jener Film demnächst auch in Gossau gezeigt würde. Dank populärer Schweizer Filme wie «Polizischt Wäckerli» oder «Ueli der Knecht» ging es dem Gossauer Dorfkino ordentlich. Zum Erfolg trugen auch Kindervorstellungen am Heiligen Abend oder am Chläusler bei.

Die Konkurrenz des Fernsehens war zu gross

1953 begann in der Schweiz die Ära des Fernsehens, ab 1960 wurden TV-Apparate für viele Haushalte erschwinglich. Die Zahl der Anschlüsse stieg rasant an. Wieso sollte man da noch ins Kino gehen? Wenn der Fernsehapparat schon zu Hause stand, konnte man den Feierabend bequemer und kostengünstiger zu Hause verbringen, mit Bildern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich.

Diese Konkurrenz wurde für das Kino Urban zu mächtig. Es wurde zum Verlustgeschäft. Mit der Vorführung von Filmen in italienischer Sprache fand man zwar dank vieler in Gossau und Umgebung lebender Gastarbeiter eine kleine Nische, denn den italienischen Fernsehsender RAI konnte man damals hier nicht empfangen.

Subventionen durch die öffentliche Hand zögerten das Ende des Kinos Urban nur hinaus. Nach der Schliessung 1972 hielt der Gemeinderat explizit «für spätere Zeiten» fest: In Gossau sei ein Kino nicht kostendeckend zu führen. Die Konkurrenz durch das Fernsehen sei zu gross, und für kulturelle Veranstaltungen würden die Gossauer lieber nach St. Gallen fahren. Mit einem Seitenhieb auf die fehlende Kulturbeflissenheit der Bevölkerung reagierte die Zeitung «Ostschweiz»: «Die Tatsache, dass Gossau nicht in der Lage ist, ein selbsttragendes Kino mit ansprechendem Programm zu halten, ist nicht unbedingt positiv zu werten».

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